Panorama

NSU-Prozess in München

Eine überraschende Zeugin

Eine Anwältin der Nebenklage will eine neue Zeugin im NSU-Prozess hören lassen: Die Frau habe Beobachtungen im Zusammenhang mit zwei Mordfällen gemacht, die der Terrorzelle zugerechnet werden. Ihre Aussage könnte die These von Beate Zschäpe als Mittäterin stützen.

DPA

Angeklagte Zschäpe: Was wusste sie von den Morden?

Von , München
Donnerstag, 19.09.2013   18:53 Uhr

Der NSU-Prozess wurde am Donnerstag fortgesetzt, als ob nichts geschehen wäre. Dabei hatte die Verteidigung von Beate Zschäpe den 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt. Die Anwälte hatten dabei einen Beschluss des Senats zur Vergütung ihrer Tätigkeit im Ermittlungsverfahren kritisiert.

Wäre den Anträgen stattgegeben worden, hätte der NSU-Prozess neu beginnen müssen. Denn es waren ja nicht nur einzelne Richter abgelehnt worden, sondern der gesamte Senat. Doch es kam anders.

Der Vorsitzende fügte am Donnerstagmorgen der üblichen Begrüßung des Plenums nur den dürren Satz hinzu: "Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Entscheidungen über die Ablehnungsgesuche vorliegen." Das war's. Kein weiteres Wort. Motto offenbar: Noch nicht mal ignorieren. Auch so kann man zeigen, was man von einem Antrag der Verteidigung hält.

Die Zeugin aus Dortmund

So ging es weiter mit einem Beweisantrag, der dem Prozess tatsächlich eine Wendung geben könnte. Die Hamburger Strafverteidigerin Doris Dierbach stellte ihn, er rief sogleich das Bundeskriminalamt auf den Plan. Der Antrag könnte Beate Zschäpes mutmaßliche Mittäterschaft bei den Morden an zehn Menschen, die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" angelastet werden, in einem deutlicheren Licht erscheinen lassen.

Denn in der Anklage des Generalbundesanwalts geht es bezüglich einer Mittäterschaft um zwar naheliegende, aber eben doch nur konstruierte Rückschlüsse und Unterstellungen, weniger aber um handfeste Fakten.

In spektakulären Kriminalfällen gibt es immer Personen, die meinen, zur Aufklärung den alles entscheidenden Tipp geben zu können. Wird sich hier nachweisen lassen, dass Zschäpe in der ersten Aprilwoche 2006 zusammen mit ihren Kumpanen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Dortmund war? Dass sich "das Trio" - ganz in Schwarz - zusammen mit einem vierten Mann, anscheinend einem "Skinhead" von bulliger, stämmiger Statur, auf einem Grundstück am Brackeler Hellweg 58 in Dortmund aufhielt? Auf dem 2004 und 2005 angeblich häufiger ein Wohnmobil gestanden habe mit einem Kennzeichen, das die Buchstaben Z, C und A enthielt?

Es soll nämlich laut Dierbach eine Zeugin aus Dortmund geben, die sich in der Kanzlei Bliwier/Dierbach/Kienzle in Hamburg meldete und Beobachtungen im unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit den Todesfällen Mehmet Kubasik und Halit Yozgat schilderte.

Tödlicher Zufall

Die Frau, die seinerzeit in einem Nachbarhaus gewohnt habe, will das Fenster geöffnet haben, um die Leute in Schwarz, die da auf dem Nachbargrundstück standen, zu fragen, ob sie Hilfe brauchten; sie habe gedacht, das seien neue Nachbarn. Sie habe sogar einen Moment lang Augenkontakt mit Zschäpe gehabt. Ende März 2006 will die Zeugin überdies ein weiteres großes Wohnmobil vor dem Grundstück gesehen haben. Nach dem Auffliegen des NSU im November 2011, als erste Fotos von Böhnhardt und Mundlos sowie später auch Zschäpes durch die Medien gingen, habe sie diese Personen als die Leute auf dem Nachbargrundstück sofort wiedererkannt.

