Panorama

Angeklagter Multimillionär Jeffrey Epstein

Der Peiniger im Visier der Justiz

Jahrelang setzte Jeffrey Epstein auf juristische Nachsicht. Jetzt muss der reiche US-Finanzberater bis zu seinem Missbrauchsprozess in Haft bleiben. Selbst seine vielen Kontakte helfen ihm nicht mehr.

New York State Division of Criminal Justice Services/ Reuters

Haftfoto von Jeffrey Epstein: Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe

Von , New York
Freitag, 19.07.2019   14:04 Uhr

Richard Berman ist heikle Fälle gewöhnt. Der New Yorker Richter hat schon über Stars, Sportler und Spione geurteilt - darunter Beyoncé, Footballer Tom Brady oder Evgeny Buryakov, den Anführer eines russischen Geheimagentenrings in den USA.

Kein Wunder, dass ihm auch der jüngste prominente Angeklagte nicht imponieren konnte. Dessen "großer Reichtum" sei genau das Problem, sagte Berman am Donnerstag: Die "enormen Ressourcen" erhöhten seine Fluchtgefahr, ohne "das Risiko für die Gemeinschaft" zu schmälern. Kautionsantrag abgelehnt.

Jeffrey Epstein - Multimillionär, Partylöwe und mutmaßlicher Sexualstraftäter - muss also bis zum Prozess in Haft bleiben. Und das kann noch Monate dauern. Da halfen ihm auch seine sechs Anwälte nicht: Epsteins Glückssträhne, die ihn so lange unantastbar erscheinen ließ, riss im Saal 17B des US-Bezirksgerichts von Manhattan ab.

Jane Rosenberg/ REUTERS

Zeichnung aus dem Gerichtssaal: Epstein vor Richter Berman

Noch 2008 war der Finanzberater, der Dutzende Mädchen missbraucht und in die Prostitution gezwungen haben soll, einer ähnlichen Anklage entkommen, da ihm Staatsanwalt Alex Acosta einen lauen Deal gönnte. Acosta stieg unter dem einstigen Epstein-Freund Donald Trump zum US-Arbeitsminister auf, stürzte jetzt aber über die Affäre.

"Haufenweise Bargeld"

Die aktuellen Epstein-Ermittler, die den Fall neu aufrollten, sind nicht so milde gestimmt. Oberstaatsanwalt Geoffrey Berman hat den Ruf, unbestechlich zu sein: Der Republikaner stieß beispielsweise das Verfahren gegen Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen an. Im Fall Epstein assistiert ihm die Juristin Maurene Comey, Tochter des Trump-kritischen ehemaligen FBI-Chefs James Comey.

Da nutzen Epstein nun selbst seine guten Verbindungen nichts mehr, im Gegenteil. Die Staatsanwaltschaft sieht eine hohe Fluchtgefahr: In Epsteins Luxusvilla entdeckte das FBI einen Safe mit Nacktfotos junger Mädchen - sowie "haufenweise Bargeld", Diamanten und einen alten Reisepass mit Epsteins Foto, aber anderem Namen und saudi-arabischer Adresse. Das Argument der Verteidigung, Epstein habe sich damit vor Entführungen schützen wollen, beeindruckte den Richter nicht.

Bebeto Matthews/ AP

"Haufenweise Bargeld": Epsteins Villa auf Manhattans Upper East Side

Epstein, 66, droht eine lebenslange Haftstrafe. Und er ahnte sein Schicksal offenbar voraus: Voriges Jahr überwies er nach Justizangaben zwei potenziellen Zeugen 350.000 Dollar.

Epsteins gesamtes Vermögen lässt sich mangels Akten bisher nicht ermitteln. Es soll bei mehr als 500 Millionen Dollar liegen, ein Milliardär ist er aber wohl nicht. Auch an seinem Finanztalent wird offen gezweifelt - einige vermuten, sein Reichtum sei erschwindelt.

