Panorama

Tatverdächtiger im Kriminalfall Lübcke

Die Welt des Stephan E.

Mit einem Kopfschuss soll Stephan E. den CDU-Politiker Walter Lübcke getötet haben - aus rechtsextremistischen Motiven. Der 45-Jährige führte offenbar eine Art Doppelleben.

DER SPIEGEL

Hier lebte Stephan E.: Verriegelter Hauseingang im Osten von Kassel

Von , und , Kassel
Montag, 17.06.2019   19:12 Uhr

Auf den ersten Blick wirkt die Welt des Stephan E. unscheinbar. Bis zu seiner Festnahme wohnte der 45-Jährige in einem ruhigen Stadtteil mit schlichten Einfamilienhäusern aus den frühen Sechzigerjahren im Osten von Kassel. Irgendwo brummt ein Rasenmäher, im Hintergrund ist das Rauschen einer Autobahn zu hören, die hinter der Siedlung entlangführt.

Nur eines deutet darauf hin, dass hier vor einigen Tagen Ungewöhnliches geschah: Dort, wo zwischen üppig gewachsenen Büschen und Bäumchen noch kürzlich der Hauseingang war, ist jetzt ein großes rotes Brett angeschraubt. Das hat die Polizei dort anbringen lassen, nachdem Spezialkräfte die Tür vor der Festnahme von Stephan E. am frühen Samstagmorgen offenbar gewaltsam geöffnet hatten.

Die Beamten öffneten offenbar auch das Tor in die Welt eines Extremisten. Stephan E. war offenbar ein gewaltbereiter Rassist. Er soll Ermittlern zufolge aus rechtsextremistischer Überzeugung den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben. Heimtückisch und gezielt, mit einem Schuss in den Kopf.

Uwe Zucchi/DPA

Liberaler CDU-Politiker: Walter Lübcke (Archivfoto)

Wie groß die Dimension dieses Falls ist, lässt sich bislang nur erahnen. Dass der Generalbundesanwalt die Ermittlungen nun an sich gezogen hat, deutet nicht allein auf die erschreckende Tat, sondern auch auf wohl ebenso erschreckende Hintergründe. Denn Stephan E. war augenscheinlich eng vernetzt mit gewaltbereiten Rechtsextremen:

In seiner Nachbarschaft im Kasseler Osten hingegen galt Stephan E. als freundlicher Typ. Seit etwa 14 Jahren lebe der heute 45-Jährige mit Ehefrau und Kindern in der Siedlung, erzählt eine Nachbarin, die direkt nebenan wohnt. E. habe das kleine weiße Haus mit dem Spitzgiebel um 2005 herum gekauft und jahrelang viel Arbeit in die Renovierung und den Ausbau gesteckt.

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Klein und beschaulich: Das Haus der Familie von Stephan E.

Er sei ein unauffälliger Mensch gewesen, sagt die Frau, sie habe nie viel mit ihm gesprochen. Ihr sei auch niemals etwas aufgefallen, was auf einen rechtsextremen Hintergrund von E. hinweisen könnte: keine demonstrativ aufgehängte Deutschlandfahnen, kein Besuch merkwürdiger Leute. "Ich könnte kein einziges schlechtes Wort über ihn sagen", sagt die 54-Jährige.

E. habe offenbar im Schichtdienst gearbeitet und zu unregelmäßigen Zeiten das Haus verlassen, sagt die Nachbarin. Seine Frau habe gesagt, sie sei Apothekerin. Die ganze Familie sei sehr freundlich gewesen, auch Stephan E. habe immer nett gegrüßt. Ihre eigene Tochter habe häufig mit einem der Kinder der Familie E. gespielt. Die Frau zeigt sich erschüttert: "Das alles muss so fürchterlich für die Kinder und die Familie sein."

