Panorama

Ermittlungen gegen Österreicher in den Niederlanden

Das Rätsel von Ruinerwold

Eine Gruppe von sechs Personen lebte jahrelang verborgen in einem Raum eines niederländischen Bauernhauses. Im Zuge der Ermittlungen wurde nun ein gebürtiger Wiener festgenommen.

Wilbert Bijzitter/ANP/DPA

Abgelegener Hof in Ruinerwold: Womöglich lebten hier sechs Menschen über Jahre von der Außenwelt isoliert

Dienstag, 15.10.2019   23:14 Uhr

Bei dem Mann, der in den Niederlanden möglicherweise jahrelang mit mehreren jungen Menschen in einem Raum eines Bauernhofes gehaust haben soll, handelt es sich Behörden zufolge um einen 58-jährigen Österreicher. Der Sprecher des österreichischen Außenministeriums in Wien bestätigte entsprechende Berichte niederländischer Medien unter Berufung auf die örtlichen Behörden. Demnach handelt es sich bei dem Festgenommenen um einen gebürtigen Wiener.

Den Fall hat ein 25-Jähriger ins Rollen gebracht, der in einem Dorfgasthaus in der östlichen Provinz Drenthe aufgetaucht war. Der Wirt schilderte, der 25-Jährige sei total verwirrt gewesen. Der junge Mann berichtete ihm demnach, dass er neun Jahre lang nicht draußen gewesen sei und Hilfe brauche. Daraufhin rief der Gastwirt die Polizei.

Auf einem abgelegenen Bauernhof im Ort Ruinerwold entdeckten die Beamten anschließend eine offenbar seit Jahren isoliert lebende Gruppe Menschen. Der 58-Jährige wurde laut Polizei vorläufig festgenommen, weil er sich nicht kooperativ gezeigt habe.

Er ist laut Bürgermeister Roger de Groot nicht der Vater der anderen Personen, die zwischen 18 und 25 Jahre alt seien. Es sei nicht bekannt, in welchem Verhältnis der Mann zu den jungen Leuten steht. Die Gruppe "lebte in sehr provisorischen Räumen", sagte Groot. "So etwas habe ich noch nie erlebt." Niederländische Medien berichteten, dass die Polizei hinter einem Schrank im Wohnzimmer eine Treppe entdeckt hatte, die in den Raum führte. Dort hätten der Mann und die jungen Leute gehaust.

Warum die Menschen so isoliert wohnten, ist unbekannt. Dem Bürgermeister zufolge ist die Mutter der jungen Leute seit Langem verstorben. Ob der 58-Jährige die Jüngeren gegen ihren Willen festhielt und was die Hintergründe dafür sein könnten, ist bislang nicht bekannt.

Über die genauen Lebensumstände und den Gesundheitszustand der aufgefundenen Personen machte die Polizei keine Angaben. Die Untersuchungen seien in vollem Gange: "Alle Szenarien sind noch offen." Niederländische Medien berichteten, die Gruppe habe auf "das Ende der Zeiten" gewartet. Die Ermittler wollten diese Darstellung zunächst nicht bestätigen. Die Personen würden nun versorgt, teilten die Ermittler auf Twitter mit.

Dorfbewohner zeigten sich schockiert. Sie sagten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur einen Mann gesehen hätten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst. Der Hof liegt versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter vom Rande des Dorfes entfernt. Dazu gehören nach Aussagen von Reportern ein großer Gemüsegarten und eine Ziege. Möglicherweise habe sich die Gruppe jahrelang selbst versorgt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es im Teaser unter Berufung auf Polizeiangaben, sieben Menschen hätten in einem Hauskeller gewohnt. Inzwischen hat die Polizei diese Angaben korrigiert: In einem Raum in dem Hof wurden demnach sechs Menschen gefunden, bei denen es sich um eine Familie handeln soll. Wir haben Teaser und Text angepasst.

ler/dpa

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