Panorama

NSU-Prozess zu Dortmunder Mord

"Alle Träume sind zerbrochen"

Gamze und Elif Kubasik verloren ihren Vater und Ehemann Mehmet. Er wurde vor siebeneinhalb Jahren das mutmaßlich achte Opfer des NSU. Vor dem Oberlandesgericht München sagten sie nun aus und sprachen über Trauer und Angst.

DPA

Gamze und Elif Kubasik (im Juli in Dortmund) : Aussage vor dem OLG München

Von , München
Dienstag, 05.11.2013   17:42 Uhr

Erreicht einen der fünf Angeklagten im NSU-Prozess noch, was die Tochter und die Witwe von Mehmet Kubasik vor Gericht aussagen? Spüren sie, welches Unglück die Taten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" bis heute über die Opferfamilien gebracht haben? Beate Zschäpe sitzt mit verschränkten Armen da. André E. starrt in seinen Computer, ebenfalls Ralf Wohlleben. Carsten S. hört als einziger wie versteinert zu. Holger G. blickt nach links, nach rechts, wippt auf dem Stuhl. Was geht in seinem Kopf vor? Geht überhaupt etwas dort vor?

Sollte die Bundesanwaltschaft recht haben mit ihrem Verdacht, dass auch Kubasik, 39, von den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getötet wurde, dann müssen die Täter die Gepflogenheiten der Familie Kubasik genau ausgekundschaftet haben. Die Familie mit ihren drei damals 20, elf und sechs Jahre alten Kindern betrieb einen großen Kiosk an der Dortmunder Mallinckrodtstraße. Vormittags arbeitete die Ehefrau, mittags löste ihr Mann sie ab, der dann bis in die Nacht hinein den Verkauf übernahm.

Zeugin sah zwei Männer nahe dem Tatort

Da Frau Kubasiks Schwester einige Tage zu Besuch war, begann der Ehemann am Tattag, es war der 4. April 2006, früher als gewöhnlich mit der Arbeit. Der Tod ereilte ihn ohne Vorwarnung mutmaßlich gegen 12.55 Uhr. Zwei Kugeln aus einer Ceska 83 hatten seinen Kopf zerschmettert, ein Durchschuss, ein Steckschuss. Zwei weitere Schüsse waren daneben gegangen.

Eine Passantin erinnert sich heute noch an zwei junge kurzhaarige Männer, einer davon auf dem Fahrrad, bekleidet mit einer schwarzen Jacke und einem tief ins Gesicht gezogenen Käppi, denen sie in der Nähe des Kiosks gegen 12.30 Uhr begegnet sei. Wenig später habe sie die beiden vor dem Kiosk stehen sehen. Sie habe eigentlich Zigaretten dort kaufen wollen. Doch die Männer seien ihr "unangenehm" vorgekommen. Der Fahrradfahrer habe sie "ganz böse" angeschaut, so dass sie auf den Einkauf verzichtet und die Straßenseite gewechselt habe. Sie habe den Eindruck gehabt, das seien "Junkies oder Nazis". Das habe sie auch der Polizei gesagt.

Sieben Jahre schwarz

1991 war Kubasik mit Frau und Tochter als kurdischer Asylbewerber nach Dortmund gekommen. Seinem Antrag wurde stattgegeben, 2003 wurde die Familie eingebürgert. Die Einkünfte aus dem Kiosk bildeten ihre Lebensgrundlage, der Vater war der Hauptverdiener. Die Tat erscheint auf der Selbstbezichtigungs-DVD als Teil der sogenannten Deutschlandtour des NSU. Dort ist neben einem Foto des Opfers die Schlagzeile "Angst vor dem Serienkiller" montiert. Sie stammt laut Anklage aus einem Presseartikel zum Mord an Theodoros Boulgarides in München. Für die Fahrt nach Dortmund stand den Tätern ein Wohnmobil zur Verfügung. Es war vom 3. bis zum 7. April offenbar von Böhnhardt unter den Personalien Holger G.s angemietet worden.

