Panorama

Plädoyer im NSU-Prozess

Die Frau, die das Geld verteilte

Sie nannte sich Lise, Silvia oder Mandy, verwaltete die Beute aus Banküberfällen, lieferte die Legenden für das untergetauchte Nazi-Trio: Die Ankläger sehen keinen Zweifel an der entscheidenden Rolle Beate Zschäpes im NSU.

AFP

Beate Zschäpe

Von , München
Mittwoch, 26.07.2017   18:37 Uhr

Beate Zschäpe hörte im Untergrund auf die Namen Lise, Lisa, Silvia, Mandy und Susann, wie ihre engste Freundin hieß. Auf ihren echten Namen würde sie nicht mehr reagieren, sagte Zschäpe bei ihrer Festnahme im November 2011 - als habe sie in der Illegalität nicht nur ein neues Leben begonnen, sondern auch ihr altes Leben abgelegt.

Oberstaatsanwältin Anette Greger erwähnt Zschäpes damalige Bemerkung in ihrem Plädoyer an diesem 376. Verhandlungstag im NSU-Prozess. Sie redet über das Innenleben, die Bewaffnung, die Struktur des "Nationalsozialistischen Untergrunds" und darüber, welche Rolle Beate Zschäpe in der Terrorzelle hatte. Eine zentrale, meint die Bundesanwaltschaft: Zschäpe sei eindeutig Mittäterin.

Die Angeklagte habe die Raubüberfälle zwar nicht direkt ausgeführt, aber sie habe einen Großteil der erbeuteten 610.000 Euro verwaltet und ein "gehöriges Mitspracherecht" bei den Ausgaben gehabt. Für die Bundesanwaltschaft ergibt sich daraus ein "maßgeblicher, herausragender Stellenwert" in der Gruppenhierarchie.

Greger zitiert aus Zeugenaussagen: "Lise hatte ein großes Portemonnaie", einen "Familiengeldbeutel", Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten diesbezüglich nichts zu melden gehabt. Zschäpe bezahlte einen Führerschein, den Fotografen für Ausweisbilder, eine Reise ins Disneyland Paris, ein Geschenk für ihre Freundin Susann E. und deren Ehemann, den Mitangeklagten André E.

Greger weiß viel über Zschäpe, über ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Radikalisierung in der rechten Szene. Sie trug wie Böhnhardt, schon als Jugendlicher waffenaffin, bereits vor ihrem Abtauchen stets Waffen bei sich. Allein in den Trümmern ihres letzten Verstecks fanden Ermittler ein Arsenal an Schusswaffen: Pistolen, Repetierflinten, Revolver, Maschinenpistolen.

Das Trio musste gewappnet sein

Greger glaubt nicht, was Zschäpe ausgesagt hat: Dass sie die Waffen in der gemeinsamen Wohnung immer wieder weggeräumt habe, weil sie gestört hätten. Vielmehr habe Zschäpe den politischen Kampf mit Einsatz von Waffen befürwortet, ihr rassistisches Weltbild sei offensichtlich. Warum hätten Mundlos und Böhnhardt - wie von Zschäpe behauptet - versuchen sollen, ihre rassistisch motivierten Taten vor Zschäpe zu verbergen? Dafür gab es laut Greger keinen Grund.

Für die perfekte Tarnung im Untergrund absolvierte das Trio sogenannte System-Checks, so hat es der ebenfalls angeklagte Holger G. ausgesagt. Eine "sehr treffende Formulierung", wie Greger findet. Demnach wurden ab 2001 jährlich wiederkehrend die Legitimationspapiere für Böhnhardt und Mundlos abgesichert, indem sich die Personen, deren Identität sich die beiden bedienten, einer intensiven Befragung über ihre persönlichen Verhältnisse unterzogen. Das Trio musste gewappnet sein, falls jemand an den Personalien zweifelte.

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Greger führt weiter aus, dass Zschäpe der Aussage von Holger G. zufolge "bei diesen Kontrollen stets dabei war". Die drei untergetauchten Nazis besuchten G. demnach in seinem Wohnort in Niedersachsen oder fuhren gemeinsam mit ihm in den Urlaub. Die Kosten und Auslagen regelte: Zschäpe.

Zur perfekten Tarnung gehörten auch unverfängliche, harmlose, aber erfundene Geschichten; Nachfragen mussten von vorneherein vermieden werden. Zschäpe habe als Märchenerzählerin brilliert: Sie gab Mundlos als ihren Bruder aus, Böhnhardt als ihren Freund.

Wenn die beiden loszogen, um Menschen zu töten und Raubüberfälle zu begehen, blieb Zschäpe zu Hause und verbreitete die Mär von den arbeitenden Männern, die Autos überführten oder auf Montage waren und deshalb tagelang nicht nach Hause kamen.

"Chimäre des ganz normalen Lebens"

Ihrem Umfeld spielte Zschäpe die "Chimäre des ganz normalen Lebens" vor, hielt die Fassade aufrecht, pflegte die oberflächlichen Kontakte zur Nachbarschaft, die die Männer meist mieden. Einmal belauschte eine Nachbarin im Kelleraufgang ein Gespräch zwischen Mundlos und Böhnhardt über Waffen. Zschäpe erklärte ihr anschließend, es sei um Computerspiele und Tätigkeiten im Schützenverein gegangen. Greger betont, wie wichtig Zschäpes verschleiernde Aufgabe gewesen sei, um die Verbrechen des NSU überhaupt durchführen zu können.

Die Taten selbst seien "gut vorbereitet" worden, sagt Greger. Das belegten Fotos, Stadtpläne, Skizzen, die in der zuletzt bewohnten und von Zschäpe angezündeten Wohnung sichergestellt wurden. Greger spricht von "umfangreichen Ausspähmaßnahmen" mit dem Fokus auf türkische und islamische Einrichtungen.

Zschäpe sei im Vorfeld eingeweiht gewesen, nicht erst im Nachhinein, wie sie behauptet. Wenige Stunden bevor Theodoros Boulgarides am 15. Juni 2005 in München erschossen wurde, habe Zschäpe die beiden Männer auf dem Handy angerufen. Die Nummer, versehen mit dem Wort "Aktion" - Synonym für die Tat - fanden Ermittler im Brandschutt des letzten Unterschlupfs. Die Bundesanwaltschaft wertet die Notiz als Indiz dafür, dass Zschäpe genau wusste, was Mundlos und Böhnhardt trieben. Boulgarides' Ehefrau und seine Tochter sitzen an diesem Tag in Saal 101 und verfolgen das Plädoyer Gregers.

Am Ende hat die Staatsanwältin die Hälfte ihres Schlussvortrags hinter sich. Nach ihr wird Bundesanwalt Jochen Weingarten im Fall der vier weiteren Angeklagten plädieren. Danach kommt noch einmal Bundesanwalt Herbert Diemer zu Wort. Vermutlich wird das gesamte Plädoyer, angesetzt auf mehr als 22 Stunden, nicht vor der Sommerpause zu Ende geführt.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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