Panorama

Psychiatrie in Hamburg

Der Tod des Patienten Tonou-Mbobda

In Hamburg starb ein Psychiatriepatient nach einem Einsatz von Sicherheitsleuten. Das Klinikum wehrt sich gegen Rassismusvorwürfe. Inzwischen liegt das Obduktionsergebnis vor.

Jean-Pierre Ziegler/ Spiegel Online

Gedenkstätte vor der Psychiatrie des Hamburger Universitätsklinikums

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Montag, 29.04.2019   17:42 Uhr

Knapp zwei Wochen ist es her, dass Steve Fotso seinen Freund William in der Uni traf. William schrieb eine Bewerbung für ein Praktikum. Danach kauften sie Bier und setzten sich in die Sonne vor dem Abaton-Kino in Hamburg. Beide kommen aus Kamerun, sie sprachen über die politische Lage in ihrer Heimat. So erzählt Fotso es.

Es sollte das letzte Treffen der beiden sein.

Inzwischen ist William Tonou-Mbobda gestorben. Sein Tod ist die Folge eines fragwürdigen Vorfalls in der Psychiatrie des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf. Tonou-Mbobda, 34, starb am Freitag auf der Intensivstation - wenige Tage, nachdem Sicherheitsleute Zwangsmaßnahmen gegen ihn ergriffen hatten. In der Aufarbeitung geht es nun um Patientenrechte, Sicherheitspersonal in der Psychiatrie - und Rassismusvorwürfe.

Zwei Tage nach dem Tod des Kameruners haben sich gut 100 Leute vor dem Klinikum versammelt. Es ist Sonntag, eine Frau legt weiße Rosen an einer Gedenkstelle vor der Psychiatrie nieder. Auch Steve Fotso ist gekommen. Später wird er vor der Menschenmenge ein paar Worte sagen über William Tonou-Mbobda, seinen stillen Freund.

Von offizieller Seite gibt es bislang nur vage Informationen zu dem Geschehen am Ostersonntag. Tonou-Mbobda soll sich freiwillig in die Klinik begeben haben. Während des Vorfalls soll er sich außerhalb der Klinik aufgehalten haben. Drei Sicherheitskräfte des Krankenhauses haben laut Polizei versucht, Tonou-Mbobda zurück auf die Station zu bringen. Er verlor demnach das Bewusstsein und musste reanimiert werden.

"Medizinischer Zwischenfall"

Das UKE hatte mitgeteilt, der Patient sei fixiert worden, weil er sich der Anordnung zur Unterbringung widersetzt habe. Es sei dann zu einem "medizinischen Zwischenfall" gekommen.

Laut Polizei bestand zum Zeitpunkt des Eingreifens der Mitarbeiter noch kein Unterbringungsbeschluss. Die Frage ist also, ob das UKE dennoch Zwangsmaßnahmen anwenden durfte. Dazu teilt das Klinikum mit, dass Patienten bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung unter Zwang festgehalten werden dürfen - selbst wenn noch kein Unterbringungsbeschluss besteht.

