Panorama

Zyklon "Idai" in Südostafrika

"Viele haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können"

Helfer berichten von katastrophalen Bedingungen nach Zyklon "Idai" - nicht nur in Mosambik, sondern auch in den Nachbarländern. Und jetzt drohen Seuchen.

Tsvangirayi Mukwazhi/ DPA
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Mittwoch, 27.03.2019   13:31 Uhr

Vor rund zehn Tagen ist Tropensturm "Idai" über Südostafrika hinweggezogen - und noch immer lässt sich das Ausmaß der Katastrophe in Mosambik, Simbabwe und Malawi nicht endgültig abschätzen. Mindestens 700 Menschen starben laut den Vereinten Nationen (Uno). Doch vermutlich wird die Zahl noch steigen, denn Hunderte Menschen werden vermisst. Laut Uno sind ungefähr drei Millionen Menschen von den Folgen des Zyklons betroffen.

Uno-Generalsekretär António Guterres bezeichnete die Situation als eine der "schlimmsten wetterbedingten Katastrophen in der Geschichte Afrikas", die auch eine Folge der Erderwärmung sei. "Wir befürchten, dass an Orten, die wir noch nicht erreicht haben, ganze Dörfer weggespült worden sind", sagt Guterres.

Schon beim Anflug auf Beira in Mosambik könne man erahnen, wie groß die Zerstörung sei, sagt Kerstin Bandsom, die Kommunikationsbeauftragte der Welthungerhilfe in Krisen- und Katastrophensituationen: "Sie bekommen Magendrücken, wenn sie aus der Luft auf die Stadt schauen."

Entwurzelte Bäume, Äste und Unrat lägen überall, von vielen Häusern sei kaum etwas übrig geblieben, sagt Bandsom. Stabiler gebaute Gebäude stünden zwar noch, hätten aber fast alle Schäden an Fenstern und Dächern. Inmitten des Chaos gebe es aber auch Anlass für Hoffnung: "Man sieht, dass die Menschen den Willen haben, sich selbst schnell zu helfen", sagt Bandsom. Die Bewohner der Stadt würden beispielsweise beginnen, Dächer abzustützen und aufzuräumen.

Bandsom ist am Montag mit zwei Kollegen aus dem Nothilfeteam in Beira angekommen. Der SPIEGEL erreicht sie am Dienstag telefonisch in einer Halle am Flughafen. Hier können Vertreter von Hilfsorganisationen und Uno sowie die Regierungsdelegationen Informationen austauschen und Hilfe koordinieren. "Es ist der einzige Ort in Beira, wo wir Strom und Internet haben", sagt Bandsom.

"Durch die Fluten besteht Seuchengefahr"

Auch Jennifer Bose vom Nothelferteam der Hilfsorganisation Care telefoniert von dieser Halle aus. Obwohl die Wassermassen langsam zurückgehen, seien viele Gebiete weiterhin nur mit Booten und Helikoptern zu erreichen, sagt sie. Die durch Überflutungen entstandenen Binnenmeere erschweren nicht nur den Zugang zu Betroffenen: "Durch die Fluten besteht Seuchengefahr", sagt Bose. Hilfsorganisationen verteilen Wasserreinigungstabletten, Seife und Moskitonetze, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sendete 900.000 Cholera-Impfungen nach Mosambik. In Beira würden drei Behandlungszentren für Cholera aufgebaut, sagt die WHO-Leiterin in Mosambik, Djamila Cabral. Die ersten Erkrankungen treten bereits auf: Bislang seien fünf Fälle bestätigt worden, teilte das Gesundheitsministerium mit. Doch nicht nur Durchfallerkrankungen stellen eine Bedrohung dar: "Wir bereiten uns auch auf einen hohen Anstieg an Malaria in den kommenden Wochen vor", sagt Cabral.

Tausende Menschen leben nach wie vor in überfüllten Notunterkünften: "Viele haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können", sagt Care-Vertreterin Bose. Sie habe mit einer jungen Frau gesprochen, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern seit zwölf Tagen mit 15 Personen in einem kleinen Raum in einer Schule untergebracht ist.

Als "Idai" auf Land traf, brach das Haus der Familie laut Bose zusammen. Eineinhalb Stunden liefen Eltern und Kinder durch hüfthohes Wasser, ehe sie in der Schule Einlass fanden. Dabei hätten sie unter anderem ihren Kühlschrank mit sich geschleppt. Bald wollten sie auf ihr Grundstück zurückkehren - obwohl das Geld für den Wiederaufbau fehle. Vorerst wird die Familie wohl in einem Zelt leben, das sie von der Hilfsorganisation bekam.

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Nach Zyklon "Idai": Vor dem Nichts

Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Mosambik. In dem Land starben die meisten Menschen, mit Beira wurde eine wichtige Stadt getroffen. Aber auch die Nachbarländer Simbabwe und Malawi leiden unter den Folgen des Unwetters. Johannes Kaltenbach ist der Landesdirektor der Welthungerhilfe in Malawi: Er beklagt, dass das Land oft vergessen werde: "Auch hier ist die Lage schlimm", sagt er.

Das Unwetter habe vor allem Kleinbauern getroffen, die sich gerade mühsam von der Dürrekrise 2016 erholt hätten. "Jetzt ist wieder alles weg", sagt er. Große Teile der Ernten seien zerstört worden. In der nächsten Saison müsste die Bevölkerung komplett von vorne anfangen - ohne Unterstützung sei das fast unmöglich.

Besonders im Süden des Landes haben Anfang März die Vorläufer des Zyklons Flüsse über die Ufer treten lassen. "In den Dörfern stand das Wasser drei, vier Meter hoch", sagt Kaltenbach. Viele Häuser seien weggerissen worden, Menschen in höher gelegene Gebiete geflüchtet.

Auch jetzt, Wochen später, ist die Gefahr nicht gebannt. Viele Gebäude bestehen aus Lehmziegeln, die nun durchweicht sind. Die Menschen haben laut Kaltenbach Angst in ihre Dörfer zurückzukehren: Sie wüssten nie, ob ihre Hütte beim nächsten Regen über ihnen zusammenbrechen werde.

Spendenkonten

Das Bündnis Entwicklung Hilft (BEH), die Aktion Deutschland Hilft (ADH) und das Rote Kreuz rufen gemeinsam zu Spenden für die Opfer in Mosambik und angrenzenden Ländern auf.

Empfänger: BEH & ADH
IBAN: DE53 200 400 600 200 400 600
Bank: Commerzbank 
Stichwort: Wirbelsturm Idai

Empfänger: Deutsches Rotes Kreuz
IBAN: DE63370205000005023307
BIC: BFSWDE33XXX
Stichwort: Wirbelsturm Idai

Mit Material von dpa und AFP

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