Panorama

Plädoyer im NSU-Prozess

Tödliche Unterstützung

Neun Menschen wurden mit einer Ceska 83 erschossen. Im NSU-Prozess hat die Anklage nun detailliert geschildert, wie die Waffe zu den Mördern kam. Eine besondere Rolle soll Ralf Wohlleben gespielt haben.

DPA

Carsten S. (Archiv)

Von , München
Montag, 31.07.2017   18:08 Uhr

Der 378. Verhandlungstag im NSU-Prozess gehört zu den wenigen, an denen die vier Mitangeklagten ihre Gummibärchen und Begleitliteratur beiseitelegen und zumindest so tun, als gehöre ihre Aufmerksamkeit ausnahmsweise dem prozessualen Geschehen. Denn an diesem Tag geht es seit Langem mal wieder um sie: Ralf Wohlleben, Carsten S., Holger G. und André E.

Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten tritt ans Stehpult. Weingarten ist seit 13 Jahren beim Generalbundesanwalt und war im Prozess gegen Arid Uka, der am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten tötete und zwei weitere schwer verletzte, dessen Sitzungsvertreter.

Im Fall des "Nationalsozialistischen Untergrunds" hat Weingarten den Weg der Pistole rekonstruiert, mit der zwischen 2000 und 2006 neun Migranten am helllichten Tag ermordet wurden: die Ceska 83.

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Anwälte, Ankläger, Gutachter: Die wichtigsten Personen im NSU-Prozess

Die vier angeklagten Männer hätten "mehr oder weniger im Schatten der Angeklagten Zschäpe" gestanden, sagt Weingarten. Die Bundesanwaltschaft aber sei durch diesen "öffentlichen Schattenwurf" nicht beeinträchtigt. Im Fall Wohlleben und Carsten S. sehe sie die Anklage "in vollem Umfang" bestätigt.

Der ehemalige NPD-Funktionär Wohlleben, 42, und der aus der rechten Szene ausgestiegene Carsten S., 37, seien durch die Beweisaufnahme der Beihilfe zum Mord in neun Fällen überführt: Sie hätten die Ceska 83 samt Schalldämpfer besorgt und dem NSU geliefert.

Maschinenpistolen, Revolver, Pistolen

Die Waffe mit der Nummer 034678 wurde in den Trümmern des letzten Verstecks der Untergetauchten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden. Zschäpe hatte die Wohnung in Zwickau angezündet. Ebenfalls im Brandschutt fanden Ermittler damals die Waffen, mit denen in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter getötet und ihr Kollege schwer verletzt wurden, und zudem ein Arsenal an Maschinenpistolen, Repetierflinten, Revolvern, Pistolen. Ihre genaue Herkunft ist bis heute unklar.

Im Fall der Ceska 83 ist das anders: Oberstaatsanwalt Weingarten zeichnet vor Gericht en Detail deren Ursprung und Besitzkette nach - ihren kompletten Weg aus einer Schweizer Waffenfirma über einen Szeneladen namens "Madleys" in Jena zu den Tatorten bis hin zu den abgebrannten Resten in der Zwickauer Frühlingsstraße.

Akribisch führt Weingarten die Nachweise aus Sicht der Bundesanwaltschaft auf: Warum die sichergestellte Ceska 83 die Tatwaffe ist und warum sie nur durch das Zutun von Wohlleben und Carsten S. zum NSU kam. Die beiden hätten sehr wohl erkannt, dass mit der Waffe Menschen nichtdeutscher Herkunft getötet werden sollten, sagt Weingarten. Trotzdem hätten sie die Waffe beschafft - auch weil sie sich dem Auftrag der drei abgetauchten Neonazis und deren fremdenfeindlicher Vorstellung "unbedingt verpflichtet" fühlten.

Carsten S. hat im NSU-Prozess eingeräumt, die Waffe im "Madleys" gekauft zu haben. Er belastet Wohlleben schwer: Dieser habe ihm in bar die 2500 D-Mark für die Waffe gegeben.

Weingarten spricht am Montag von "präzisen Angaben", die Carsten S. gemacht habe. Die Überzeugungsbildung der Bundesanwaltschaft basiere größtenteils auf seiner Einlassung. Carsten S. habe ausschließlich aus "tief empfundener Reue" und dem "persönlichen Bedürfnis der Wiedergutmachung" Angaben gemacht. Ohne seine Aussagebereitschaft säßen weder er selbst noch Wohlleben auf der Anklagebank.

"Steuernde Zentralfigur"

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Ralf Wohlleben vor Gericht

Wohlleben bestreitet seine Schuld, er will Carsten S. nicht den Auftrag gegeben haben. Ihn aber bezeichnete Weingarten als "steuernde Zentralfigur" der Unterstützerszene Thüringens. Er habe Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ab dem Tag ihres Untertauchens bis zum Frühjahr 2000 bei der Abschottung, ihrem Leben und Wirken geholfen. "Er tat es in vielfältiger und maßgeblicher Weise", sagt Weingarten und spricht von Wohllebens "hervorgehobener Vertrauensstellung".

Carsten S. fuhr nach Ansicht der Bundesanwaltschaft mit der Schalldämpferpistole nach Chemnitz, wo er Mundlos und Böhnhardt in einem Kaufhaus-Café traf. Die Männer erzählten S. damals, dass sie stets bewaffnet seien und in Nürnberg einen misslungenen Anschlag verübt hätten. In einem Abbruchhaus übergab er ihnen die Waffe und bekam 500 D-Mark für seine Hilfsdienste.

Auch am Dienstag wird sich Weingarten den Angeklagten Wohlleben und S. widmen, nach der Sommerpause will er mit seinem Plädoyer gegen die mutmaßlichen NSU-Helfer André E. und Holger G. beginnen. Bis dahin bleibt ihnen also noch genug Zeit für Gummibärchen und Motorrad-Zeitschriften.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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