Panorama

Toter US-Millionär

Welche Rolle spielt Epsteins "Madame"?

Der Fall des in Haft gestorbenen Multimillionärs Jeffrey Epstein wirft Fragen auf: Wieso war die Zellenüberwachung so lasch? Schützt ein umstrittener Deal mögliche Helfer? Im Fokus steht seine Ex-Freundin.

Patrick McMullan/ Getty Images

Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell im Jahr 2005: "Beschützerin und Zuhälterin, seine Freundin und Madame"

Dienstag, 13.08.2019   22:48 Uhr

Am Samstag starb der US-Multimillionär und mutmaßliche Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Untersuchungshaft - offenbar nahm er sich selbst das Leben. Die Staatsanwaltschaft in New York hatte ihm vorgeworfen, Dutzende teils minderjährige Mädchen in seinen Häusern in New York und Florida sexuell missbraucht und zur Prostitution angestiftet zu haben.

Der Geschäftsmann habe zwischen 2002 und 2005 in New York und Florida einen illegalen Sexhandelsring aufgebaut, hieß es in der Anklageschrift. Epstein hatte die Vorwürfe bestritten. Im Fall einer Verurteilung hätten ihm bis zu 45 Jahre Haft gedroht.

Nach Epsteins Suizid richtet sich der Fokus der Ermittler nun auf mögliche Helfer des 66-Jährigen. "Ich versichere Ihnen, dass dieser Fall gegen jeden, der mitschuldig war, fortgesetzt wird", sagte US-Justizminister William Barr am Montag. Ghislaine Maxwell, Epsteins frühere Freundin und Mitarbeiterin, könnte dabei eine zentrale Rolle spielen. Medienberichten zufolge durchsuchte das FBI Epsteins Anwesen auf dessen Privatinsel Little St. James in der Karibik. Allerdings ist offen, inwieweit sich die Ermittler an eine frühere Abmachung halten müssen, die eine Strafverfolgung von Epsteins Vertrauten einschränken könnte.

Wer ist Ghislaine Maxwell?

Sie ist die Tochter des verstorbenen britischen Medienmoguls Robert Maxwell. Einem Artikel der "Washington Post" zufolge beschreiben mutmaßliche Opfer sie als Epsteins "Beschützerin und Zuhälterin, seine Freundin und Madame". Die 57-Jährige wurde im Jahr 2017 in einer Klage die "ranghöchste Mitarbeiterin" von Epsteins mutmaßlichem Sexhandelsring genannt. Sie habe die Leute beaufsichtigt, die mit der Rekrutierung beauftragt gewesen seien. Sie habe auch geholfen, die Machenschaften vor der Strafverfolgung zu verbergen, hieß es. Maxwell hatte laut der Nachrichtenagentur AP jegliches Fehlverhalten bestritten.

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Ghislaine Maxwell

Warum könnte es schwierig werden, Maxwell zu belangen?

2008 war Epstein einen umstrittenen Deal mit der Staatsanwaltschaft eingegangen. Dieser sah vor, dass Epstein sich schuldig bekennt, Minderjährige zur Prostitution gezwungen zu haben. Darüber hinaus zahlte er mehreren Frauen Abfindungen und ließ sich als Triebtäter registrieren. Im Gegenzug erhielt der Multimillionär eine milde Strafe und entging einem Verfahren vor einem Bundesgericht. Nach 13 Monaten kam er aufgrund guter Führung wieder frei.

Außerdem schützte der Deal aber auch mehrere Mitarbeiterinnen Epsteins vor Strafverfolgung, die mutmaßlich dafür bezahlt wurden, Mädchen für ihn zu rekrutieren. Es ist umstritten, ob dieses Abkommen weiterhin gültig ist. Die New Yorker Bundesanwälte hatten bei der Anklage gegen Epstein im vergangenen Monat argumentiert, dass die Vereinbarung nur für ihre Kollegen in Florida bindend sei.

Der ehemalige Bundesanwalt David Weinstein geht hingegen davon aus, dass der Deal für "die Vereinigten Staaten" bindend sei - und nicht nur für eine bestimmte Staatsanwaltschaft. Weinstein rechnet damit, dass die Verteidiger möglicher Beschuldigter sich auf diese Vereinbarung berufen.

Welche weiteren möglichen Beschuldigten gibt es?

Die Staatsanwaltschaft wird vermutlich gegen weitere mutmaßliche Mitarbeiter und Rekrutierer Epsteins ermitteln. Unter ihnen ist Epsteins persönliche Assistentin. Sie soll unter anderem Treffen des Multimillionärs mit einer Minderjährigen arrangiert und Nacktfotos von ihr gemacht haben.

Eine weitere Frau wurde laut AP in einer Klage aus dem Jahr 2017 beschuldigt, Reisevorkehrungen für Epsteins mutmaßliche Opfer getroffen zu haben. Außerdem soll sie sichergestellt haben, dass die Mädchen die "Verhaltensregeln, die ihnen vom Unternehmen auferlegt wurden", einhielten.

Ebenfalls ein Teil des Deals aus dem Jahr 2008 war eine mutmaßliche Personalvermittlerin, die Geld dafür erhalten haben soll, neue "Masseurinnen" für ihn zu anzuwerben.

Warum gibt es Kritik an der Unterbringung Epsteins vor seinem Tod ?

Der Tod des 66-Jährigen wirft Fragen auf, insbesondere da Epstein bereits Ende Juli einen Suizidversuch begangen haben soll. Justizminister Barr kritisierte "gravierende Ungereimtheiten" bei der Überwachung des Insassen - das zuständige Federal Bureau of Prisons ist selbst eine Behörde des Justizministeriums.

Führende Mitglieder des Justizausschusses im US-Repräsentantenhaus verlangten am Montag Aufklärung. Sie stellten der zuständigen Behörde 23 Fragen - unter anderem zum allgemeinen Umgang mit psychisch instabilen Insassen in der betroffenen Haftanstalt, aber auch zu den genauen Abläufen in Epsteins Fall kurz vor dessen Tod.

Justizminister Barr ordnete unterdessen die vorläufige Versetzung des Gefängnisdirektors an; die in der Todesnacht diensthabenden Wachen wurden beurlaubt.

Welche möglichen Versäumnisse gibt es?

Kritik gibt es vor allem an der mangelhaften Überwachung Epsteins. Die "New York Times" schrieb unter Berufung auf drei namentlich nicht genannte Quellen, zwei Wachen hätten in der Nacht zum Samstag stundenlang nicht nach Epstein geschaut, obwohl eine Prüfung alle 30 Minuten vorgesehen gewesen wäre. Außerdem habe nur einer von ihnen die notwendige Ausbildung als "vollwertiger Justizvollzugsbeamter" gehabt.

Bundesgefängnisse in den USA leiden dem Bericht zufolge schon länger unter Personalknappheit. Deshalb würden unter anderem Lehrer und Krankenpfleger dazu verpflichtet einzuspringen. Zudem habe die Anstalt Epsteins Zellengenossen verlegt. Einige Tage vor Epsteins Tod sei außerdem eine gesonderte Überwachung für suizidgefährdete Häftlinge beendet worden, berichten mehrere Medien.

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bbr/AP/AFP/dpa

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