Panorama

NSU-Prozess zu Nürnberger Mord

"Wie Urlauber"

Als Ismail Yasar 2005 in Nürnberg erschossen wurde, waren einige Zeugen in der Nähe. Im NSU-Prozess sprachen sie nun über ihre Beobachtungen: Zwei Männer sahen sie, womöglich auch die Mordwaffe. Ihre Aussagen schärfen das Bild von Tätern, die das Risiko suchten.

DPA

Tatort in Nürnberg: "Einer lang, der zweite kleiner"

Von , München
Mittwoch, 09.10.2013   19:38 Uhr

Der Fall Ismail Yasar, der sechste in der Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), über die seit Mai das Oberlandesgericht München verhandelt, ist der wahrscheinlich am besten von Zeugen beobachtete tödliche Überfall auf ein Opfer ausländischer Herkunft. Zu Beginn des Prozesses hatte schon eine Musiklehrerin ihre Wahrnehmungen geschildert: Zwei Männer habe sie an dem Imbiss an der Nürnberger Scharrerstrasse am 9. Juni 2005 kurz vor 10 Uhr vormittags gesehen, von denen sie dachte, die hätten "nichts Gutes im Sinn". Das war wohl unmittelbar vor der Tat.

Eine weitere Zeugin hatte Ähnliches berichtet. An jenem Tag gegen 10 Uhr habe sie dort zwei Männer an Fahrrädern vor dem Stand gesehen, wovon der eine dem anderen einen länglichen, in eine gelbe Plastiktüte verpackten Gegenstand - die Zeugin hatte die Assoziation "Regenschirm" - in den Rucksack gesteckt habe. Das war wohl unmittelbar nach der Tat, und der "Regenschirm" war die Ceska 83. Ein Dozent erinnerte sich an Fahrräder, die seiner Auffassung nach "unordentlich" an dem Imbiss abgestellt gewesen seien. Das war wohl genau zur Tatzeit.

Am Mittwoch nun berichtete der Zeuge Mütasam K., Besitzer eines Haushaltswarengeschäfts in der Nähe des Tatorts, wie er, an dem Imbiss vorbeifahrend, damals eine Arbeitsplatte zu seinem Laden bringen wollte, wo ein Kunde darauf wartete. Er habe sich geärgert, als zwei junge Leute mit Rädern in aller Seelenruhe die Straße überquerten, da er in Eile gewesen sei: Von den Männern im Alter von ungefähr Ende 20 sei "einer lang und dünn, der zweite kleiner und kräftiger" gewesen. Das waren wohl Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die beiden Kumpane der Angeklagten Beate Zschäpe, mit denen sie mehr als ein Jahrzehnt in der Illegalität verbrachte, ehe die Drei im November 2011 aufflogen.

"Es kam Ihnen nicht die Idee, dies der Polizei zu melden?"

Es wird immer wieder das gleiche Muster sichtbar, wenn Zeugen unabhängig voneinander ihre Erinnerungen schildern: Überfälle mitten am Tag, bei vollem Geschäftsbetrieb; die mutmaßlichen Täter offenbar ohne Angst vor ihrer möglichen Entdeckung, ganz im Gegenteil. Die Täter genossen diesen Kick, diesen besonderen Reiz des Risikos, augenscheinlich wie pubertierende Jugendliche. Sie handelten jeweils in Bruchteilen von Sekunden.

Zahlreiche Zeugen erinnern sich an zwei junge Männer unterschiedlicher Größe in dunkler Kleidung, manche Zeugen haben Fahrräder gesehen, Sporthosen, einen Rucksack, eine Plastiktüte, in der, was sie allerdings nicht ahnen konnten, offenbar die Ceska 83 mit Schalldämpfer verborgen war.

Mütasam K. hörte trotz lauter Musik in seinem Auto Schüsse, als er den Imbisswagen gerade hinter sich gelassen hatte. Ebenso die beiden Frauen. Er habe sich allerdings nicht darum gekümmert, sagte K. "Es kam Ihnen nicht die Idee, dies der Polizei zu melden?", fragte der Vorsitzende Manfred Götzl. Der Zeuge wehrt erschrocken ab: Nein, niemals! Er würde nie von sich aus zur Polizei gehen.