"Nur die Spitze des Eisbergs"

Jedenfalls hat er schlechtere Karten als im Jahr 2008. Dass er in Untersuchungshaft bleibe, mache es für mutmaßliche Opfer "sicherer", sich zu offenbaren und auszusagen, sagte die Anwältin Sigrid McCawley. Die in der Anklage zitierten "Dutzenden" Mädchen seien "nur die Spitze des Eisbergs". Zwei Frauen gingen bereits jetzt an die Öffentlichkeit. Eine sagte, sie sei im Alter von 14 Jahren von Epstein missbraucht worden: "Der Gedanke, dass er frei herumläuft, macht mir Angst."

Die Beweislage, sagte Staatsanwalt Alex Rossmiller, "wird jeden Tag stärker". In der Tat kommen immer neue Details ans Licht. Manches ist von unklarer Bedeutung für das Verfahren, doch nichts wirft ein gutes Licht auf Epstein - oder auf seine mächtigen Freunde, die sich nun nicht schnell genug von ihm distanzieren können.

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Natürlich müssen die von nichts gewusst haben. Trotzdem blättern jetzt nicht nur Journalisten durch sein bereits 2015 veröffentlichtes Adressbuch. "Das sind sehr einflussreiche Leute", sagte die Reporterin Julie Brown, die den Fall für den "Miami Herald" aufdeckte, im TV-Sender MSNBC. "Die kommen jetzt etwas ins Schwitzen."

Allen voran Trump. Beide besitzen Anwesen in New York und Palm Beach und verkehrten in den gleichen Kreisen. Trump beharrte jetzt, er sei "kein großer Fan" von Epstein gewesen. Diese Woche tauchte jedoch ein Video aus dem Jahr 1992 auf, das Trump und Epstein bei einer Party in Trumps Privatklub Mar-a-Lago zeigt. Sie flüstern, lachen und zeigen auf die vielen jungen Frauen ringsum: "Guck dir die an", sagt Trump, "die ist scharf."

Im selben Jahr veranstaltete Trump der "New York Times" zufolge in Mar-a-Lago einen "Calendar-Girl-Wettbewerb". Die Teilnehmer: 28 junge Frauen und zwei Männer - Trump und Epstein.

Es kann alles Zufall sein. Jahre später will Trump Epstein aus seinem Klub geworfen haben, aus unbekannten Gründen. Doch die Anekdoten illustrieren, in welchem gesellschaftlichen Kontext sich die mutmaßlichen Vergehen Epsteins abspielten.

Hat der Epstein-Skandal Folgen für Trump?

Es waren feine Kreise, in denen Frauen Lustobjekte sind und reiche Männer straffrei. Der Fall Epstein erinnert unweigerlich auch an Trumps eigene Probleme. Mindestens 15 Frauen haben ihn der sexuellen Belästigung beschuldigt. Und ein Video, in dem er damit prahlte, wie er Frauen begrabsche, begrub 2016 fast seine Präsidentschaftskandidatur.

Bisher schadete das Trump ebenso wenig wie seine mutmaßliche Affäre mit der Pornodarstellerin Stormy Daniels, die am Donnerstag noch einmal Schlagzeilen machte: Justizakten zufolge war Trump viel stärker an der Vertuschung des Skandals beteiligt als bekannt. Auch der jüngste Vergewaltigungsvorwurf der Autorin Jean Carroll versickerte schnell wieder. An dem Epstein-Skandal könnte Trump genauso vorbeischrammen.

Aggie Kenny/ AP

Teure Verteidigung: Epstein mit seinen Anwälten vor Gericht

Epsteins Saga aber ist längst noch nicht zu Ende. Bis zum Prozess dürften noch viele neue Details bekannt werden, ob strafrechtlich relevant oder Klatsch. So bleibt zum Beispiel die Rolle seiner Vertrauten Ghislaine Maxwell, der Tochter des unter mysteriösen Umständen umgekommenen Verlegers Robert Maxwell, unklar. Angeblich soll sie ihn gedeckt haben.

Maxwell ist verschwunden. Epstein dagegen wird die nächsten Monate in einer Zelle des Metropolitan Correction Centers verbringen - der berüchtigten Haftanstalt in Manhattan, in der bis zu dieser Woche auch Drogenkartellchef Joaquín "El Chapo" Guzmán saß, bevor er für den Rest seines Lebens in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht wurde.

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