Panorama

Ein Jahr nach dem NSU-Urteil

"Die haben uns kaputtgemacht"

Abdulkerim Simsek, Sohn des ersten NSU-Opfers Enver Simsek, über verloren gegangenes Vertrauen, Drohbriefe an seine Anwältin Seda Basay-Yildiz und den Mord an Walter Lübcke.

Tobias Hase/ DPA

Abdulkerim Simsek am Tag der Urteilsverkündung in München im Juli 2018

Ein Interview von Wiebke Ramm
Donnerstag, 11.07.2019   11:17 Uhr

Vor einem Jahr, am 11. Juli 2018, wurde Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München als NSU-Terroristin wegen Mittäterschaft bei dem Mord an Enver Simsek und bei neun weiteren Morden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht stellte die besondere Schwere ihrer Schuld fest. Für Angehörige der NSU-Opfer wie Abdulkerim Simsek ist der Fall noch längst nicht Vergangenheit.

Zur Person

Abdulkerim Simsek, 31, ist der Sohn von Enver Simsek, dem ersten Mordopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Am 9. September 2000 schossen die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Nürnberg auf seinen Vater. Enver Simsek starb zwei Tage später im Krankenhaus. Er wurde 38 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Simsek, wie geht es Ihnen?

Simsek: Im Moment eigentlich gut. Ich bin gerade zu Besuch bei meiner Familie in der Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr fiel das Urteil im NSU-Prozess. Sind Sie seither etwas zur Ruhe gekommen?

Simsek: Wenn ich nicht in Deutschland bin, so wie jetzt gerade, gelingt es mir ganz gut, nicht an den NSU zu denken. Ich will mit dem Thema wirklich abschließen. Ich ertrage es einfach nicht mehr. Ich will nichts mehr davon hören. Aber es hört ja nicht auf. Erst die Drohmails gegen meine Anwältin, Seda Basay-Yildiz, dann der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Das alles macht mich so wütend!

SPIEGEL ONLINE: Was genau ärgert Sie so sehr?

Simsek: Wir haben immer gesagt, Kassel ist eine Neonazi-Hochburg. Darauf haben wir im Prozess immer wieder hingewiesen. Wir haben geschrien: Es gibt noch andere Leute! Aber auf uns wurde nicht gehört. Es wurde immer so dargestellt, dass der NSU nur aus drei Leuten besteht - aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Aber für mich ist ganz klar: Das ist ein Netzwerk. Die Familie Lübcke tut mir furchtbar leid. Ich bin fest davon überzeugt, dass der NSU und der Mord an Herrn Lübcke miteinander verstrickt sind. Da steckt mehr dahinter. Ich habe nur keine Hoffnung, dass wir die Hintergründe jemals erfahren werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Simsek: Weil ich nicht sehe, dass es den Sicherheitsbehörden und dem Verfassungsschutz wirklich um Aufklärung geht. Seit Jahren wird im NSU-Komplex gegen weitere Leute ermittelt. Ohne dass da irgendetwas bei herauskommt. Hätte man sich um das Umfeld viel früher gekümmert, ich bin mir sicher, der Mord an Herrn Lübcke hätte verhindert werden können. Und was nützt es, dass der hessische Verfassungsschutz jetzt die Sperrfrist einer NSU-Akte von 120 Jahren auf 40 Jahre herabgestuft hat? Ich will jetzt wissen, was da drinsteht.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie gern mit Beate Zschäpe sprechen wollen?

Simsek: Was soll das denn bringen? Sie würde mir ihr Wissen doch eh nicht offenbaren. Außerdem ertrage ich ihren Anblick nicht mehr. Es war schon schwer genug, sie fünf Jahre lang vor Gericht in München immer wieder sehen zu müssen.

Peter Kneffel/ DPA

11. Juli 2018: NSU-Terroristin Beate Zschäpe (vorne links) am Tag der Urteilsverkündung vor dem Oberlandesgericht in München

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also keine Hoffnung mehr, dass Beate Zschäpe eines Tages doch noch zur Aufklärung des NSU-Komplexes beiträgt?

Simsek: Ich denke nicht, dass das passieren wird. Sonst hätte sie sich schon im Prozess anders verhalten. Von Beate Zschäpe wird nichts mehr kommen.

SPIEGEL ONLINE: Carsten S. ist der einzige der fünf Angeklagten aus dem NSU-Prozess, der sein Urteil angenommen und seine Revision zurückgezogen hat und - neben Zschäpe - nun im Gefängnis sitzt.