Einer wie er, der aus dem Irak stammt und Waffen anhand von Schussgeräuschen zu unterscheiden gelernt hat, will nichts mit der Polizei zu tun haben. Als er von Yasars Tod hörte, habe er nicht an die Schussgeräusche gedacht, sagte er vor Gericht. Die Namen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe kenne er nicht, er lese keine Zeitungen und sehe nicht fern, er hasse Nachrichten. Er kenne nur Gerüchte aus der Nachbarschaft, dass Yasar möglicherweise mit Drogen zu tun gehabt habe oder mit der Mafia oder dass vielleicht sogar die geschiedene Ehefrau hinter dem Verbrechen stecken könnte.

Vorsichtige Fahrer

Thema Autoanmietung am Nachmittag dieses 44. Verhandlungstags: Hier kommen nun die Mitangeklagten André E. und Holger G. ins Spiel. Böhnhardt, vor allem er, soll zu einzelnen Tatorten mit gemieteten Wohnmobilen gefahren sein oder auch mit Personenwagen. Er verhielt sich dabei offensichtlich vorsichtig: Die Ermittler registrierten keinen Unfall, kein Knöllchen wegen Falschparkens, keine Strafe wegen zu schnellen Fahrens. Das letzte Fahrzeug, in dem Zschäpe 2011 mit dabei war, hatte das Trio ausgestattet wie die festungsartige Wohnung in der Frühlingsstraße in Zwickau - mit einer Videokamera zur Beobachtung eventueller Verfolger.

Für die Fahrt nach Nürnberg im Juni 2006 stand ein von Böhnhardt unter dem Namen Holger G. für einen Tag gemieteter Skoda Oktavia zur Verfügung. 65 Anmietungen in den Jahren 2000 bis 2011 konnte die Polizei rekonstruieren. Siebzehn Straftaten, davon sechs Tötungsdelikte, zwei Sprengstoffanschläge und neun Raubüberfälle auf Banken und Sparkassen konnte die Kripo in Zusammenhang bringen mit 15 Anmietungen von Wohnmobilen und Personenwagen. Zu den weiteren Ausleihen konnten die Ermittler keine Feststellungen treffen. Wurden dabei Tatorte ausspioniert? Wohin wurde mit den vielen VW Polo und Variant und Skodas gefahren, die auch unter den Mietwagen zu finden sind?

Nur die ersten drei Fahrzeuge, die Böhnhardt und Mundlos benutzten, mietete der Angeklagte André E. auf seinen Namen. Von 2004 an gab Holger G., der eine gewisse Ähnlichkeit mit Böhnhardt hatte, seinen Namen her, auch seinen Führerschein oder Pass. Mal wurden die Fahrzeuge nur für einen oder zwei Tage gemietet, dann aber auch wieder für mehrere Wochen, in denen offenbar Urlaub angesagt war.

Das Erschreckende dabei ist wieder das Muster. Erweist sich die Anklage des Generalbundesanwalts als richtig, dann fuhren Böhnhardt und Mundlos - samt Zschäpe oder ohne sie? - mit dem gleichen Equipment in den Urlaub, mit dem sie sich auch zum Morden aufmachten. Mit Wohnmobilen, bestückt mit Fahrrädern und/ oder Waffen, mal an den Ostseestrand, mal zu Tatorten, so dass sie, wo auch immer, unabhängig waren. "Wie Urlauber" seien ihm die Radfahrer vorgekommen, sagte der Zeuge K. am Mittwoch, als sie über die Straße geschlendert seien und umhergeblickt hätten - ehe sie dann offenbar blitzschnell den 50 Jahre alten Ismail Yasar in seinem Imbiss in Kopf und Brust schossen.

Die Verhandlung wird morgen mit der Befragung von Carsten S. fortgesetzt, der bisher zwar zur Person und zur Sache ausgesagt, sich aber geweigert hatte, sich von den Verteidigern der Mitangeklagten befragen zu lassen. Von dieser Haltung ist er inzwischen abgerückt, wohl auch, um den Eindruck einer rundum glaubhaften Aussage nicht zu schmälern.

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