Politik

Arzt in griechischem Flüchtlingslager

"Ein Arzt, der über Tausende Flüchtlinge entscheidet - das bin ich"

Im Flüchtlingscamp auf Samos herrschen menschenunwürdige Bedingungen. Ein Weg hinaus führt über den Arzt Manos Logothetis. Hier spricht er über die Arbeit auf einer Insel, auf der fast jeder krank sein möchte.

Socrates Baltagiannis

Manos Logothetis in seinem Büro: "Samos ist eine Gefängnisinsel"

Aufgezeichnet von und
Mittwoch, 05.06.2019   11:18 Uhr

Manos Logothetis ist für viele Menschen die Hoffnung, für manche sogar die einzige Chance. Sie fliehen aus Afghanistan, Syrien, Kamerun oder dem Kongo; an der türkischen Westküste steigen sie auf ein Boot, wagen die gefährliche Überfahrt auf die griechische Insel Samos, riskieren ihr Leben für den Traum von Europa. Und dann stehen sie vor "Doktor Manos".

Logothetis, 42, untersucht die Migranten, sobald sie auf Samos ankommen. Schätzt er jemanden als besonders schutzbedürftig ein, weil er zum Beispiel chronisch krank ist, wird er aufs griechische Festland gebracht.

Wenn nicht, drohen Jahre unter entsetzlichen Bedingungen im Flüchtlingscamp auf Samos. Erst dann entscheiden die überforderten Behörden meist über das Asylgesuch. (Lesen Sie hier eine Reportage aus dem Lager.)

Logothetis' Job ist hochpolitisch: Der Weg über die griechischen Inseln ist eine der Hauptrouten in die EU. Ließe er Nachsicht walten, würde die Zahl der Menschen steigen, die nach Europa kommen.

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Migranten auf Samos: "Ich fühle mich, als würde ich meine Seele verlieren"

"Doktor Manos" trifft also schwerwiegende Entscheidungen - und hat dafür kaum Zeit: Seine Praxis ist die einzige, die sich um die Flüchtlinge kümmert. Ihm helfen ein Assistenzarzt und ein Arzt des Militärs. Im Protokoll erzählt er, wie er unter diesen Umständen arbeitet, und erklärt seine Sicht auf die katastrophalen Zustände im Flüchtlingslager.

Socrates Baltagiannis

Manos Logothetis, 42, in seinem Büro auf Samos: "Nichts ist mehr selbstverständlich."

"Ein Arzt, der über Tausende Flüchtlinge entscheidet - das bin ich. Ich behandele die Flüchtlinge, die schon im Camp sind, und registriere diejenigen, die neu ankommen. Ich arbeite von früh bis spät, trotzdem reicht die Zeit nicht.

Wenn ein Flüchtlingsboot aus der Türkei ankommt, muss ich jeden Flüchtling untersuchen. Pro Tag schaffe ich meist ein Boot mit 40 bis 60 Personen, die Untersuchung kann Minuten oder auch Stunden dauern. Jeden Migranten stufe ich in die Kategorie A, B oder C ein. Wer ein A bekommt, ist besonders schutzbedürftig - und darf in der Regel aufs europäische Festland, mit der gesamten Familie.

Zunächst vergebe ich diesen Status an ungefähr 15 bis 20 Prozent der Personen, die neu ankommen. Sie haben eine chronische Krankheit wie zum Beispiel Epilepsie oder sind schwanger. Einige wenige leiden an übertragbaren Krankheiten wie HIV oder Tuberkulose.

Mit der Zeit werden aber auch viele ursprünglich gesunde Flüchtlinge oder Teile ihrer Familie im Camp krank. Ich schätze, dass rund 70 Prozent der Flüchtlinge innerhalb des ersten Jahres nach ihrer Ankunft auf Samos die Insel verlassen können, weil sie oder ihre Familienmitglieder in die Kategorie A eingestuft worden sind. Viele von ihnen werden im Camp retraumatisiert, erinnern sich also wieder an Krieg oder Folter in ihrer Heimat und erkranken psychisch.

Die Zahl ist wichtig, auch für Deutschland, weil diese Flüchtlinge meist nicht in Griechenland bleiben, so wie es das europäische Asylsystem vorsieht, sondern schnell weiter Richtung Norden ziehen.

"Austricksen lasse ich mich nicht"

Bei meiner Entscheidung geht es nicht um Asyl. Ich fälle nicht das entscheidende Urteil. Das versuche ich mir zumindest einzureden, der Gedanke hilft. Aber klar: Ich entscheide über Schicksale.

Jeden Tag höre ich Dutzende traurige Geschichten, an einen Patienten erinnere ich mich dennoch besonders. Er war Arzt, wie ich, aber aus Syrien. Er hat fünf Kinder, ich zwei. Drei Jahre nach Kriegsausbruch endete seine Flucht in meinem Behandlungszimmer. Vielleicht hätte es auch andersrum kommen können, das Gefühl werde ich nicht vergessen.