Gamze Kubasik, heute 28, eine junge Frau mit tiefschwarzem, langem, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar, skizziert als Zeugin vor Gericht, wie sie am Tattag vom plötzlichen gewaltsamen Tod ihres Vaters erfuhr. Wie sie vom Berufskolleg heimkam und die Menschenmenge auf der Straße sah und Polizei und Absperrungen und dachte, es habe wohl im benachbarten marokkanischen Café wieder mal Streit gegeben. Doch dann brachte man sie zu einem Polizeiauto, wo es hieß, es sei alles in Ordnung. Dann: Der Vater sei verletzt. Bis ein älterer Polizist sagte: Dein Vater ist tot.

Die junge Frau weiß noch viele Einzelheiten. Sie spricht klar, flüssig und nüchtern und fast akzentfrei. Nur einmal versagt ihre Stimme fast, als sie beschreibt, wie die Mutter bis heute trauert, wie sie tage- und nächtelang weinte und bald unter schweren Hautausschlägen litt.

Wie sie selbst, die als älteste Tochter ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihrem Vater gehabt habe, immer wieder von Angstzuständen überfallen wurde und sich nicht mehr aus dem Haus traute. Wie sich der jüngere Bruder auf dem Schulhof mit einem Freund prügelte, nachdem der sagte, seine Eltern hielten die Familie Kubasik für keine "gute Familie". Wie "Männer in weißen Anzügen im Schlafzimmer der Eltern waren und Hunde an den Sachen herumschnüffelten", wie Gamze Kubasik berichtet - was Anlass gab für Getuschel und Gerede in der Umgebung. Wie immer wieder der Verdacht auf Drogenhandel gesät oder eine Nähe zur PKK gemutmaßt wurde, aber selbst türkische Ermittler in einschlägigen Kreisen nichts gegen die Familie fanden. Wie Konten und Telefon überprüft wurden. Wie dem Vater Verhältnisse mit anderen Frauen oder Beziehungen zur Mafia unterstellt wurden. Wie auf der Straße mit Fingern auf sie gezeigt wurde. Wie Verwünschungen gegen die Kubasik-Kinder ausgestoßen wurden. Wie die angstvolle Ungewissheit darüber, wer hinter dem heimtückischen Anschlag stecken könnte, der ganzen Familie den Boden unter den Füßen wegzog.

"Alle Träume zerbrochen"

Dann Elif Kubasik, 49, die Mutter und Witwe. Sie spricht vor Gericht von einer Liebesheirat, von einer glücklichen Ehe, von der Liebe des Vaters zu seinen Kindern. Und von der ständigen Angst jetzt. "Seit der Ermordung meines Mannes sind alle Träume zerbrochen", sagt sie. Sie könne nicht mehr schlafen. Mutter und Tochter tragen Schwarz, die Mutter seit dem Tod des Ehemannes, also seit sieben Jahren schon. "Das heißt bei uns, dass man trauert", sagt die Tochter.

Die Tötung von Mehmet Kubasik ist die achte, die vorletzte der Ceska-Serie. Achtmal dieselbe Waffe, dieselbe Munition. Dasselbe Tötungsszenario. Immer wieder berichteten Zeugen von zwei jungen Männern in der Nähe der Tatorte, dunkel gekleidet, mit einem oder zwei Fahrrädern. Männer, die nicht wie Ausländer aussahen. Die Angehörigen der Opfer wiesen die Ermittler immer wieder auf Täter aus möglicherweise rechtsradikalem Umfeld hin, auch im Fall Kubasik - immer wieder erfolglos. Wie ist dieses abwehrende Verhalten anders zu erklären als mit einem tiefsitzenden Misstrauen, einem Generalverdacht gegen alles Fremde, Nicht-Deutsche?

NSU-Chronik

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