Im Schützenverein hegte niemand Verdacht

Eine Ahnung von E.s radikalem Hintergrund hatten offenbar auch die Mitglieder seines Schützenvereins nicht. Dort war der Rechtsextremist nach Angaben der Vereinsführung offenbar fast zehn Jahre lang aktiv. "Das war ein ganz ruhiger, unauffälliger Typ", sagt Reiner Weidemann, einer der Vorsitzenden des Schützenclubs Sandershausen. Er sei immer freundlich gewesen, rechtsextremistische Äußerungen seien ihnen nicht aufgefallen.

"Der hat hier Freitag erst den Rasen gemäht", sagt der andere Vorsitzende. E. habe sich um die Bogenabteilung gekümmert, aber keine Waffenbesitzkarte und keinen Zugriff auf die Waffen des Vereins gehabt. Nur vier Personen seien dazu im Verein berechtigt. Der Verein habe den Bestand überprüft, es fehlten keine Waffen.

Die Polizei sicherte Computer und Unterlagen

In seinem Wohnviertel bekamen die Menschen von Stephan E. Festnahme offenbar so wenig mit wie von der Radikalisierung ihres vermeintlich liebenswürdigen Nachbarn. Zunächst hätten sie die Razzia am Samstag um 2 Uhr nachts gar nicht wahrgenommen, sagen viele Anwohner.

Ein 14-Jähriger berichtet, er sei von einem Geräusch aufgewacht, das wie das Klingeln seines Smartphones geklungen habe. Beim Blick auf die Straße habe er gesehen, dass dort überall Beamte und etwa zehn Polizeiwagen standen. Er habe auch eine Durchsage gehört, in der die Bewohner aufgefordert worden seien, sich ruhig zu verhalten.

Andere Nachbarn berichten, die Einsatzfahrzeuge seien ihnen erst am Morgen nach der Festnahme aufgefallen, demzufolge zog die Polizei am Samstagabend wieder ab. Dass der Einsatz so lange dauerte, hängt wohl mit den Ermittlungen in der Wohnung zusammen: Der Bundesanwaltschaft zufolge sicherten die Polizisten umfangreiches Beweismaterial, darunter auch Computer, Smartphones und Unterlagen.

Über das, was die Ermittler bislang über E. erfahren haben, ist nur wenig bekannt - es dürften allerdings äußerst beunruhigende Erkenntnisse darunter sein. Denn der Generalbundesanwalt verfolgt in der Regel Taten terroristischer Vereinigungen - islamistische Terrorzellen etwa, oder die "Gruppe Freital", der NSU. Ermittlungen gegen Einzeltäter wie Stephan E. kann die Behörde dann übernehmen, wenn dem Fall eine "besondere Bedeutung" zukommt. Das ist hier der Fall.

Video: Statement der Bundesanwaltschaft im Fall Lübcke

Foto: Christoph Schmidt/DPA

Einiges deutet darauf hin, dass Lübcke wegen seiner Haltung in Fragen der Asylpolitik zum Opfer wurde. Der CDU-Politiker hatte sich 2015 auf einer Informationsveranstaltung gegen Schmährufe gewehrt und gesagt, wer gewisse Werte des Zusammenlebens nicht teile, könne das Land verlassen. Nach seinem Tod hatte es zuletzt hasserfüllte und hämische Reaktionen aus der rechten Szene gegeben.

Ob Stephan E. sich an dieser Welle des Hasses beteiligt hatte, ist bislang nicht bekannt. Medienberichten zufolge schweigt er bisher zu den Vorwürfen. Das Entsetzen über den Fall und die Rolle von Stephan E. ist in seiner Nachbarschaft aber auch abgesehen davon groß: Nichts habe darauf hingewiesen, dass E. mit Rechtsextremen zu tun gehabt habe, sagt ein Rentnerpaar aus einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite: "Für uns war das eine ganz normale Familie."

Seit der Razzia am vergangenen Samstag hätten sie die Familie von E. allerdings tagelang nicht mehr gesehen, erzählen die beiden.

Mitarbeit: Jörg Diehl, Fidelius Schmid, Wolf Wiedmann-Schmidt

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