Panorama

NSU-Prozess

Als die Schweigsamen noch redeten

Viele Zeugen wollen sich im NSU-Prozess nicht äußern. Das Gericht behilft sich mit Ermittlern: Was erzählten die Zeugen, als sie noch zu reden bereit waren? Zum Beispiel Andreas S., der einem Angeklagten die Tatwaffe der Mordserie verkauft haben soll.

DPA

Stuhl für Zeugen im OLG München: Ermittler erinnern sich

Von , München
Dienstag, 25.02.2014   16:46 Uhr

Es sind oftmals nur Momentaufnahmen, von denen die Zeugen im Münchner NSU-Prozess berichten können. Und doch werden diese Mosaiksteinchen am Ende des Verfahrens wohl ausreichen, dass der Senat auf einer sicheren Basis ein Urteil über die Angeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger G., Carsten S. und André E. sprechen kann.

Wieder einmal ging es um das grausame Verbrechen an dem 21 Jahre alten Halit Yozgat, der am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel von einem Mitglied des sogenannten NSU-Trios, möglicherweise von Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos, erschossen worden sein soll. Ein Asylbewerber aus dem Irak war neben anderen am Tatort anwesend.

Kurz vor 17 Uhr kam der Iraker in das Internetcafé. Halit Yozgat, hinter dem Tresen sitzend, wies ihm eine Telefonkabine zu. Während der Mann dort seine Verbindungsdaten eingab, hörte er Geräusche, als ob draußen Luftballons platzten, und gleich darauf einen dumpfen Ton, als ob etwas hinuntergefallen sei. Er habe eine Erschütterung des Bodens gespürt.

Über die Aussagen dieses Mannes, der sich mittlerweile wieder im Irak aufhält, berichtete ein Polizeibeamter, der ihn seinerzeit vernommen hatte. Der Iraker meinte sich kurz nach der Tat zu erinnern, aus dem Augenwinkel eine Person, die unmittelbar nach den Knallgeräuschen das Café verließ, gesehen zu haben; es sei vermutlich ein Mann gewesen, hell gekleidet, etwa 1,80 Meter groß.

"Willst du kein Geld?"

Als er seine Telefonate beendet hatte, wollte der Iraker zahlen. Hinter dem Tresen saß niemand mehr. Der Mann ging darauf in den hinteren Bereich des Cafés zu den Internetplätzen, wo sich Gäste aufhielten, sah aber auch dort niemanden zum Bezahlen. Er verließ das Café, um draußen nach dem Besitzer zu suchen. Er wartete, ging auf und ab. Schließlich kam Vater Yozgat, bepackt mit Einkäufen. "Willst du kein Geld?", will der Iraker ihn gefragt haben.

Vater Yozgat, so seine weitere Aussage, sei daraufhin in das Lokal und um den Tresen herum gegangen und habe dort seinen sterbenden Sohn gefunden. Er habe geschrien, um Hilfe gerufen und habe den Sohn wachrütteln wollen.

Der Iraker ist neben dem damaligen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, Andreas T., der ebenfalls zur Tatzeit am Tatort war, der zweite, der offenbar an dem Tresen vorbeigegangen war, ohne zu registrieren, dass dahinter gerade ein junger Mann starb. Blutspuren auf dem Tresen will der Iraker ebenso wenig wie T. wahrgenommen haben. Einen Unterschied jedoch gibt es: Der kleingewachsene Iraker stand mit dem Rücken zum Geschehen in seiner Kabine. Der größer gewachsene Andreas T., muss es, soweit bekannt, unmittelbar mitbekommen haben. Trotzdem behauptet er bis heute, keinerlei Erinnerung an Schüsse oder den mutmaßlichen Täter zu haben.

Morde mitten am Tag

Nicht nur diese Erinnerungslosigkeit erstaunt. Auch die Kaltschnäuzigkeit, mit der die mutmaßlichen NSU-Mörder ihre Taten verübten, fällt gerade im Fall Yozgat auf. Sie töteten mitten am Tag, in belebten Gegenden bei laufendem Geschäftsbetrieb, in Anwesenheit von Personen, die Augenzeugen hätten werden können. Die sofort die Polizei informieren oder sie festhalten hätten können. Das Risiko, das die mutmaßlichen Mörder offenbar bedenkenlos eingingen, erscheint oft geradezu wahnwitzig.

Viele Zeugen aus der rechten Szene weigerten sich bisher vor Gericht, über ihre Kontakte zu Zschäpe und ihren Komplizen auszusagen. Sie wollen sich nicht selbst belasten und haben daher das Recht zu schweigen. Manche scheinen sich hinter diesem Recht zu verstecken; ihre Solidarität zu den Angeklagten scheint ungebrochen. Das Gericht befragt in diesen Fällen jene Polizeibeamten, die nach dem Auffliegen des NSU ermittelt und dabei Zeugenaussagen zusammengetragen haben.

"Mit Scheitel und Braunhemd"

Andreas S. war, als er von der Polizei befragt wurde, durchaus gesprächsbereit. Er war Besitzer des "Madley"-Ladens in Jena, in dem Carsten S. eine scharfe Waffe für das Trio Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt gekauft haben soll, angeblich im Auftrag von Ralf Wohlleben.

Andreas S. habe sich sichtlich unwohl gefühlt bei der Vernehmung, berichtete ein Polizeizeuge vor Gericht. Trotzdem habe S. bereitwillig ausgesagt und schließlich zugegeben, er habe für Wohlleben "die Scheißknarre besorgt": ein gebrauchtes tschechisches Fabrikat zum Preis von 2500 Mark, mit 50 Stück Munition in einer Pappschachtel. Demnach hatte Wohlleben ihn um die Waffe gebeten. Später sei sie, in ein Handtuch gewickelt, an Carsten S. übergeben worden, der in einem Kleinwagen in einer Nebenstraße gewartet habe.

Die "Katze ist ja nun eh aus dem Sack", habe Andreas S. gegenüber der Polizei gesagt. Welchem Zweck die Waffe dienen sollte, sei nicht nachgefragt worden. Den Laden habe Andreas S. laut eigener Aussage mit Frank L. betrieben, allein um Geld zu verdienen. An der Waffe habe man 500 Mark verdient. Mit dem "Politscheiß" der Kunden, die "mit Scheitel und Braunhemd herumliefen", habe man aber nichts zu tun haben wollen. Er habe weder vorher noch nachher je wieder eine Waffe verkauft.

Die Verteidigung Wohllebens versuchte, die Angaben des Polizeizeugen in Zweifel zu ziehen. War es wirklich Wohlleben, der nach der Waffe fragte? Oder vielleicht doch ein anderer? Andreas S. äußerte sich nicht immer ganz eindeutig, er log wohl auch mal. Aber unter den Polizeizeugen gibt es auch Unterschiede: die einen erinnern sich voller Eifer, was in der Anklage steht; andere gehen in sich und geben auch mal zu, eine Frage unterlassen zu haben. Der Polizeizeuge zu Andreas S. gehörte zu der zweiten Kategorie.

NSU-Chronik

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