Panorama

Nachbarin der NSU-Zelle

Amtsgericht Zwickau soll 92-jährige Zeugin befragen

Das Oberlandesgericht München hat das Amtsgericht Zwickau gebeten, eine 92-jährige ehemalige Nachbarin der NSU-Zelle zu befragen. Doch das Vorhaben ist zweifelhaft: Charlotte E. war bereits per Videoschalte befragt worden, eine Qual für die demente Frau.

DPA

Zerstörtes Haus in Zwickau: Charlotte E. wurde von Nichten gerettet

Von , München
Dienstag, 29.04.2014   16:30 Uhr

Das Oberlandesgericht München will eine 92 Jahre alte Zeugin im NSU-Prozess vom Amtsgericht Zwickau vernehmen lassen. Charlotte E. hatte in demselben Haus wie Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Zwickauer Frühlingsstraße gelebt. Zschäpe hatte laut Anklage nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt das Haus in Brand gesetzt. Die Zeugin überlebte, weil ihre Nichten die schwerhörige und auf einen Rollstuhl angewiesene Greisin rechtzeitig in Sicherheit brachten.

Charlotte E. könnte eine wichtige Zeugin sein: Hatte Zschäpe tatsächlich bei ihr geklingelt, ehe sie die Brandstätte an jenem 4. November verließ? Musste sie nicht davon ausgehen, dass sich die alte Dame ohnehin kaum selbst retten konnte? War sich Zschäpe also der möglicherweise bedrohlichen Folgen bewusst gewesen, die durch die Brandlegung hätten entstehen können? Zudem könnte Charlotte E. womöglich Auskunft geben über Begegnungen mit den Nachbarn, über das Zusammenleben von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt.

Mehr im SPIEGEL

Doch dass sie kaum mehr Auskunft geben kann, zeigte eine erste Befragung per Videoschalte: Im Dezember fand sie statt, auf Rat eines medizinischen Sachverständigen, der meinte, der Zustand der Zeugin habe ihr Erscheinen vor Gericht nicht mehr zugelassen, aber "unter optimalen Umständen" hätte sie vielleicht etwas zur Aufklärung beitragen können. Doch Charlotte E. verstand nicht, dass der Vorsitzende Richter auf dem Fernsehschirm erschien und mit ihr zu sprechen versuchte; dass sie sich also mit dem Fernseher hätte unterhalten sollen.

Nach diesem Vernehmungsversuch sei sie so verwirrt und verstört gewesen, dass sie nicht einmal mehr die engsten Angehörigen erkannt habe, sagte ihr Neffe SPIEGEL ONLINE.

"Verteidigung muss Gelegenheit zur Vernehmung erhalten"

Die Münchner Gerichtssprecherin Andrea Titz erklärte nun gegenüber SPIEGEL ONLINE, Hintergrund der neuen Vernehmung durch das Amtsgericht Zwickau sei, "dass die Verfahrensbeteiligten, namentlich die Verteidiger, nicht auf die Vernehmung der Zeugin verzichtet haben". Da sie bislang keine Gelegenheit gehabt hätten, ihr Fragerecht gegenüber der Zeugin auszuüben, die Zeugin aber nicht reisefähig sei und eine Vernehmung per Video nicht mehr in Frage komme, müsse den Verteidigern hierzu Gelegenheit gegeben werden.

Die Zschäpe-Verteidigung hatte stets auf eine konfrontative Befragung Frau E.s gedrungen. Glauben die Anwälte wirklich, eine neuerliche Vernehmung der alten Frau werde für ihre Mandantin noch etwas Positives bringen? Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl jedenfalls befürchtet, für eine sinnvolle Vernehmung sei es wohl "zu spät".

Am Montag noch hatte es in München geheißen, dass der Senat in kleiner Besetzung - mit dem Vorsitzenden, einem Vertreter der Bundesanwaltschaft und den Zschäpe-Verteidigern - die Zeugin am 16. Mai in Zwickau aufsuchen wolle. Gegebenenfalls solle auch Zschäpe dabei sein, hieß es jetzt, wenn sie an der Vernehmung teilnehmen wolle - mit dem entsprechenden Polizeiaufgebot. Auch Nebenklagevertreter sind an einer Teilnahme interessiert. Die Vernehmung soll nach Aussage der Familie von Frau E. in Abwesenheit der Betreuerin, einer Verwandten, stattfinden. Titz stellte am Dienstag klar, dass vom Münchner Strafsenat niemand an der Vernehmung teilnehmen werde.

Die kommissarische Vernehmung durch das Amtsgericht Zwickau sollte anscheinend geheim bleiben. Auch die Heimleiterin soll zu strengster Diskretion aufgefordert worden sein.

NSU-Chronik

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP