Panorama

NSU-Prozess

Eine Frage der Reife

Im NSU-Prozess streiten zwei der fünf Angeklagten darüber, wer welche Verantwortung beim Kauf der Mordwaffe trug. Nun sagte ein psychiatrischer Gutachter aus.

DPA

Sichergestellte Waffe vom Typ Ceska

Von Wiebke Ramm, München
Mittwoch, 08.06.2016   19:18 Uhr

Auch Beate Zschäpe erinnert sich noch an den Tag, an dem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wohl die Mordwaffe erhalten haben. "Wir hatten uns einmal mit Carsten S. in einem Café in einem Kaufhaus getroffen", hatte Zschäpes Anwalt in ihrem Namen im Januar im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München gesagt.

Weiter hieß es: "Ich war jedoch nicht die ganze Zeit über anwesend. Während meiner Anwesenheit wurde dort keine Waffe übergeben. Erst im Rahmen des Prozesses habe ich erfahren, dass die Waffe im Anschluss an dieses Treffen in einem Abrisshaus übergeben worden sein soll."

An diesem Mittwoch, dem 288. Verhandlungstag, geht es im NSU-Prozess erneut um die Ceska, die Pistole, mit der Mundlos und Böhnhardt neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft in den Kopf schossen. Carsten S. hat früh gestanden, den mutmaßlichen NSU-Terroristen im April oder Mai 2000 in einem Abbruchhaus im sächsischen Chemnitz die Waffe samt Schalldämpfer und 50 Schuss Munition übergeben zu haben.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft handelte es sich bei dieser Waffe um die Mordwaffe des NSU. Und nach Ansicht der Anklagebehörde hat sich der heute 36-jährige Carsten S. damit der Beihilfe am Mord in neun Fällen schuldig gemacht.

Gutachten eines Psychiaters

Laut Carsten S. hat Böhnhardt oder Mundlos eines Tages nach einer Waffe verlangt und Carsten S. deswegen an Ralf Wohlleben verwiesen. Wohlleben habe ihm gesagt, wie er an eine Waffe komme und ihm auch Geld für den Kauf gegeben, so sagt es Carsten S.

Auch Wohlleben muss sich deshalb wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Wohlleben bestreitet, in die Beschaffung der Waffe involviert gewesen zu sein. Und seine Verteidigung gibt sich redlich Mühe, die Aussage von Carsten S. zu entkräften. Ein Weg führt dabei über dessen Reife.

Carsten S. war damals 20, Wohlleben bereits 25 Jahre alt. Carsten S. gilt damit zum Tatzeitpunkt juristisch als Heranwachsender. Das bedeutet, dass er je nach damaligem Reifegrad nach Jugend- oder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden kann.

Psychiater Norbert Leygraf hat bereits im März 2015, am 193. Tag im NSU-Prozess, sein Gutachten erstattet. Der Gutachter kommt zu dem Schluss, er könne nicht ausschließen, dass Carsten S. damals noch die Reife eines Jugendlichen hatte. Es gäbe einige Aspekte, die dafür sprächen. Folgt das Gericht der Einschätzung des Psychiaters, minderte dies das erwartete Strafmaß im Vergleich zu einer Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht erheblich.

Mangel an "intelligenten Menschen"

Der Senat scheint durchaus geneigt, dies zu tun. Denn während Carsten S. nach seiner Festnahme im Februar 2012 nur wenige Monate in Untersuchungshaft saß und heute im Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamts lebt, ist Wohlleben noch immer inhaftiert. Doch anders als Wohlleben hat Carsten S. auch sehr früh sehr umfangreich ausgesagt und sich schon vor Jahren glaubhaft von der rechten Szene abgewandt.

An diesem 288. Verhandlungstag wiederholt Leygraf vor Gericht nun seine Einschätzung. Bei Carsten S. sei zum Tatzeitpunkt in einigen Entwicklungsbereichen von Reifedefiziten auszugehen. Aufgrund seiner nicht eingestandenen Homosexualität sei Carsten S. in seiner Entwicklung verzögert gewesen. Leygraf sagt jedoch auch, dass es schwer sei, nach nunmehr 16 Jahren den damaligen Entwicklungsstand noch eindeutig zu beurteilen.

Wohllebens Verteidiger weisen hingegen darauf hin, dass Carsten S. damals einen Bus organisiert habe, um mit anderen zu einer Demonstration zu fahren, und dass er im Bundesvorstand der Jungen Nationaldemokraten gesessen habe. Beides weise doch auf eine gewisse Führungskompetenz und somit Reife hin, meinen sie. Sie dürften darauf hinaus wollen, dass Carsten S. keineswegs die Hilfe von Wohlleben gebraucht hätte, um eine Waffe zu besorgen.

Die erhoffte Antwort bekommen sie von Leygraf jedoch nicht. Dass S. in den Bundesvorstand gewählt wurde, könne schlicht an der fehlenden Auswahl oder - wie Leygraf sagt - am Mangel an "intelligenten Menschen" gelegen haben. Und einen Bus könne auch jemand anmieten, dessen "innere Persönlichkeitsentwicklung" verzögert sei.

"Nach außen hin nicht jugendlich unbedarft"

"Erwachsenwerden ist kein gleichförmiger Prozess, es gibt Sprünge und Unterschiede in einzelnen Persönlichkeitsbereichen", sagt Leygraf. Er sagt allerdings auch: Die Tatsache, dass Carsten S. als Kontaktperson für die untergetauchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ausgewählt wurde, zeige, dass Carsten S. "nach außen hin nicht jugendlich unbedarft oder wenig verlässlich gewirkt haben kann".

Drei Gespräche hat Leygraf mit Carsten S. geführt. Er hat festgestellt, dass der Angeklagte dazu neige, seine rechtsradikale Vergangenheit zu bagatellisieren. Carsten S. habe eine "deutliche Tendenz", seine früheren Aktivitäten in der rechten Szene als bloße jugendliche Freizeitgestaltung darzustellen. Der Gutachter beschreibt ihn als insgesamt etwas gehemmte, unsichere Person mit einem "eher geringen aktiven Durchsetzungsvermögen".

Die Neonaziszene habe Carsten S. nach eigenen Angaben nicht zuletzt wegen des dort herrschenden "Männlichkeitskults" angezogen. Ende 2000 habe Carsten S. sich im Zuge seines Coming-outs von der rechten Szene abgewandt, weil er erkannt habe, dass ein offen schwules Leben dort nicht möglich gewesen wäre. Wenige Monate zuvor brachte er Mundlos und Böhnhardt die Waffe mit Schalldämpfer und Munition.

NSU-Chronik

NSU-Morde

Verwandte Themen

Anschlag in Köln

NSU-Morde

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP