Panorama

"Wetten, dass..?"-Kandidat Samuel Koch

"Über Wunder spricht man nicht"

Fremde haben ihm Briefe, Gedichte und Lieder geschickt: Jetzt antwortet Samuel Koch mit einem ersten Interview seit seinem Unfall, den Millionen "Wetten, dass..?"-Zuschauer live miterlebten.

dapd/ ZDF/ MIchael Kramers
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Sonntag, 26.06.2011   15:55 Uhr

Hamburg - Samuel Koch nennt es "Misere". Eine Misere, dass er am 4. Dezember in der "Wetten, dass..?"-Show vor laufenden Kameras stürzte, als er mit Sprungfederstelzen über fahrende Autos sprang. Eine Misere, dass er seither querschnittsgelähmt ist. Eine Misere, dass die Ärzte ihm nicht viel Hoffnung machen, dass er eines Tages so unbeschwert leben kann, wie er es vor dem Unfall tat.

Samuel Koch sitzt in einem schwarzen Rollstuhl, den Kopf durch eine Halterung gestützt, am Hals klafft eine große Öffnung. Er trägt ein hellblaues Hemd, seine Hände tippen leicht auf und ab, obwohl er nur seine Schultern bewegen kann. Mit ihnen steuert er seinen Rollstuhl.

Auf der Dachterrasse der Reha-Klinik von Nottwil in der Schweiz traf er am Freitag ZDF-Talker Peter Hahne zu einem ersten Interview. Ausgestrahlt wurde das Gespräch am Sonntag. Seit Monaten stehen die beiden in Kontakt. Samuel Koch war es sichtlich eine Herzensangelegenheit, sich bei der Öffentlichkeit zu bedanken.

Die Anteilnahme ist ungebrochen. Fremde Menschen schreiben Briefe und E-Mails, sie schicken Geschenke, dichten, singen und basteln für Samuel Koch - obwohl sie ihn nur aus dem Fernsehen kennen, seinen Sturz miterlebten, davon hörten oder lasen. Die "aufrichtige Anteilnahme" an "der ganzen Misere" habe ihn motiviert und gerührt. "In dem Ausmaß hätte ich mir das nie vorstellen können", sagt Samuel Koch. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt."

Durch die Anteilnahme kam von vielen Zielen, die der Student hat, ein weiteres hinzu: Eines Tages, egal wann, möchte er einige der vielen Kinder treffen, die ihm geschrieben haben. "Vielleicht könnte ich mit einer Biologieklasse über Rückenmark sprechen", sagt der 23-Jährige und schmunzelt.

Durch die monatelange Reha ist er Experte geworden, Experte am eigenen Körper. Der Heilungsverlauf sei zu keinem Zeitpunkt "konkret stagniert", sagt Samuel Koch. Es scheint ihm wichtig. Immer wieder gab es Meldungen, sein Gesundheitszustand sei unverändert.

Freudentaumel, wenn sich ein Zeh bewegt

Es gehe nur viel zu langsam, betont Samuel Koch. "So langsam, wie ich mir langsam nie hätte vorstellen können." Es muss eine Tortur sein für einen Menschen wie Samuel Koch, der neben seinem Schauspielstudium als Stuntman jobbte und Kunstturnen trainierte. Der immer Sport trieb, sich schon als Kind immer an der Sprossenwand hochhangelte.

Geduld sei nicht seine Stärke, gibt er dann auch zu. Die Freude über jeden winzigen Erfolg gleiche es jedoch aus. Als sein Bruder am Pfingstmontag entdeckt habe, dass Samuel den kleinen Zeh bewegen kann, sei das ein "Riesenfest" gewesen. "Dann tanzt meine Familie ums Bett und singt." Seine Eltern und seine beiden Geschwister sind die meiste Zeit um ihn, der Zusammenhalt unerschütterlich.

Sein Krankenzimmer ist tapeziert mit Fotos von Freunden und Kommilitonen, berichtet Peter Hahne. Gruppenbilder von seiner Theatergruppe, seiner Bundeswehrkompanie, seiner Turnmannschaft hängen an der Wand. Sie alle nehmen Anteil, stehen ihm bei, aber einige hätten auch Berührungsängste, seit er gelähmt sei, sagt Samuel Koch. "Es ist ungewohnt für sie - ich erkenne mich ja selbst noch nicht wieder. Gott sei Dank ist mein Gehirn noch klar, ich bin noch der Gleiche."

Mit dem ersten Pfleger, dem er begegnet, als er in der Klinik in Düsseldorf zu Bewusstsein kam, hat er noch heute Kontakt. "Er hat in der ersten Stunde mit mir gebetet", sagt Samuel Koch. Eine enge Freundschaft ist entstanden. Der Krankenpfleger habe vor wenigen Wochen geheiratet und ihn zum Patenonkel seiner Tochter gemacht.

Er bedauert das Ende der Show

Samuel Koch jammert nicht, weint nicht, lamentiert nicht. Und in Selbstmitleid versinkt er schon gar nicht. "Das ist nicht so mein Ding", erklärt er im Interview. Vielmehr nutzt er seinen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit, um sich sogar zu entschuldigen. "Es ist doof gelaufen", sagt Samuel Koch. Es tue ihm leid, dass viele Kinder seinen Sturz hätten mitansehen müssen, manche durch den Anblick hätten weinen müssen. "Es ist mir unangenehm, dass ich die Show kaputtgemacht habe."

Und doch würde er zu der Wette erneut antreten. "Unter den gleichen Voraussetzungen", sagt er. Natürlich nur, wenn er nicht wüsste, dass es auch so enden könne, wie es geendet ist. An solch ein tragisches Ende scheint Samuel Koch bei der Vorbereitung in keiner Sekunde gedacht zu haben. Jeder Skiurlaub, den er in seinem bisherigen Leben gemacht habe, sei riskanter gewesen als die geplante Wette. Für keinen anderen Wettkampf zuvor habe er so oft geprobt wie für den "Wetten, dass..?"-Auftritt - mindestens 500-, eher 600-mal, sagt er. Zeitweise habe er sogar überlegt, sich beim Hüpfen die Augen zu verbinden.

Kraft schöpft der 23-Jährige aus seinem Glauben. Er ist bekennender Christ. Mit seiner Familie, Freunden und Pflegern betet und singt er, oft lesen sie in der Bibel. Darin heißt es: "Niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand."

Ob er trotz des schweren Unfalls in Gottes Hand gefallen sei, fragt ihn Peter Hahne. "Ich atme!", sagt Samuel Koch laut, ansonsten fehlt seiner Stimme noch die alte Kraft. "Ich bin noch weich gelandet. Es hätte schlimmer kommen können." Gerade in der Klinik, in der er jetzt lebe, gebe es Leute mit ähnlichen Lähmungserscheinungen, denen es weitaus schlechter gehe, die nicht selbständig atmen könnten. Nein, Gott habe ihn nicht verlassen.

"Es gibt schon harte Momente"

In der Klinik habe er gelernt, es gebe Wichtigeres im Leben, als sich bewegen zu können, sagt Samuel Koch. Aber natürlich sei das sein Ziel: eines Tages wieder laufen können. Nur sein Zeitplan kollidiert mit dem der Ärzte. Am liebsten würde er an seinem 24. Geburtstag im September zu Fuß aus der Klinik marschieren. Er weiß, er kann nichts erzwingen, aber er kann sich Ziele stecken, deren Ultimatum er notfalls verschieben muss. Sein Trost: "Es kann nur aufwärts gehen, tiefer geht nicht."

Glaubt er denn an Wunder? "Ich glaube an Dinge, die nicht mit Wissenschaft oder Medizin erklärbar sind. Meine Lunge funktioniert", sagt Samuel Koch. "Über Wunder spricht man nicht, darauf hofft man."

Diese Hoffnung hält Samuel Koch am Leben. Zu keinem Zeitpunkt habe er die Hoffnung aufgegeben, wenngleich ihn auch oft die Verzweiflung plage. "Ich bin ein Bewegungsmensch", sagt er über sich selbst. "Da gibt es schon harte Momente. Ich würde mich gern mal wieder an der Nase kratzen." Oder die Fliege vertreiben, die nachts durchs Zimmer schwirrt und ihm den Schlaf raubt.

