Politik

Uno-Bericht

Afghanische Regierung und Verbündete töten mehr Zivilisten als die Taliban

Im ersten Halbjahr 2019 sollen afghanische Truppen und ihre Verbündeten für mehr als die Hälfte der getöteten Zivilisten im Land verantwortlich gewesen sein. Das liegt laut Uno vor allem an US-Luftangriffen.

AP

Ein ausgebranntes Auto in Afghanistan: Mehr als 1300 Zivilisten wurden im ersten Halbjahr 2019 getötet

Mittwoch, 31.07.2019   11:08 Uhr

In den vergangenen Wochen hat es in Afghanistan wieder zahlreiche verheerende Anschläge gegeben. Erst am Morgen wurden mehr als 30 Passagiere eines Busses getötet. Die Polizei macht die Taliban verantwortlich. Immer wieder verübt die radikalislamische Gruppe gewaltsame Attacken. Und doch waren die Taliban und andere Islamistengruppen laut einem Bericht der Uno-Unterstützungsmission in Afghanistan (Unama) im ersten Halbjahr 2019 nicht für die meisten getöteten Zivilisten in dem Land verantwortlich, sondern die afghanischen Truppen und ihre Verbündeten.

Demnach sind in Afghanistan in den ersten sechs Monaten des Jahres mehr als 1300 Zivilisten getötet und rund 2400 weitere verletzt worden. Die Zahl ist damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 30 Prozent gesunken.

Die Zahl der Zivilisten, die allein durch regierungstreue Truppen und ihre Verbündeten getötet wurden, ist allerdings um 31 Prozent gestiegen: auf 717 Todesfälle. Das macht mehr als die Hälfte (52 Prozent) der zivilen Opfer aus. 39 Prozent der Todesfälle gehen demnach auf militante Gruppen wie die Taliban oder den "Islamischen Staat" (IS) zurück. Bei den übrigen neun Prozent konnte nicht sicher festgestellt werden, wer für die tödlichen Angriffe verantwortlich war.

Zahl der Todesopfer durch Luftangriffe hat sich mehr als verdoppelt

Der Anstieg der Todesfälle durch Einsatzkräfte, die die afghanische Regierung unterstützen, geht laut dem Bericht vor allem auf Luftangriffe zurück. Dabei wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres 363 Menschen getötet und 156 verletzt. Auffällig ist, dass die Zahl der Verletzten zurückging, während sich die Zahl der Todesopfer mehr als verdoppelt hat. Diese Entwicklung zeige den "tödlichen Charakter dieser Taktik", heißt es in dem Bericht.

Mehr als drei Viertel der Luftangriffe (83 Prozent) gehen laut dem Bericht auf Operationen der internationalen Streitkräfte zurück - und damit auf die USA, das einzige Mitglied der internationalen Koalition, das Luftangriffe durchführt. Der Rest der Luftangriffe verteilt sich auf die afghanische Armee und unbestimmte regierungstreue Truppen.

Die US-Armee wies die Angaben aus dem Bericht allerdings zurück. Der Sprecher der US-Truppen in Afghanistan, Sonny Leggett, zweifelte die "Methoden und Schlussfolgerungen" der Uno-Mission an. Die US-Armee sei immer darum bemüht, Unbeteiligte zu schützen, und untersuche jeden Bericht über zivile Opfer.

327 Minderjährige wurden im ersten Halbjahr 2019 getötet

Insgesamt sei die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten trotz des deutlichen Rückgangs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nach wie vor "schockierend und inakzeptabel", heißt es in dem Bericht der Uno. Bei fast einem Drittel der Opfer handelte es sich demnach um Kinder: 327 Minderjährige wurden demnach im ersten Halbjahr getötet und 880 weitere verletzt.

In Afghanistan sind rund 14.000 US-Soldaten stationiert. Seit Jahresbeginn wurden dort zwölf Mitglieder der US-Streitkräfte getötet. Die USA verhandeln seit einem Jahr mit den Taliban über eine Friedensvereinbarung für Afghanistan.

Unama-Direktor Tadamichi Yamamoto äußerte sich enttäuscht über die historischen innerafghanischen Gespräche Anfang Juli in Doha. Die Delegierten der Konfliktparteien hatten dort angekündigt, die Zahl der zivilen Todesopfer auf null zu reduzieren.

Nach Uno-Angaben war 2018 das bislang tödlichste Jahr in dem seit 18 Jahren andauernden Konflikt in Afghanistan. 3804 Zivilisten wurden im vergangenen Jahr getötet, darunter 927 Kinder.

aev/AFP

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