Politik

Musikschule für Favela-Kinder in Brasilien

Lucas wagt zu träumen

Olympia ist vorbei, die Krise in Brasilien bleibt. Das merken auch die Menschen in São Paulos größtem Armenviertel. Eine Musikschule macht Kindern dort Hoffnung: Sie sollen spüren, dass sie eine Chance haben. Trotz allem.

Foto: Instituto Baccarelli
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Samstag, 08.10.2016   15:21 Uhr

In der Stadt der Sonne kann das Leben sehr hart sein. Hunderttausend Menschen wohnen in dem größten Armenviertel der brasilianischen Metropole São Paulo, vielleicht auch mehr. Heliópolis heißt das Viertel, Stadt der Sonne. Eine der gefährlichsten kriminellen Banden der Metropole soll von hier aus operieren.

In der Nähe erheben sich die Wohntürme eines wohlhabenden Viertels. Aber für viele Bewohner der Favela ist das unendlich fern. Die großen Träume sind anderen vorbehalten.

Die Musikschule Instituto Baccarelli will das ändern, mit Beethoven, Händel und Tschaikowsky. Kinder und Jugendliche spielen sich mit klassischer Musik aus dem Alltag heraus, finden neue Welten, kleine Fluchten.

"Mit der Musik träume ich", sagt Lucas Andrade. "Ich reise. Ich denke nicht darüber nach, welche Rechnungen ich zahlen muss." Er ist 21 Jahre alt, ein junger Mann mit feinen Gesichtszügen und einer Leidenschaft für die Querflöte. Seit er acht Jahre alt ist, spielt er am Institut. Neun Stunden probt er jeden Tag. Er hat es in das Sinfonieorchester des Instituts geschafft.

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Lucas Andrade

Das Instituto Baccarelli, das mitten in der Favela steht, ist nicht irgendeine kleine Schule. 1300 Kinder und Jugendliche aus dem Viertel strömen hierher, 66 Musiklehrer unterrichten. Es gibt Musikerziehung für die Kleinen und Chöre für die Großen. Der Stolz ist das Sinfonieorchester Heliópolis, das 2010 beim Beethoven-Festival in Bonn und 2007 vor dem Papst spielte.

Selbst einen Spielfilm über die Schule gibt es, der vergangenes Jahr in Brasilien lief und in diesem Sommer in spanischen Kinos. In dem Streifen ruft eine Schülerin: "Ich gehe in die Schule, weil meine Familie mich im Dreck alleingelassen hat. Aber wenn ich spiele, fühle ich, dass ich jemand bin." Ihr Text stand nicht im Drehbuch, es war alles echt. Denn die meisten Statisten stammten aus der Schule, unter ihnen auch Lucas Andrade.

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Musikschule in São Paulo: Der Klang der Favela

"Seit die Kinder geboren werden, hören sie jeden Tag, was alles nicht möglich ist und was ihnen verwehrt bleiben wird. Wir müssen ihnen den Glauben zurückgeben", sagt Edmilson Venturelli, einer der Direktoren des Instituts. "Wenn sie auf die Bühne kommen, dann merken sie, dass sie etwas können. Dass Dinge möglich sind."

Die größte Bühne ist die des imposanten Konzertsaals von São Paulo, in dem das Sinfonieorchester Heliópolis alle paar Wochen spielt. Nervös sei er schon vor den Auftritten, sagt Querflötenspieler Lucas, "aber es ist ziemlich cool". Jedes Mal ruft er seine Freunde an, ob sie kommen wollen, um zuzuhören, aber meist kommen sie nicht. Klassik ist nicht gerade Brasiliens beliebteste Musikrichtung. Seine Freunde mögen die Rhythmen von Samba, Funk und Forró.

Instituto Baccarelli

Probe in der Sala São Paulo


Dass das Institut dennoch so erfolgreich geworden ist, liegt an dem Dirigenten Silvio Baccarelli. Nach einer Brandkatastrophe in der Favela Heliópolis in den Neunzigerjahren wollte er etwas tun, er wollte helfen, und er tat es auf seine Art: Er gründete eine Musikschule für Klassik. In diesem Jahr wird sie 20 Jahre alt.

Wer über die Flure geht, hört Geigen und Flöten in den Proberäumen, sieht lachende Mädchen über den Gang huschen und Kinderschuhe vor dem Musikraum stehen. Hinter einer Tür probt der Chor, tanzen und singen Kinder mit rosa Turnschuhen und Pausbäckchen.

Flieg, Schmetterling, flieg.
Finde neue Wege, anderes Licht.
Flieg, Schmetterling, und such dein Glück.

Einige Schüler kommen tatsächlich aus dem Elend heraus, sie werden Musiker, Anwalt, Architekt. Aber viele schaffen es eben nicht.