Simsek: Ja, er ist sozusagen freiwillig ins Gefängnis gegangen, während die anderen Mitangeklagten, André E., Holger G. und Ralf Wohlleben, frei sind. Ich halte das für ein fatales Signal an die Neonazi-Szene: Schweigen lohnt sich. Carsten S. hat sich als Einziger zu seiner Tat bekannt, er hat glaubhaft Reue gezeigt und sich aufrichtig entschuldigt. Gerade den, der das Schweigen gebrochen und wirklich zur Aufklärung beigetragen hat, hat es nun am härtesten getroffen. Ich würde es wirklich begrüßen, wenn Carsten S. so schnell wie möglich wieder aus dem Gefängnis kommt.

SPIEGEL ONLINE: "Herr S., wir nehmen Ihre Entschuldigung an." Wie schwer ist es Ihnen gefallen, diese Worte im Prozess zu sagen? Zu dem Mann, der die Waffe besorgt hat, mit der Ihr Vater ermordet wurde?

Simsek: Das ist mir überhaupt nicht schwergefallen. Ich glaube ihm seine Reue und dass er mit rechtem Gedankengut nichts mehr zu tun hat. Und seine Reaktion hat ja auch gezeigt, dass ich mich in ihm nicht getäuscht habe.

SPIEGEL ONLINE: Carsten S. ist vor Erleichterung weinend auf der Anklagebank zusammengebrochen.

Simsek: Ja, das habe ich gesehen. Weil ich ihm in die Augen geguckt habe, während ich zu ihm sprach. Denn ich wollte ihm zeigen, dass ich das, was ich sage, wirklich so meine.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Drohungen gegen Ihre Anwältin schon angesprochen. Polizeibeamte sollen Seda Basay-Yildiz gedroht haben, ihre kleine Tochter "zu schlachten".

Simsek: Mein erster Gedanke war: Wie krank ist das, ein kleines Mädchen auf diese Art und Weise zu bedrohen? Diese Drohungen sollen von Polizisten kommen. Von Polizisten! Also von Menschen, die uns beschützen sollen. Wirklich unfassbar. Drohungen kommen ja öfter vor. Aber aus Polizeikreisen? Das ist sehr besorgniserregend.

CHRISTOF STACHE/ AFP

Die Anwältin Seda Basay-Yildiz vor Gericht (Archivbild)

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Vertrauen in die Arbeit der Sicherheitsbehörden und des Verfassungsschutzes?

Simsek: Nein, das Vertrauen ist wirklich komplett zerstört. Als mein Vater ermordet wurde, wurden wir über Jahre zu Unrecht verdächtigt. Die Polizei hat uns beschuldigt. Mein Vater wurde als Drogendealer hingestellt, meine Mutter immer und immer wieder verhört. Das kann man nicht vergessen. Meine Mutter hat darunter psychisch sehr gelitten. Dann geschah der zweite, der dritte, der vierte Mord. Es hörte nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten miterleben, wie der NSU weitere Menschen ermordete...

Simsek: Meine Mutter hat mit den Familien unendlich mitgelitten, weil sie wusste, was auch deren Angehörige nun durchmachen mussten. Und jedes Mal kam die Polizei wieder zu uns, hat uns verhört und verdächtigt. Das hält man schwer aus. Die haben uns kaputtgemacht. Eigentlich dachte ich, dass das alles nicht mehr zu toppen ist. Dann kam die Sache mit den Drohungen gegen unsere Anwältin. Einfach unfassbar.

SPIEGEL ONLINE: Was muss geschehen, damit Sie das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden wiedererlangen?

Simsek: Die Behörden müssen viel mehr Transparenz schaffen und aufhören, auf dem rechten Auge blind zu sein. Leute mit rechtem Gedankengut haben in den Sicherheitsbehörden nichts verloren. Genauso wenig wie Islamisten und Linksextreme. Gegen solche Leute in den eigenen Reihen muss konsequent vorgegangen werden. Aber das sehe ich nicht, wenn es um rechte Polizisten geht.

SPIEGEL ONLINE: Jenseits der Behörden, welche Lehren sollte die Gesellschaft aus dem NSU-Komplex ziehen?

Simsek: Viele Menschen in Deutschland sind ja aufgewacht. Wir haben viel Unterstützung erfahren. Wir waren wirklich nicht allein. Und wenn irgendwo Nazis aufmarschieren, gibt es noch viel mehr Menschen, die gegen die Rechtsradikalen protestieren. Die vielen guten Menschen sind ja da. Aber sie können eben auch nicht viel mehr machen, als zu demonstrieren.

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