Panorama

Jeffrey Epsteins Promi-Clique

Geld, Macht, Missbrauch

Jeffrey Epstein ist tot, doch die Justiz ermittelt weiter - gegen mutmaßliche Komplizen. Was wussten die Promi-Freunde des US-Finanziers von dessen Sexualstraftaten?

Marco Bello/ REUTERS

Epsteins Privatinsel in der Karibik, mutmaßlicher Tatort zahlreicher sexueller Straftaten

Von , New York
Donnerstag, 15.08.2019   08:49 Uhr

92 Seiten, schwarzer Einband - hinter diesem "little black book" verbirgt sich ein Adressbuch von politischer Brisanz. Es gehörte mal Jeffrey Epstein, dem wegen Sexhandels und Missbrauchs minderjähriger Mädchen angeklagten US-Finanzier, der sich jetzt in der New Yorker Untersuchungshaft offenbar das Leben nahm.

Das Büchlein enthält direkte Telefonnummern für Hunderte Prominente. Es zirkulierte seit Jahren, ohne große Wellen zu schlagen. Doch jetzt, wo der Fall zum Topthema wird, hat es plötzlich neuen Wert. Denn trotz Epsteins Tod ermittelt die Justiz weiter gegen mutmaßliche Mitläufer, Mitwisser und Komplizen. Eine Frage, die sich dabei stellt: Gab es ein Netzwerk reicher Männer, denen Epstein Mädchen vermittelte?

Das Adressbuch - das offenbar von 2005 stammt - ist ein Who's Who des damaligen Jetsets. Einige kannten Epstein gut, viele nur flüchtig, manche gar nicht - doch alle stecken jetzt mit im Skandalstrudel, selbstverschuldet oder nicht. Andere Bekannte lassen sich aus den Logbüchern der Epstein-Privatjets, aus Klatschspalten und auf Paparrazzi-Fotos identifizieren.

"Epstein kannte erstaunlich viele reiche, berühmte und mächtige Leute", schreibt der Journalist James Stewart, der Epstein letztes Jahr traf, in der "New York Times". "Auch behauptete er, ziemlich viel über diese Leute zu wissen, davon einiges potenziell schädlich oder peinlich, inklusive Details über ihre angeblichen sexuellen Neigungen und ihren Drogenkonsum."

Die wichtigsten VIP-Namen aus Epsteins Dunstkreis.

Donald Trump

Davidoff Studios/ Getty Images

Früher beste Freunde: Trump, seine spätere Frau Melania, Epstein, Vertraute Maxwell (2002)

Epstein und Trump kannten sich laut Trump seit 1987 und verkehrten in denselben Kreisen. Ein Video von 1992 zeigt sie juxend auf einer Trump-Party. Epstein prahlte, er habe Trump seiner späteren Frau Melania vorgestellt. 2002 lobte Trump Epstein für seinen Faible für "schöne Frauen", von denen "viele etwas jünger" seien. 2004 überwarfen sie sich wegen eines Immobiliendeals. 2017 ließ Trump erklären, er habe nie eine Beziehung zu Epstein gehabt, zuletzt sagte er, er sei "kein Fan" gewesen. Eine anonyme Frau verklagte Trump jedoch 2016, sie bei mehreren "Orgien" mit Epstein vergewaltigt zu haben, als sie 13 gewesen sei. Sie ließ diese Klage aber kurz vor der Präsidentschaftswahl 2016 fallen.

Bill Clinton

AP

Gemeinsam nach Afrika: Ex-Präsident Clinton

In Epsteins Adressbuch finden sich 21 Nummern für Clinton, den er kannte, seit der Präsident war. Clinton taucht auch in den Logbüchern des Epstein-Jets auf, den die Klatschpresse "Lolita Express" nannte, oft in Begleitung der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die später vom Epstein-Opfer Virginia Giuffre als Komplizin verklagt wurde. Epstein hatte nach Informationen der "New York Post" auch ein bizarres Ölgemälde in seiner Villa hängen, das Clinton in Stöckelschuhen und einem blauen Kleid zeigt - eine Anspielung auf Clintons Affäre mit Monica Lewinsky. 2002 pries Clinton Epstein für seine "Großzügigkeit", seither hat er sich jedoch distanziert. Zwar hat Clinton vier Flüge mit Epstein bestätigt, aber ausschließlich im Rahmen der Clinton-Stiftung und unter Begleitung von Beratern, ansonsten habe er Epstein nur zweimal geschäftlich getroffen. Sie hätten sich "seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gesprochen".

