Panorama

Razzia bei SEK-Beamten

10.000 Schuss für den "Tag X"

Ein aktiver und mehrere ehemalige SEK-Beamte sollen Munition des LKA entwendet - und diese nach SPIEGEL-Informationen an den Polizisten Marko G. weitergegeben haben: ein "Prepper", der sich auf den "Tag X" vorbereitete.

DPA

Polizisten einer Spezialeinheit durchsuchen im August 2017 ein Grundstück bei Schwerin

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Mittwoch, 12.06.2019   20:22 Uhr

Marko G. war auf alles vorbereitet. Sogar darauf, dass Geld keinen Wert mehr hat. Deshalb lagerte der Polizist vakuumverpackte Zigaretten und hochprozentigen Alkohol. Als "Tauschmittel", falls das Währungssystem zusammenbricht.

So erzählte er es im September 2017 dem Magazin "Panorama" des NDR. Wenige Wochen vorher waren Beamte bei ihm angerückt. Auf einmal war er, der Polizist, ins Zwielicht geraten. Elf Stunden lang durchsuchten Beamte seine Wohnung in der Nähe von Schwerin, sein Gartenhäuschen am See, das Auto und den Wohnwagen auf Rügen.

Es kommt selten vor, dass die Polizei gegen Polizisten ausrückt - und noch seltener, dass sie dabei Kollegen festnimmt. In Mecklenburg-Vorpommern ist an diesem Mittwoch genau das passiert: Gegen gleich drei aktive und einen ehemaligen Beamten hat die Staatsanwaltschaft Schwerin Haftbefehle erwirkt, darunter Marko G.

Munitionsbuch beschlagnahmt

Mehrere der Festgenommenen waren früher Mitglieder des Spezialeinsatzkommandos (SEK) des Landeskriminalamts, einer war aktuell noch als SEK-Beamter im Einsatz. Nach Informationen des SPIEGEL wurde am Mittwochmorgen sein Spind beim LKA in Rampe bei Schwerin durchsucht. Zudem wurde das dortige Munitionsbuch beschlagnahmt.

Drei der Männer wird vorgeworfen, seit April 2012 illegal Munition aus Beständen des LKA abgezweigt zu haben, und an ihren Kollegen Marko G. weitergegeben zu haben. Der Polizist war schon vor zwei Jahren ins Visier von Ermittlern geraten. Damals aber nur als Zeuge. Der Grund: Sein Kontakt zu zwei Männern, die verdächtigt wurden, im Falle einer Staatskrise Vertreter des linken Spektrums töten zu wollen - was beide bestreiten.

Der Generalbundesanwalt gab damals seine Erkenntnisse an die Schweriner Staatsanwaltschaft weiter. Diese eröffnete ein eigenes Verfahren und beauftragte das Landeskriminalamt mit den Ermittlungen. Sieben Beamte bildeten eine Sonderkommission. Eine Truppe, die wegen des sensiblen Vorgangs abgeschottet vom Rest des LKA agierte, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

Schwere Munition

Der ehemalige SEK-Beamte Marko G. hatte 2016 eine Chatgruppe namens "Nordkreuz" angelegt, in der auch die beiden Terrorverdächtigen mitmischten. Insgesamt vernetzten sich in der Gruppe gut 30 sogenannte Prepper, die sich auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung durch eine Flüchtlingswelle oder Anschläge einrichten. Wurden die Mitglieder der "Prepper"-Szene zunächst eher als Spinner abgetan, gelten inzwischen manche Anhänger der Szene als gefährlich. Nach G.s Angaben ging es darum, sich für diesen "Tag X" Notvorräte anzulegen, aber auch durch Schießtrainings vorbereitet zu sein: "Egal ob die innere Sicherheit kaputt ist oder durch ein Naturereignis alles lahmgelegt ist oder einen Stromausfall: Das ist alles Tag X", sagte er im Interview 2017. "Der Tag, ab dem man autark sein muss."

Panorama/ ARD

Marko G. in einem Interview 2017: "Der Tag, ab dem man autark sein muss."

Ein Mitglied der Chatgruppe erzählte den Vernehmern des Bundeskriminalamts (BKA), bei den meisten Mitstreitern habe es sich um "besorgte Bürger" gehandelt. Es habe aber auch einen "kleinen Kreis" mit einer "radikaleren Richtung" gegeben, der für den Krisenfall Gewalt propagiert habe - bis hin zur Liquidierung von Förderern einer offenen Flüchtlingspolitik.

Mehr als 10.000 Patronen sichergestellt

Unabhängig von den Terrorermittlungen des BKA und des Generalbundesanwalts, gehen die Schweriner Ermittler dem Verdacht nach, dass der "Nordkreuz"-Chatgründer Marko G. und die drei früheren SEK-Polizisten gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben könnten.

Nach SPIEGEL-Informationen wurden bei den heutigen Durchsuchungen bei Marko G. mehr als 10.000 Patronen für Kurz- und Langwaffen gefunden. Derzeit werde geprüft, woher die Munition genau stammt und ob ihr Besitz legal oder illegal war, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dem SPIEGEL. Zudem werde wegen des Verdachts auf gemeinschaftlichen Betrug ermittelt.

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Brisant ist auch eine weitere Durchsuchung in Güstrow. Dort haben die Ermittler am Mittwochmorgen einen Schießplatz durchsucht, auf dem das LKA Mecklenburg-Vorpommern jährlich ein Training für Spezialeinheiten der Polizei und der Bundeswehr ausrichtete. Zu dem mehrtägigen Event kamen Kommandokräfte aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland, darunter Mitglieder des Polizeieinsatzkommandos "Cobra" aus Österreich und der Schweizer Antiterroreinheit "Luchs". Trainiert wurde dabei unter anderem das Schießen aus fahrenden Autos. Regelmäßig schaute auch Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) vorbei.

Der Betreiber des Schießplatzes soll nach SPIEGEL-Informationen zeitweise auch Teil der Prepper-Chatgruppe "Nordkreuz" gewesen sein, wird aber in den Ermittlungen als Zeuge geführt und nicht als Beschuldigter. Trotzdem hat das LKA die Zusammenarbeit mit ihm nun beendet, auch andere Polizeibehörden wollen dort nicht mehr trainieren. Der Betreiber war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Bodo Marks/DPA

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) spricht in Schwerin über die Ermittlungen: "erschüttert und fassungslos"

Caffier sagte, er sei angesichts der Vorwürfe "erschüttert und fassungslos". "Beamte des SEK genießen ein besonderes Vertrauen." Deshalb treffe ihn das Verhalten der Festgenommenen besonders hart. Er setze sich dafür ein, dass die Beamten aus dem Polizeidienst entlassen werden. Caffier kündigte zudem eine "strukturelle und personelle" Überprüfung der Diensteinheit an, "um jeglichen Anschein und Unterstellungen einer Verstrickung auszuräumen".

Die Verteidiger der vier Beschuldigten waren für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Am Donnerstag soll über den Vollzug der Haftbefehle entschieden werden.

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