Sollte das nicht nur heiße Luft sein, was die Frau bekundet, könnte dies möglicherweise Rückschlüsse zulassen, dass die Drei zusammen im Westen Deutschlands unterwegs waren, um Straftaten zu begehen. Nebenklageanwältin Dierbach will die Frau dazu in der Hauptverhandlung als Zeugin hören, ehe sie von den Ermittlern des Bundeskriminalamts vernommen wird.

Am 4. April 2006, also jener Woche, in der die Zeugin aus Dortmund Beobachtungen machte, wurde in Dortmund gegen 12.55 Uhr Mehmet Kubasik, ein Deutscher türkischer Abstammung, in seinem Kiosk an der vielbefahrenen, vierspurigen Mallinckrodtstraße erschossen. Zeugen beobachteten zur unmittelbaren Tatzeit in der Nähe zwei Männer, bei denen es sich um Böhnhardt und Mundlos gehandelt haben könnte.

Üblicherweise wurde der Kiosk von morgens sieben Uhr an von der Ehefrau Kubasiks betrieben; von 13 Uhr an übernahm der Mann den Verkauf bis in die Nacht. Am Tattag allerdings begann Kubasik schon früher im Kiosk - für ihn ein tödlicher Zufall. Es gab eine Überwachungskamera im Verkaufsraum, aber sie funktionierte nicht.

"Er hatte eine absolut weiße Weste"

Der erste Schuss aus der Pistole Ceska 83, die wie ein Markenzeichen die mutmaßlichen Taten des NSU kennzeichnet, verfehlte den Mann offenbar und drang in die Wand ein. Eine weitere Kugel traf ihn ins rechte Auge, durchschlug den Hirnstamm und blieb unter der Schädeldecke stecken. Kubasik ging in die Knie, als ihn eine weitere Kugel in die rechte Schläfe traf, die am linken hohen Scheitelbein wieder austrat. Ob ein vierter Schuss, der das Opfer wieder verfehlte, davor oder danach abgegeben worden war, ließ sich nicht mehr feststellen.

Kurz vor 13 Uhr betrat eine Kundin den Kiosk und fand den blutüberströmten Mann in Bauchlage; seinen Kopf hielt ein Regalbrett. Als wenig später die Polizei eintraf, blutete er noch heftig aus Ohr und Schläfe. Er starb noch am Tatort.

Kubasik wurde 39 Jahre alt und hinterließ eine Frau und drei Kinder. 1991 war er aus der Türkei nach Dortmund gekommen, wo er als kurdischer Asylbewerber anerkannt wurde. 2003 wurde die Familie eingebürgert. Die Einkünfte aus dem seit 2004 betriebenen Kiosk bildeten die Lebensgrundlage der fünfköpfigen Familie. Der Leiter der Dortmunder Mordkommission sagte am Donnerstag als Zeuge: "Der Mann hat sich nie etwas zu schulden kommen lassen, er hatte eine absolut weiße Weste. Unsere Ermittlungen in dieser Richtung brachten nichts." Es habe sich auch nicht um einen Raubüberfall, sondern um eine regelrechte "Hinrichtung" gehandelt.

Zwei Tage später, am 6. April 2006, wurde in Kassel der 21 Jahre alte Halit Yozgat in seinem Internet-Café getötet. Wieder fiel der Tatverdacht auf zwei Männer, deren Beschreibung auf Böhnhardt und Mundlos zutraf. War Beate Zschäpe auch bei dieser Tour dabei? Wenn ja - hatte das Trio auch dort Kontakte? Die Vermutung, dass die Mordtaten des NSU nicht ausschließlich nur das Werk jener zwei Uwes war, mit Beate Zschäpe als sorgendem Hausmütterchen, sondern dass es vielerorts Helfer und Unterstützer gab, wird immer weniger abwegig.

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