Panorama

Zeugin in NSU-Prozess

"Es war klar, dass die sich verstecken mussten"

Eine Jugendfreundin des mutmaßlichen Terrorhelfers André E. hat im NSU-Prozess ausgesagt. Die Zeugin berichtete über Einzelheiten aus der rechten Szene - und einen Besuch in der konspirativen Fluchtwohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in Chemnitz.

REUTERS

Leerer Gerichtssaal in München: Aussage von Anja S. im NSU-Prozess

Von , München
Dienstag, 08.04.2014   17:01 Uhr

Die Zeugin Anja S., 32, die am 103. Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess aussagt, gehört laut Pressemitteilung zum Umfeld der Angeklagten. Doch weder ihr englischer Nachname noch ihre Erscheinung - groß, schlank, attraktiv, blonder Pferdeschwanz - oder auch ihre erfrischend offene Art wollen so recht dazu passen. Was hat oder hatte sie mit dem rechten Sumpf zu tun, der der Nährboden für die Verbrechen des NSU war?

Die Erklärung dafür liefert die Zeugin gleich zu Beginn ihrer Aussage: Sie war im zarten Alter von 15 mit dem Angeklagten André E. etwa ein Jahr lang zusammen, "als Paar sozusagen". Gegen den Willen der Eltern. "Wir trafen uns dann heimlich." Der Stiefvater sei gegen den damaligen Maurerlehrling André gewesen, weil der als Skinhead bekannt gewesen sei und weil er "einen Kopf kleiner war als ich". Der Stiefvater, in den Augen der jungen Anja selbst extrem rechts eingestellt, wollte an ihrer Seite offenbar eher einen großen Blonden sehen denn einen klein gewachsenen pummeligen Bartträger wie E., der damals gerade erst 17 war.

"Wenn man Fernsehen schaute", sagt die Zeugin, "tobte mein Vater, dass Deutschland nie wieder so werde, wie es einmal war." Für sie sei das "normal" gewesen, sie habe es zunächst nicht anders gekannt. "Mein Vater war total gegen Skinheads, weil die den Ruf der deutsch Gesinnten verdürben. Das Bild von Skinheads ist in der Öffentlichkeit ja nicht gerade positiv."

"André ist unheimlich lieb und nett und vor allem loyal", erinnert sich die Zeugin, "es gibt nichts, was er für mich nicht getan hätte." Sie aber habe keine Lust "auf ein so beschränktes Leben" gehabt, wie es E. führte: ausländerfeindlich, in der Vergangenheit "herumgrabend" und räsonierend, dass früher alles viel besser gewesen sei. Eine gemeinsame Zukunft sei nicht in Frage gekommen.

Besuch bei Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in Chemnitz

"Der André hatte zu allem eine feste Meinung, er war richtig festgefahren. Alles war schlecht, was nicht total deutsch war." Er sei stolz gewesen, ein Deutscher zu sein. Anderes sei nicht akzeptabel gewesen. Die Kleidung, die Musik, der ganze Lebensstil - es musste deutsch sein. Viel sei über die sogenannte Wehrmachtsausstellung gesprochen worden, "und wie toll das war damals", und über germanische Gottheiten. Bücher habe E. wohl nicht gehabt. In Discos habe er nicht gehen wollen, so etwas tue man nicht. "Was willst du mit dem Negergezappel", habe es geheißen. E.s Kleidung und sein Benehmen seien für Außenstehende schon "furchterregend" gewesen. Allerdings habe sie E. nie gewaltbereit erlebt.

Beate Zschäpe und die beiden Uwes, Böhnhardt und Mundlos, habe sie in Chemnitz 1998 kennengelernt, als E. sie zu deren "Miniwohnung" mitgenommen habe. "Es war klar, dass die sich verstecken mussten. Warum, das weiß ich nicht mehr. Gegen die war ich ein Kind. Ich habe mich nicht getraut, nach dem Grund zu fragen." Man habe Kaffee, Milch und Kuchen mitgebracht. Denn die drei seien ja kaum nach draußen gegangen.

Die Zeugin absolvierte damals nach der 10. Klasse eine Hotelfachlehre, fand dadurch einen anderen Freundeskreis und distanzierte sich offenbar zunehmend von der engen, fremdenfeindlichen Lebenswelt ihrer Jugendzeit. Aus dem Grund trennte sie sich auch von E. "Ich bin ja auch eine Erzgebirglerin", sagt sie, "da oben finden Sie keinen, der nicht rechts eingestellt ist und sich nicht negativ über Ausländer äußert!" Aber im Hotel habe sie dann Menschen kennengelernt, die nicht nur an das Gestern dächten. "Als ich André kennenlernte, war ich ein dummes Kind, jetzt bin ich schlauer", sagte sie einmal in einer Vernehmung.

Gespräche über "banale Dinge"

Die Frage, ob sich auch André E. damals von der radikalen Szene trennen wollte, kann sie nicht beantworten. E. habe mal gesagt, er interessiere sich weniger für Politik als für Spaß. Er habe auch "rumgepöbelt, wenn ihm etwas nicht passte". Die Lebensweise der Skinheads habe ihm gefallen. Aber auf die rechte Szene habe er am Schluss "keine Lust mehr" gehabt. "In welche Richtung er sich dann entwickelt hat, weiß ich nicht."

Die Zeugin lernte damals auch Mandy S. kennen, die wie viele der früheren Freunde aus dem rechten Milieu Johanngeorgenstadts stammt. Frau S. war seinerzeit die Freundin von Max-Florian B., der dem Trio Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unmittelbar nach dessen Untertauchen seine Chemnitzer Wohnung als Unterschlupf zur Verfügung gestellt hatte. Mandy S. ist gelernte Friseurin, ihre Ausbildung absolvierte sie in Selb, wo sie offenbar unliebsame Begegnungen mit Ausländern hatte. Anja S. und Mandy S. aber unterhielten sich, wenn sie damals zusammentrafen, über "Mädchenkram", über Frisuren, Haarefärben und dergleichen.

Mit Zschäpe habe sie über "banale Dinge" geredet, sagt die Zeugin vor Gericht. Zschäpe habe sie zum Beispiel nach ihrer Arbeit gefragt. Es habe in dem kleinen Kreis keinen Wortführer gegeben. Dass alle der rechten Szene angehörten, habe sie für selbstverständlich gehalten. Schließlich habe sie, die Zeugin, auch dazugehört.

NSU-Chronik

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