Manchmal sind die Drogen stärker als die Musik, und manchmal reicht die Musik doch nicht zum Leben. So, du hast dich amüsiert, jetzt brauchen wir dich aber zum Arbeiten, das hätten viele Eltern gesagt, als ihre Kinder 14 oder 15 Jahre alt wurden, sagt Direktor Venturelli. Das Institut habe darauf reagiert, indem es mehr Stipendien vergebe.

Die Regeln sind streng. Im Baccarelli sind Disziplin und Pünktlichkeit wichtig. Wer dreimal zu spät kommt, verliert das Anrecht auf eines der Stipendien. Wenn einer sich daneben benimmt, leidet die Gruppe. Nur wer den Unterricht ernst nimmt, so die Botschaft, wird es auch in der Welt dort draußen schaffen.

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Blick auf Heliópolis

Wer aus den oberen Stockwerken des Baccarelli blickt, unter dem erstrecken sich Tausende unverputzter Häuser mit Dächern aus Wellblech, auf denen blaue Wasserkanister stehen. Kabel ziehen sich im Zickzack über die Straßen und verschwinden in den Gassen, um den angezapften Strom in die Wohnungen zu transportieren.

In den Siebzigerjahren entstanden die ersten illegalen Bauten der Favela Heliópolis, sie wucherte und wurde zum zweitgrößten Armenviertel Lateinamerikas. In 40 Prozent der Familien in der Favela sind die Mütter heute alleinerziehend.

Je mehr man sich von den großen Straßen in das Gewirr der Gassen hineinwagt, desto dunkler wird das Viertel. Die Polizei kommt hier nicht hinein. Das Institut wird von Sicherheitsleuten bewacht, durch das Drehkreuz kommen die Kinder nur durch eine Sicherheitsschranke, die sich per Scan des Fingerabdrucks öffnen lässt. Der Bruder einer Schülerin ist kürzlich erschossen worden.

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Favela Heliópolis

Es ist in den vergangenen Jahren viel getan worden für die Bewohner, die großen Straßen sind befestigt, es gibt Abwasser und Straßenbeleuchtung. Supermärkte und Werkstätten säumen die Hauptstraße, die Wände der Gebäude sind in knalligen Farben gestrichen. Umgerechnet liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen in Heliópolis bei etwa 380 Euro, der Mindestlohn in Brasilien beträgt etwas mehr als 240 Euro.

Vom Boom der vergangenen Jahre haben die Armen in Brasilien profitiert, viele Millionen schafften dank Wirtschaftswachstum und Sozialprogrammen den Sprung in die untere Mittelschicht, sie haben viel und gerne eingekauft.

Doch jetzt erlebt Brasilien die tiefste politische und wirtschaftliche Krise seit Jahrzehnten. Viele Menschen verlieren ihre Jobs, sie rutschen wieder in die Armut. Die Arbeitslosigkeit ist auf über 11 Prozent gestiegen.

Millionen Brasilianer aus der unteren Mittelschicht könnten verlieren, was sie in den vergangenen Jahren gewonnen haben. Der neue Präsident Michel Temer will zudem ineffiziente Sozialprogramme kürzen. Schon vor den Olympischen Spielen im August konnten wegen der Krise Sozialprojekte nicht mehr bezahlt werden, der Bundesstaat Rio de Janeiro rief den finanziellen Notstand aus. In die Spiele sind umgerechnet knapp zwei Milliarden Euro geflossen.

In São Paulo werden die Budgets für Kultur zusammengestrichen, Museen müssen Mitarbeiter entlassen. Das Instituto Baccarelli verlässt sich bereits jetzt hauptsächlich auf private Förderer, 70 Prozent der Mittel kommen von Unternehmen.

Mit der Krise haben die Firmen weniger Geld gegeben, das Baccarelli musste nach neuen Förderern suchen. "Wir haben es immerhin geschafft, dass das Budget nicht weiter sinkt", sagt Direktor Venturelli. "Wenn wir kürzen müssten, wäre das dramatisch. Die Arbeit, die wir hier machen, ist langfristig. Wir geben jungen Menschen Hoffnung. Sie zu enttäuschen, weil uns Gelder fehlen? Das wäre furchtbar."

Die Stipendien sind wichtig, um die jungen Menschen am Institut zu halten. Auch der Querflötenspieler Lucas Andrade erhält ein Stipendium von umgerechnet 440 Euro im Monat. Er kann jetzt mit einem Freund zusammenwohnen, wenige Minuten zu Fuß vom Institut entfernt. Er will in einem großen Orchester spielen. Wo? Berlin wäre schön, sagt er als erstes, aber Rio auch. Lucas wagt zu träumen.

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Instrumente im Lager des Instituts

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