Panorama

Zeugen im NSU-Prozess

Keine Entlastung für Ralf Wohlleben

Im NSU-Prozess erhofften sich die Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben von einem Zeugen entlastende Aussagen. Es kam anders.

DPA

Angeklagter Wohlleben: Besorgte er die Tatwaffe?

Von , München
Dienstag, 03.02.2015   18:31 Uhr

Wer etwas über den Zeugen von diesem 181. Verhandlungstag im NSU-Prozess erfahren will, sollte bei Facebook nachsehen. Da posiert Enrico R. in schwarzem T-Shirt, die Arme erhoben, unter einem Torbogen, der dem Eingang zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz nachempfunden ist. Statt der zynischen Devise "Arbeit macht frei" hält Enrico R. grinsend - und 1,1 Millionen Auschwitz-Tote verhöhnend - ein Schild mit der Aufschrift "Saufen macht frei" hoch. Gepostet wurde das Foto am 23. November 2014, der Eintrag stammt also aus jüngster Zeit.

Der Auftritt von Enrico R. vor Gericht geht auf einen Antrag der Verteidigung des Angeklagten Ralf Wohlleben zurück. R.s Aussage sollte beweisen, dass das 1998 untergetauchte NSU-Trio nicht auf Unterstützungsleistungen Wohllebens angewiesen gewesen sei, sondern auch auf andere Art an Waffen habe gelangen können. Wohlleben wird vorgeworfen, eine Ceska 83 für Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bei einem Szeneladen in Jena bestellt zu haben. Mit der Waffe brachten die mutmaßlichen NSU-Mörder neun Menschen um.

Vergessen und fehlendes Interesse

Die Wohlleben-Verteidiger haben ihr Bemühen noch verstärkt, die Vorwürfe gegen ihren Mandanten zu entkräften, seit der Senat zweimal Anträge auf Entlassung aus der Untersuchungshaft ablehnte. Die Richter halten die Angaben des Mitangeklagten Carsten S., er habe von Wohlleben den Auftrag erhalten, eine Ceska 83 zu kaufen und dem Trio zu überbringen, für glaubwürdig.

Die Erwartungen der Anwälte in Enrico R. erfüllten sich am Dienstag jedoch nicht. Seine Aussage zum Thema Waffenbeschaffung entlastete Wohlleben nicht: Wenn er überhaupt etwas wisse, so R., dann stamme das allenfalls vom Hörensagen. Von wem er etwas gehört habe, könne er allerdings nicht mehr sagen.

Enrico R. versteckte sich, wie so viele andere Zeugen aus der rechten Szene, hinter Vergessen, Nicht-Wissen, fehlendem Interesse und Nicht-Anwesenheit. Der Eindruck, auch er sei gut vorbereitet nach München gekommen, um mit der Wahrheit möglichst hinter dem Berg zu halten, verstärkte sich, je länger seine Vernehmung dauerte.

Er will nichts von einer militanten rechten Szene in Chemnitz gewusst haben. Die sogenannten 88er, die als der militante Zweig von "Blood and Honour" gelten, seien seiner Auffassung nach nur eine "Spaßgesellschaft" gewesen, die sich für das untergetauchte Trio nicht interessiert habe, und so fort. Wohlleben-Verteidigerin Nicole Schneiders: "Das ist Rumgeeiere! Sie reden viel und sagen nichts!"

"Wir waren doch alle ausländerfeindlich"

Doch Enrico R.s Befragung ist noch nicht beendet. Vielleicht erfüllt er im zweiten Durchgang vor Gericht eher die Hoffnung, die der Angeklagte Wohlleben in ihn setzt.

Auch der Zeuge Robby H., der bereits 1993 aus der rechten Szene ausgestiegen war und nun ebenfalls auf Antrag der Verteidigung Wohllebens zu dessen Gunsten aussagen sollte, erwies sich in dieser Hinsicht als unergiebig. Von ihm war zumindest ein Widerspruch zu erfahren: Enrico R. habe sehr wohl eine scharfe Waffe besessen. Er, H., habe eine ganze Kiste mit Handgranaten, eine Kalaschnikow und "eine Badewanne von Munition" zum "Schutz gegen Ausländer" gekauft - für 100 Mark beim aus Chemnitz abziehenden "Russki".

"Wen hatten Sie denn im Auge?" fragte der Vorsitzende. "Alle!", antwortete H., "wir waren doch alle ausländerfeindlich". Ausländer habe er zwar nicht gekannt, aber gemeint, sich gegen sie verteidigen zu müssen. An "88er" könne er sich nicht erinnern, Namen verbinde er damit nicht. Beate Zschäpe, Mundlos oder Böhnhardt kenne er ebenfalls nicht.

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