Panorama

Überraschungszeugin im NSU-Prozess

"Ein Skin mit Szenemerkmalen"

Veronika von A. ist sich sehr sicher: Sie habe Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in zeitlicher Nähe zu zwei NSU-Morden beobachtet. Für die Anklage im Münchner Prozess käme das sehr gelegen. Doch die Frage ist: Sah die Zeugin nicht nur, was sie sehen wollte?

DPA

Brackeler Hellweg in Dortmund: Hier will die Zeugin Zschäpe gesehen haben

Von , München
Montag, 30.09.2013   18:47 Uhr

Es sprach zunächst einmal alles gegen eine Sensation, die für diesen Montag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München erwartet worden war. Eine Zeugin, deren Aussage den Verdacht der Mittäterschaft der Hauptangeklagten Beate Zschäpe an zehn Morden stützen würde - ein Lottogewinn geradezu für die Bundesanwaltschaft - gibt es das? Eher nicht.

Die Zeugin hatte sich erst im Juni bei dem Hamburger Strafverteidiger Thomas Bliwier gemeldet, der die Nebenklage für die Familie Yozgat aus Kassel bei dem Strafprozess vertritt. In der vergangenen Woche wurde die Frau von einem Oberstaatsanwalt des Generalbundesanwalts und zwei Beamten des Bundeskriminalamts vernommen.

Wenn Zeugen plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen, um in einem schwierigen Verfahren den entscheidenden Dreh, die Wendung, den unwiderlegbaren Beweis zu liefern, ist aller Erfahrung nach Vorsicht geboten.

"Es war wie eine Theaterszene"

Die Frau will ihre Beobachtungen 2006 in zeitlicher Nähe zu den Morden an Mehmet Kubasik (4. April) in Dortmund und Halit Yozgat (6. April) auf ihrem Nachbargrundstück gemacht haben. Warum hat sie sich nicht schon viel früher bei der Polizei gemeldet? Zumal von November 2011 an Fotos von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Zschäpe durch die Medien gingen? Warum hat sie sich nicht an die Strafverfolger, sondern an eine Anwaltskanzlei gewandt?

Veronika von A., 63, von Beruf freischaffende Journalistin, betritt am Montag den Saal. Sie trägt ein unauffälliges graues Kleid, graue Stiefel und eine weiße Stola um die Schultern. Dann beginnt sie zu sprechen, höflich, gewählt, druckreif. Sie balanciert, ohne zu straucheln, auf dem Grat zwischen Geschwätzigkeit und beredtem Detailreichtum, spricht von einem "Erinnerungsanker": Am 31. März 2006 habe ein "wichtiges familiäres Ereignis" stattgefunden.

Es geht um den Umzug ihrer Tochter. Dafür sollte damals die Zufahrt zu ihrem Wohnhaus freigehalten werden, doch seit Tagen war sie von einem "sehr großen, hohen weißen Wohnmobil" blockiert gewesen. Ein Hinweis auf den NSU? Böhnhardt und Mundlos sollen bei ihren Morden meist mit solchen Fahrzeugen unterwegs gewesen sein.

Die Zeugin berichtet von ihrem Apartement im Dachgeschoss mit zwei Gaubenfenstern. Als sie Anfang April 2006 an eines der Fenster trat, lag demnach ein Fernglas bereit. "Nach dem ersten Blick", als sie das Fenster ein wenig geöffnet hatte, "bin ich erschreckt zurückgeprallt - weil ich auf dem Nachbargrundstück, dem Brackeler Hellweg 58, eine Gruppe wahrnahm. Es war wie eine Theaterszene: zwei schwarz gekleidete Menschen, zwei Männer, eine Frau und ein Skin mit Szenemerkmalen. Wie ein kleiner Feldherr stand er da und zeigte das Grundstück."

Grabungen auf dem Nachbargrundstück?

Die Sicherheit der Zeugin, mit der sie die beobachtete Szene und ihr Erschrecken beschreibt, irritiert. Sie spricht nicht von Personen, die möglicherweise Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hätten gewesen sein können. Sie spricht nicht von einer Beobachtung, die für die Ermittler - vielleicht - von Bedeutung hätte sein können. Nein, sie weiß es: "Die Frau, die ich als Zschäpe identifizierte", sagt sie, "und die Männer, die ich später als Böhnhardt und Mundlos erkannte."

Dann fährt sie fort: "Ich öffnete das Fenster, um mein Gesicht zu zeigen. In dem Moment schaute die Frau zu mir hoch. Sie hielt den Blick, sprach etwas beiseite. Daraufhin blickten alle hoch und verschwanden - vorbildlich, wie militärisch - sehr schnell." Sie habe diese "seltsame Szene gespeichert", weil sie "völlig aus meinem Alltag herausfällt".