Schlafen kann ich nur, weil ich im Zweifel lieber einen Tick zu nachsichtig bin als zu streng. Aber das auch nur, wenn ich mir beim Zustand eines Patienten wirklich nicht sicher sein kann. Austricksen lasse ich mich nämlich nicht.

"In den ersten Tagen bekomme ich die ehrlicheren Antworten"

Mein Urteil versuche ich so schnell wie möglich zu fällen. Denn in den ersten Tagen nach der Ankunft der Flüchtlinge bekomme ich die ehrlicheren Antworten. Wenn die Menschen erst einmal mitbekommen haben, dass sie durch meine Diagnose die Insel verlassen könnten, simulieren sie oft.

Normalerweise geht kaum ein Mensch zum Arzt, wenn er nicht krank ist. Auf Samos ist das anders. Hier wollen alle krank sein. Und wenn ich ihnen sage, dass sie gesund sind, sind die Menschen tieftraurig.

Womit ich auch zu kämpfen habe: Der Prozess, nach dem wir hier verfahren, ist nicht besonders effizient. Oft muss ich Flüchtlinge mehrmals begutachten, auch wenn klar ist, dass sie nicht krank sind.

Ein Beispiel: Ein Asylbewerber muss monatelang im Camp ausharren, bis er sein erstes Asyl-Interview hat. Wenn er dann im Interview sagt, dass er Bluthochdruck bekommen habe, wird das Interview gestoppt und der Asylbewerber wieder zu uns geschickt. Ich stelle fest, dass er keinen Bluthochdruck hat. Dann, beim nächsten Interview, sagt er, er habe Asthma. Das Interview wird wieder gestoppt, wir stellen fest: Er hat kein Asthma. Und so geht es im Zweifel weiter.

Das Problem ist: Es gibt Menschen mit Bluthochdruck, mit Asthma und schlimmeren Krankheiten in diesem Camp. Sie dürfen nicht durch das System fallen, ich muss sie finden. Ihnen widmen wir zu wenig Zeit.

"Die Starken überleben, die Schwachen leiden"

Die Zustände im Camp sind katastrophal, deswegen wollen alle so schnell wie möglich weg. Das Camp wurde gebaut für 648 Personen, jetzt darben dort Tausende. Es gibt kein Gesetz. Die Starken überleben, die Schwachen leiden. Sie müssen in der Essensschlange länger warten, haben weniger Zugang zu Hilfsleistungen. Frauen gehen nachts nicht auf die Toilette, weil sie Angst haben vor Gewalt und Vergewaltigungen. Manche tragen Windeln, um die Nacht durchzustehen.

All das macht mich traurig. Aber was kann ich tun? Ich kann die Welt nicht retten, das habe ich in dieser Krise entschieden.

Meine Entscheidung, nach Samos zu kommen, habe ich trotzdem nie bereut. In Athen hielt ich vieles für selbstverständlich. Hier musste ich einen ertrunkenen Dreijährigen obduzieren. Danach ist nichts mehr selbstverständlich. Dieser Ort und diese Arbeit haben mein Leben verändert, meine Perspektive, vor allem meine Prioritäten.

Als ich 2015 hier ankam, war auf Samos noch alles anders. Die griechischen Behörden suchten Ärzte, ich meldete mich freiwillig. Meine Familie kommt von hier, meine Sommer verbrachte ich schon immer auf der Insel.

Damals, vor dem Pakt zwischen der EU und der Türkei, kamen hier Hunderttausende Menschen an. Auch sie hatten eine gefährliche Reise hinter sich. Aber sie durften weiterreisen, innerhalb von Tagen oder Wochen waren sie an ihrem Ziel angekommen - wo immer das auch war. Wir hatten damals weniger Probleme, ich konnte das tun, was normale Ärzte tun: helfen.

Jetzt kommen viel weniger Menschen. Aber die Krise ist nicht vorbei. Die Migranten stecken hier fest, und ich bin Teil dieses Asylsystems, das Menschen festhält.

In Europa denken viele, dass der Pakt zwischen der EU und der Türkei ein Erfolg war. Nur weil jetzt weniger Menschen auf die griechischen Inseln und vor allem auf das europäische Festland gelangen. Es geht aber nicht nur um Zahlen.

"Samos ist eine Gefängnisinsel"

Die Bedingungen hier sind unmenschlich. Samos ist zu einer Gefängnisinsel gemacht worden. Sie soll Flüchtlinge abschrecken, damit nicht zu viele kommen. Anders kann ich mir die Zustände nicht erklären.

Die Frage ist: Ist das noch Europa? Nein, natürlich nicht. Und ich verorte mich politisch rechts, nicht links.

Was muss sich also ändern? Ich persönlich finde, dass wir bei der Unterbringung menschlicher sein sollten - und strenger bei der Abschiebung. Wir bringen kaum Menschen in die Türkei zurück, so wie es der EU-Pakt mit der Türkei vorsieht. Entweder wir lassen die Menschen wieder schneller weiterreisen. Oder wir schieben vermehrt in die Türkei ab. Sonst wird sich die Situation auf Samos nicht verbessern."

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