Prinz Andrew

Getty Images

Er nannte ihn "Andy": Der britische Epstein-Freund Prinz Andrew

Der zweitälteste Sohn der Queen war offenbar so gut mit Epstein befreundet, dass dieser ihn "Andy" nannte. Epstein-Freundin Maxwell, die Tochter des 1991 mysteriös verstorbenen britischen Medienmoguls Robert Maxwell, soll sie einander vorgestellt haben. Nachdem Epstein seine erste Haftstrafe verbüßt hatte, half der Prinz, ihn wieder in die Gesellschaft einzuführen. Giuffre identifizierte ihn 2015 als einen der Männer, mit denen sie 2011 gegen Bezahlung durch Epstein Sex gehabt habe, als sie 17 Jahre alt gewesen sei, und präsentierte ein Foto, auf dem Andrew sie im Arm hält. Das Königshaus hat die Vorwürfe "kategorisch" abgestritten. Epstein schenkte Andrews Ex-Frau Sarah Ferguson außerdem im Namen des Prinzen 18.000 Dollar, um Schulden abzuzahlen, was diese später als "gigantischen Fehler" bezeichnete.

Les Wexner

L Brands

Epsteins einziger offizieller "Klient": BH-Milliardär Les Wexner

Auf Papier war Epstein Finanzmanager, doch Wexner war sein einziger bekannter Klient. Der Multimilliardär gründete mehrere US-Bekleidungskonzerne, allen voran die Damenwäschemarke Victoria's Secret. Epsteins Villa auf Manhattans Upper East Side gehörte früher Wexner. Nach Angaben mehrerer Frauen gab sich Epstein oft als Agent für Victoria's Secret aus, um sie als "Models" zu engagieren. Nach Epsteins erstem Verfahren 2007 endete das Verhältnis offenbar. Anfang August erklärte Wexner, Epstein habe "enorme Summen" seines Vermögens veruntreut. Er habe nichts von seinen anderen illegalen Aktivitäten gewusst.

Woody Allen

AP

Wohnte in der Nachbarschaft: Regisseur Woody Allen

Nach Angaben des Journalisten Stewart hatte Epstein in seiner Villa ein Foto auf einem Tisch stehen, das ihn mit dem Regisseur zeigt, der ebenfalls jüngere Frauen liebt. Im August 2018 habe Epstein Stewart zudem zum Dinner mit Allen eingeladen. Allen - der von seiner Adoptivtochter Dylan Farrow der Pädophilie beschuldigt wird - lebt mit seiner 35 Jahre jüngeren Frau Soon-Yi, der Adoptivtochter seiner Ex-Frau Mia Farrow, fünf Gehminuten von Epsteins Villa entfernt. Die Schauspielerin Babi Christina Engelhardt behauptete im vergangenen Jahr, sie habe mit Allen eine Affäre gehabt, als sie 17 gewesen sei. Sie arbeitete später als Epsteins "persönliche Assistentin".

Alan Dershowitz

REUTERS

Mike Tyson, O.J. Simpson, Epstein: Anwalt Alan Dershowitz hatte einschlägige Mandanten

Der Staranwalt, zu dessen Mandanten Mike Tyson, Patti Hearst und O.J. Simpson gehörten, vertrat Epstein in seinem ersten Verfahren 2007 und erreichte den "Sweetheart-Deal", wonach Epstein nur 13 Monate Haft bekam. Dershowitz verkehrte auch privat mit Epstein. Giuffre beschuldigt ihn, sie auf Vermittlung Epsteins ebenfalls mehrmals sexuell missbraucht zu haben. Dershowitz streitet das als reine Erfindung ab: Giuffre sei "eine totale Lügnerin". Inzwischen verteidigt Dershowitz den wegen sexueller Nötigung angeklagten Ex-Filmproduzenten Harvey Weinstein und engagiert sich in den US-Medien oft für Trump.

Hassanal Bolkiah

David Gray / REUTERS

Frauenfreund und Schwulenhasser: Hassanal Bolkiah, Sultan von Brunei

Der Sultan von Brunei traf sich mindestens einmal mit Epstein. Der flog 2002 per Privatjet nach Asien - in Begleitung von Clinton und zwei Frauen, die von mutmaßlichen Opfern später als Komplizinnen beschuldigt wurden. Bolkiah, ein Großspender der Clinton-Stiftung, und sein Bruder waren 1997 von einer früheren Miss USA verklagt worden, weil sie sie als "Sexsklavin" ihres "Harems" missbraucht hätten. Die Klage wurde abgelehnt, da die Beschuldigten Immunität genossen. 2014 wurde das Beverly Hills Hotel, das Bolkiah gehört, von Hollywoodstars boykottiert, aus Protest gegen seine schwulenfeindliche Politik.

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