Sie erwähnt Grabungen, die auf dem Grundstück vorgenommen worden seien, im Dunkeln bisweilen. Sie schildert ihren Eindruck, Zuschauer seien nicht erwünscht gewesen. Der "blickdichte, hohe Baumarktzaun", der gar nicht in die Gegend gepasst habe. Dann zitiert sie die "aufgeheizte Stimmung in Dortmund" 2005, als es gewalttätige Übergriffe der "neonazistischen Szene" gegeben habe, die bei ihr "eine große Wachheit hervorgerufen haben". Sie habe die Phantasie gehabt, dass auf dem Grundstück vielleicht "belastende Dinge verborgen werden sollten".

Der Vorsitzende Manfred Götzl: "Ja, und warum sind Sie dann nicht zur Polizei gegangen?" "Wenn ich mir vorstelle, eine Frau zwischen 50 und 60 berichtet dort über ihre Phantasien - da habe ich den Hörer gleich wieder hingelegt", antwortet sie. Sie habe nur mit ihrem Ehemann über ihre Beobachtungen geredet.

"Mein jetziger Mann", sagt sie, "hat beobachtet, wie bei den Grabungen auch Folie verwendet" worden sei. Auch er habe dies als unmittelbar persönlich "bedrohlich" empfunden. Ein Gefühl, dass man in einem Haus wie auf einer friedlichen Insel lebe, im Umfeld aber etwas geschehe, was niemanden etwas angehe. Götzl: "Und warum haben Sie ein Fernglas neben dem Fenster stehen?" Das Fernglas habe früher der Mutter gehört, für Naturbeobachtungen, den Himmel, die unangenehme Gaststätte gegenüber und so fort.

Zweifelsfrei Zschäpe?

Die Zeugin, einst Mitglied des Parteivorstands der DKP und stellvertretende Bundesvorsitzende der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, muss sich nach dem Eindruck, den sie vor Gericht erweckt, damals bedroht gefühlt haben von den Umtrieben der Rechten in Dortmund. Sie konnte sich offenbar auch nicht erklären, dass ein "Skinhead" Kübel aus Waschbeton in den Nachbargarten um ein Geviert herum wuchtete, das sie für einen "Sandkasten" hielt. Aber Kinder habe sie nie dort gesehen. Warum dann ein Sandkasten?

"Woran erkennen Sie einen Skinhead?", fragt Bundesanwalt Herbert Diemer. An der Glatze, am Stiernacken, an den Muskeln - und an der "Camouflage-Hose", die der Mann getragen habe. Immer wieder nennt sie die "Camouflage-Hose", Flecktarn, wie es bei der Bundeswehr heißt. Für die Zeugin unausgesprochen ein Verdachtsmoment.

Veronika von A. neigt offenbar zur Kategorisierung der Menschen in ihrer Umgebung. Da gab es die "Alarmanlage" von gegenüber, eine Frau, die alles beobachtete, was rundum geschah. Den Skinhead und die schwarzgekleideten Neonazis, die zweifelsfrei Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gewesen seien. Auch wenn ihr, auf Nachfrage, außer einer "starren Haltung" nichts an den Dreien aufgefallen war.

"Wieso sind Sie sich so sicher? Woran machen Sie Ihre Sicherheit fest?", fragt der Vorsitzende. "Meine Sicherheit rührt aus dem Profil der Gruppe. Diese Sicherheit hätte sich nicht entwickelt, wenn die Personen herumgelaufen wären. Aber wie sie dastanden..."

"Wenn Sie heute Frau Zschäpe so in Natur sehen", sagt Götzl. "Natürlich wird sich Frau Zschäpe seit 2006 verändert haben. Aber diese Mundhaltung! Wenn Sie nicht ein perfektes Double haben, Frau Zschäpe...", wendet sie sich der Angeklagten zu. "Ja, ich bin mir sicher", antwortet Frau von A.

Veronika von A. ist also kaum etwas Konkretes an den Personen aufgefallen, zugleich ist sie sicher, wen sie da vor sich hatte. Hätte man diese Zeugin nicht besser vor sich selbst schützen müssen? Die Verteidigung schießt sich auf die politische Vergangenheit Veronika von A.s ein. Es kommt zu Gemurre in den Reihen der Nebenklage-Anwälte. Ein Opfervertreter hält die Aussage von "ausschlaggebender Bedeutung". Auch dies ist keine Sensation.

Verwandte Themen

NSU-Chronik

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP