Panorama

NSU-Prozess

Gericht hält Zschäpe-Gutachter für befangen

Im NSU-Prozess muss Beate Zschäpes Verteidigung eine Schlappe einstecken: Das Gericht hält den Gutachter Joachim Bauer für befangen.

REUTERS

Joachim Bauer

Dienstag, 11.07.2017   15:31 Uhr

Das Oberlandesgericht München hat den Psychiater Joachim Bauer als Gutachter im NSU-Prozess abgelehnt. Der Senat folgte einem Antrag mehrerer Nebenkläger. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sagte, Bauer habe den "Eindruck der Parteilichkeit nicht beseitigen" können.

Der Freiburger Psychiater bewerte das Verfahren als eine "Hexenverbrennung", vor der er die Hauptangeklagte Beate Zschäpe in Schutz nehmen wolle. Bauer mache damit deutlich, dass nach seiner Ansicht "ein massiver Schuldspruch bereits feststeht".

Nach der Entscheidung des Gerichts wies Bauer die Vorwürfe gegen ihn zurück. "Zu keinem Zeitpunkt habe ich mir eine persönliche Meinung über die Schuld von Frau Zschäpe gebildet," teilte Bauer mit. Er verteidigte das von ihm erstellte Gutachten. Außerdem wirft Bauer den Medien vor, gezielt gegen ihn vorgegangen zu sein. Demnach sei er bereits vor Beginn seiner Arbeit "massiven und absichtsvollen Versuchen" ausgesetzt gewesen, um ihn "fachlich zu diskreditieren".

Bauer hatte Zschäpe mehrmals in der Untersuchungshaft in der Münchner Vollzugsanstalt Stadelheim besucht. Im Auftrag der Verteidiger ihres Vertrauens, Mathias Grasel und Hermann Borchert, hatte er als Zeuge über diese Gespräche berichtet und als Sachverständiger befunden, Zschäpe sei wegen einer krankhaften Persönlichkeitsstörung nur eingeschränkt schuldfähig.

Bauer schrieb in E-Mail von "Hexenverbrennung"

Der vom Gericht bestellte Gutachter Henning Saß kamjedoch zu einem anderen Ergebnis. Seiner Einschätzung zufolge ist Zschäpe voll schuldfähig, weiterhin gefährlich; deshalb kommt Saß zufolge eine Unterbringung in der Sicherungsverwahrung durchaus infrage.

Zschäpes Altverteidiger, Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer, die seit Sommer 2015 im Gerichtssaal mit ihrer Mandantin kein Wort mehr gewechselt haben, beauftragten anschließend den Sachverständigen Pedro Faustmann von der Uni Bochum, sich intensiv methodenkritisch mit dem Saß-Gutachten auseinanderzusetzen. Auf Basis von Faustmanns Einschätzung forderten die Altverteidiger das Gericht auf, Saß' Gutachten zu verwerfen und einen neuen Sachverständigen auszuwählen. Über diesen Antrag hat das Gericht noch nicht entschieden.

Bauer hatte nach der Präsentation seines Gutachtens in einer E-Mail an den Onlinechef der Zeitung "Die Welt" einen "exklusiven Beitrag" angeboten. In der Mail sprach er von "Hexenverbrennung" und davon, dass seine Begutachtung Zschäpes "einigen nicht passe". "Das Stereotyp, dass Frau Zschäpe das nackte Böse in einem weiblichen Körper ist, darf nicht beschädigt werden. Eine Hexenverbrennung soll ja schließlich Spaß machen", schrieb Bauer in der Mail.

Zschäpe lebte fast 14 Jahre mit den Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund. Die beiden Männer sollen während dieser Zeit zehn Menschen ermordet haben, neun aus rassistischen Motiven. Zschäpe ist als drittes und einzig überlebendes Mitglied des "Nationalsozialistischen Untergrunds" wegen Mittäterschaft an allen Verbrechen angeklagt.

asc/dpa

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