Panorama

Vernehmung von Zschäpes Mutter

"Ich würde nicht sagen, dass sie leicht beeinflussbar war"

Beate Zschäpes Mutter hat im NSU-Prozess das Protokoll ihrer polizeilichen Vernehmung freigegeben. Ansonsten sagte sie nicht viel. Der Ermittler, der sie befragt hatte, erzählte dafür umso mehr.

DPA

Beate Zschäpe

Von , München
Mittwoch, 24.05.2017   16:06 Uhr

Neun rassistisch motivierte Hinrichtungen, der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter, zwei Sprengstoffanschläge, 15 Raubüberfälle - und Beate Zschäpe zeigt sich ungerührt von diesen Verbrechen. So schien es an den meisten der vergangenen 364 Verhandlungstage im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG) München.

Keiner ahnte, dass Zschäpe die Konfrontation mit dem Leid der Hinterbliebenen in Wahrheit nur schwer aushalten kann. So vertraute sie es zumindest dem Psychiater Joachim Bauer an. Schon immer habe sie versucht, "schlechte Gefühle wegzudrücken, wegzuschieben", eine "fröhliche Haltung" zu zeigen.

Eine Angewohnheit aus trostlosen Kindheitstagen? Zschäpe gewährte Bauer Einblick in das Leben eines Mädchens, das sich von Mitschülern das Frühstück erbetteln musste, den Hausschlüssel um den Hals, oft sich selbst überlassen. Ein Mädchen, das seine Probleme "den Schweinchen im Gehege" beichtete. Dessen Mutter in der gemeinsamen Ein-Zimmer-Wohnung ihren Partner empfing und Rotwein aus der Tasse trank, um ihre Sucht zu verheimlichen.

Eine Mutter, die volltrunken auf dem Boden lag, manchmal in ihrem eigenen Erbrochenen. Eine Mutter, für die sie sich schämte, vor der sie keinen Respekt und zu der sie kein Vertrauen hatte. Eine Mutter, die keine Miete mehr zahlen konnte und nur noch "eine Art Risikofaktor" war, so zumindest Zschäpes Schilderung.

Am Mittwoch nimmt diese Mutter Platz in Saal 101 des OLG München: eine große Frau, kurze Haare, Brille. Sie hat Zahnmedizin und Ingenieurökonomie studiert. Sie sei 64 Jahre alt und arbeite zurzeit als Pflegehelferin, sagt Annerose Zschäpe. Keine fünf Schritte trennen sie in diesem Moment von ihrer Tochter Beate.

Annerose Zschäpe revidiert an diesem Mittwoch ihre Haltung vom 27. November 2013, als sie schon einmal hier saß: Sie will nun doch, dass all das, was sie in ihrer polizeilichen Vernehmung im November 2011 über ihre Tochter und ihr Verhältnis zueinander sagte, im NSU-Prozess verwendet werden darf.

"Dolle Aufregung"

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Gutachter Henning Saß (Archiv)

Zum Hintergrund: Der vom Gericht bestellte Gutachter Henning Saß hält Beate Zschäpe für voll schuldfähig und schließt eine Unterbringung in der Sicherungsverwahrung nicht aus. Psychiater Bauer hingegen attestiert ihr im Tatzeitraum der NSU-Verbrechen eine schwere abhängige Persönlichkeitsstörung. Zudem sieht er die Voraussetzungen für eine verminderte Schuldfähigkeit gegeben. Für seine Einschätzung waren die Protokolle aus der Vernehmung Annerose Zschäpes unverzichtbar, wie er sagte. Will die Mutter ihrer Tochter nun helfen, hat sie quasi keine andere Wahl, als die Protokolle freizugeben. Ihre Befragung an diesem Mittwoch dauert keine drei Minuten.

So befragt der 6. Strafsenat des OLG direkt im Anschluss den Polizeibeamten, der am 15. November 2011 Annerose Zschäpe in ihrer Wohnung in Jena vernommen hat. Er erinnert sich an die "dolle Aufregung" der Mutter damals.