Was im Krankenhaus erlaubt ist

Wann dürfen Patienten untergebracht werden?
Ob und wie ein Patient gegen seinen Willen in einer Klinik untergebracht werden kann, regeln die 16 Bundesländer in jeweils eigenen Landesgesetzen. In den meisten ist das kommunale Ordnungsamt zuständig für die eigentliche Unterbringung. Voraussetzung ist, dass Dritte gefährdet sind oder eine Selbstschädigung aufgrund der psychischen Krankheit zu befürchten ist.
Welche Rolle spielen Gerichte bei der Entscheidung?
Im Grundsatz muss eine Unterbringung gerichtlich angeordnet werden. Nach dem für den aktuellen Fall geltenden Hamburger Gesetz dürfen jedoch auch Behörden eine sofortige Unterbringung anordnen, wenn ein "in der Psychiatrie erfahrener Arzt" nach einer Untersuchung davon ausgeht, dass die Person sich oder andere erheblich schädigen könnte und keine andere Möglichkeit existiert, diese Gefahr abzuwenden. Gleichzeitig muss das Gericht angerufen werden, die Einschätzung zu überprüfen.
Wie steht es um Zwangsbehandlungen?
Bei dem Fall im Hamburger UKE steht durch Medienberichte die Frage im Raum, ob der Mann aus Kamerun nicht nur gegen seinen Willen festgehalten, sondern auch zwangsbehandelt wurde. Hier ist es in den meisten Bundesländern so geregelt, dass zum Beispiel die Zwangsgabe von Medikamenten nur dann zulässig ist, wenn von dem Patienten eine „erhebliche Gefahr für die eigene und die Gesundheit anderer Personen“ ausgeht. Im Fall einer bereits erfolgten Unterbringung darf ein Arzt Zwangsbehandlungen vornehmen. Bei dem Hamburger Patienten war diese laut Polizei allerdings noch nicht beschlossen. „Wenn noch kein formaler Unterbringungsbeschluss vorliegt, sind Patienten in dieser Schwebesituation, auch unter Zwang, festzuhalten, sollten diese gehen wollen“, teilte das UKE auf Anfrage mit.
Wann darf ein Patient fixiert werden?
Ähnlich verhält es sich mit Zwangsfixierungen. Besteht die Gefahr, dass ein Mensch gewalttätig wird und sich selbst tötet oder verletzt, darf ein Arzt eine zeitweise Fixierung anordnen. Allerdings bezieht sich auch diese gesetzliche Regelung nur auf Personen, die bereits in einer Einrichtung untergebracht wurden.

Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen mitgeteilt, der 34-Jährige sei an Herzversagen gestorben. Ob die Ursache eine Vorerkrankung oder Gewalteinwirkung sei, müsse noch geklärt werden. Das Landeskriminalamt ermittelt gegen die drei Sicherheitsleute und die diensthabende Ärztin. Der Vorwurf: Körperverletzung mit Todesfolge.

Die "taz" hatte unter Berufung auf Augenzeugen von brutalen Szenen berichtet. Drei Sicherheitsleute seien auf den Patienten losgegangen, als er sich geweigert habe, ein Medikament zu nehmen. Ein anonymer Mitarbeiter berichtete der Zeitung von Rassismus bei den Sicherheitsleuten. Das UKE teilt dazu lediglich mit: "Rassismus hat im UKE keinen Platz. Wir stehen im UKE konsequent für Toleranz und eine weltoffene Gesellschaft."

Jean-Pierre Ziegler/ Spiegel Online

Gedenkmarsch vor dem Hamburger UKE

Auch Familienmitglieder sind zu der Mahnwache gekommen. Der Cousin des Verstorbenen erzählt, Tonou-Mbobda sei 2009 nach Deutschland gekommen. Er, der Cousin, habe ihm dazu geraten. Nach einem Deutschkurs habe Tonou-Mbobda mit dem Studium angefangen, zuletzt habe er einen BWL-Master studiert.

Tonou-Mbobda sei wie ein kleiner Bruder für ihn gewesen. Ein ruhiger Mann, zurückhaltend, ruhig und intelligent sei er gewesen. Auch andere, die ihn kannten, beschreiben Tonou-Mbobda so. Steve Fotso, sein Freund, sagt, Tonou-Mbobda sei reserviert gewesen. Von einer psychischen Erkrankung habe er nichts gewusst.

Nur wer engen Kontakt zu ihm hatte, sagt sein Cousin, habe etwas davon bemerkt. Woran genau Tonou-Mbobda litt, sagt er nicht. Sein Cousin sei in das Krankenhaus gegangen, um sich auszuruhen und Medikamente zu nehmen.

Der Fall beschäftigt inzwischen auch die Hamburger Politik. Die Linksfraktion hat dem Senat einen Katalog mit 16 Fragen gestellt und regt an, den Fall im Gesundheitsausschuss zu behandeln.

William Tonou-Mbobda, sagt sein Cousin, habe kurz vor Abschluss seines Studiums gestanden. "Er war ein Mann mit Zukunft."

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