Noch kann es Samuel Koch nicht. Das Interview mit ihm lässt die Hoffnung aufkommen, dass er es schafft. Trotz des schweren Schicksalsschlags und den wiederkehrenden Rückschlägen in der Therapie: Das Lachen habe er nicht verlernt, sagt Samuel Koch. "Das wäre ja doof. Außerdem macht es auch mehr Spaß als heulen."

insgesamt 119 Beiträge
achazvonthymian 26.06.2011
1. Widerlich und pervers
Die Medien berichten über Ereignisse, die sie selbst aktiv produzierten, in diesem Fall das ZDF. Das Normale wäre, dass Medien über Dinge neutral berichten, die passieren in der Welt. Das war von vorherein klar, dass fast [...]
Die Medien berichten über Ereignisse, die sie selbst aktiv produzierten, in diesem Fall das ZDF. Das Normale wäre, dass Medien über Dinge neutral berichten, die passieren in der Welt. Das war von vorherein klar, dass fast 10 TV-Kanäle in Deutschland zu sowas greifen müssen, weil eben in diesem kleinen Deutschland nicht genug passiert, als dass man rund um die Uhr berichten könnte und die Beckmanns, Kerner und Hahnes beschäftigt werden könnten. Ich möchte nicht wissen, wievlen "Ereignisse" sonst noch "lanciert" werden, ohne dass man es merkt. Bei dem Kandidaten wusste es jeder. Es dürfte die Ausnahme sein.
Megg 26.06.2011
2. Unter den gleichen Voraussetzungen ja..
Zitat aus der Bild vom 26.6.11 : "Den Sprung würde er tatsächlich noch einmal wagen." "Ja, unter den gleichen Voraussetzungen ja. Es gab keinen Grund, der mich aufgehalten hätte", sagte der frühere Kunstturner [...]
Zitat aus der Bild vom 26.6.11 : "Den Sprung würde er tatsächlich noch einmal wagen." "Ja, unter den gleichen Voraussetzungen ja. Es gab keinen Grund, der mich aufgehalten hätte", sagte der frühere Kunstturner und Stuntman. "Jeder Skiurlaub war riskanter als das Autogehüpfe." - Ich weiss gar nicht, ob man das glauben kann. Wenn er das so gesagt hat, hat er nichts draus gelernt und man sollte den Mann von unbedarften Jugendlichen fernhalten.
schleppie 26.06.2011
3. ...
Schlimm, in was für einem kitschigen Ton dieser Artikel geschrieben wurde. Trotzdem - der arme Junge. Abgemagert und ausgemergelt von einem monatelangen Krankenhausauftenthalt. Die Augen liegen in tiefen Höhlen und sind [...]
Schlimm, in was für einem kitschigen Ton dieser Artikel geschrieben wurde. Trotzdem - der arme Junge. Abgemagert und ausgemergelt von einem monatelangen Krankenhausauftenthalt. Die Augen liegen in tiefen Höhlen und sind um Jahre gealtert. Das blasse Gesicht dick mit Theaterschminke fernsehreif geschminkt. Und hinter der Kamera steht garantiert ein PR Coach, der ihm souffliert, was er wie zu sagen hat, damit die Show gut ankommt und alle davon profitieren. Irgendwie erinnert mich das alles an das Monika Lasthaus Drama. Und warum filmt man auf einem Dach? Damit das blaue Hemd besser zum blauen Himmel paßt? Warum nicht im Krankenhauszimmer, damit jeder mal das tatsächliche Ausmaß des Elends zu sehen bekommt??? Ich wette, die Verträge für eine Daily Doku Soap sind bereits unterschrieben. Wer wettet dagegen???
ellereller 26.06.2011
4. Anderen geht es schlechter
Anderen geht es schlechter und daraus leitet Herr Koch ab, dass Gott ihn nicht verlassen habe. Und denjenigen, den es am allerdreckigsten geht, den hat dann Gott verlassen, oder wie?
Zitat von sysopFremde haben ihm Briefe, Gedichte und Lieder geschickt: Jetzt antwortet Samuel Koch mit einem ersten Interview seit seinem Unfall, den Millionen "Wetten, dass"-Zuschauer live miterlebten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,770610,00.html
Anderen geht es schlechter und daraus leitet Herr Koch ab, dass Gott ihn nicht verlassen habe. Und denjenigen, den es am allerdreckigsten geht, den hat dann Gott verlassen, oder wie?
Trouby 26.06.2011
5. .
Meine Güte, aus jedem der vorigen Beiträge trieft eine Lebensunlust, die kaum erträglich ist. Ich würde meine Kinder 1000mal lieber mit Samuel in Kontakt bringen als mit jedem einzelnen meiner Vorschreiber.
Meine Güte, aus jedem der vorigen Beiträge trieft eine Lebensunlust, die kaum erträglich ist. Ich würde meine Kinder 1000mal lieber mit Samuel in Kontakt bringen als mit jedem einzelnen meiner Vorschreiber.

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