Vor Gericht fasst der Ermittler zusammen, was bekannt ist: dass Beate Zschäpe ihre ersten sechs Lebensmonate bei den Großeltern verbrachte, während die Mutter in Rumänien ihr Studium beendete; dass ihre Mutter sie kurzzeitig einem Jugendfreund überließ, diesen auch heiratete, sich aber kurz darauf wieder scheiden ließ; dass eine zweite Ehe der Mutter scheiterte; dass Beate Zschäpe bis 1985 mit ihrer Mutter in einer Ein-Zimmer-Wohnung mit Schlafnische lebte; dass ihr leiblicher Vater nie eine Rolle in ihrem Leben spielte und ihre Großeltern ihre engsten Vertrauten blieben.

Für Gutachter Bauer hat Beate Zschäpe durch diese bedeutenden Wechsel der Betreuungssituation und die Erfahrungen mit wechselnden Bezugspersonen eine "frühkindliche Vernachlässigung" erlebt. Insgesamt seien ihre Erlebnisse "viel dramatischer", als sie es in ihrer Einlassung Ende 2015 angegeben habe.

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Gutachter Joachim Bauer

Was Annerose Zschäpe dem Polizeibeamten sagte, klingt indes nicht halb so dramatisch: Demnach war Beate Zschäpe eine "sehr gute Schülerin", "ein aufgeschlossenes, liebes Mädchen", "immer beliebt". "Sie hatte viele Freundinnen, die immer gerne zu uns nach Hause kamen." Ein Mädchen, das wusste, was es wollte; wenn Beate von etwas überzeugt war, habe sie ihre Ansichten konsequent vertreten. "Ich würde nicht sagen, dass sie leicht beeinflussbar war", zitiert der Vorsitzende aus dem Protokoll. Der Vernehmungsbeamte nickt, ja, so hat es die Mutter damals gesagt.

"Dann ging unser Drama los"

Der Mutter sei erst nach einer Durchsuchung im Jahr 1996 bewusst geworden, dass ihre Tochter und deren Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Neonazis seien. Die politische Weltanschauung ihres einzigen Kindes sei einer der Gründe für das schlechte Mutter-Tochter-Verhältnis gewesen, aber nicht der einzige: "1991 wurde ich gekündigt", sagte Annerose Zschäpe in ihrer Vernehmung. "Dann ging unser Drama los."

Sie habe sich "richtig hängen lassen", sich nicht arbeitslos gemeldet, nur "auf ein Wunder gehofft", erzählte die Mutter der Polizei. In dieser Zeit habe sie zudem einen Partner gehabt, mit dem sich Beate nicht verstanden habe. "Unser Verhältnis war sehr verhärtet", so Annerose Zschäpe 2011. "Unser Vertrauen war weg."

Beate Zschäpe, die immer gut mit Geld habe umgehen können, habe der Mutter Vorhaltungen gemacht, dass diese weder vom leiblichen Vater Unterhalt einforderte noch während ihrer Arbeitslosigkeit Unterstützung vom Staat annahm.

Wie der Mensch eine Beziehung zu einem anderen Menschen führt, lernt er anhand der erlebten Bindungserfahrung. In Zschäpes Fall seien diese nach den erschütternden Erlebnissen im Kindesalter auch anschließend "fatal" gewesen, führte Bauer in seinem Gutachten aus. Zschäpe habe sich an all ihren Partnern orientiert, deren Gewohnheiten kopiert, manchmal gar perfektioniert - typisch für Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung, die ihren Gravitationsschwerpunkt nicht in sich, sondern im Partner fänden, sagte Bauer.

Sein Gutachten und sein umstrittener Auftritt vor Gericht sorgen auch an diesem Mittwoch für Diskussionsstoff: Die Nebenklage-Vertreter Doris Dierbach, Thomas Bliwier und Alexander Kienzle lehnen Bauer wegen Besorgnis der Befangenheit ab.

Bauer soll der Mediengruppe "WeltN24" eine Mail geschickt haben, in der er die Hauptverhandlung gegen Beate Zschäpe mit einer "Hexenverbrennung" gleichsetzt. Jeder, der sich - wie er - dieser widersetze, werde von "Süddeutscher Zeitung und SPIEGEL angegriffen und weggeschossen".

Dierbach trägt in ihrem Antrag vor, Bauer geriere sich als "Retter der Angeklagten", er habe jede "professionelle Distanz" verloren. In seiner Mail habe Bauer geschrieben, "eine Hexenverbrennung soll ja schließlich Spaß machen". Für Dierbach und andere Nebenklage-Vertreter handele es sich hierbei um eine "unfassbare Entgleisung".

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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