Politik

70 Jahre Volksrepublik China

Schön für Xi

Am Dienstag feiert die Volksrepublik China ihren 70. Jahrestag, durch Peking rollt dann die größte Militärparade in der Geschichte des Landes. Eine Machtdemonstration des Staatspräsidenten Xi Jinping - nach innen und außen.

DPA

Chinesische Soldatinnen proben in der Großen Halle des Volkes anlässlich der Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag

Von , Peking
Montag, 30.09.2019   22:34 Uhr

Auf dem Pekinger Tiananmen-Platz hocken Soldaten der Volksbefreiungsarmee auf dem Boden. Ihre Uniformen sehen strapaziert aus, ihre Ballonmützen mit dem fünfzackigen Stern sind ausgebeult, auf ihre Gewehre haben sie altmodische Bajonette gepflanzt. So zeigt es ein historisches Foto, aufgenommen am 1. Oktober 1949.

Kurz zuvor hatten die Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gesiegt. Später an jenem Tag wird ihr Führer, Mao Zedong, auf das Tor des Himmlischen Friedens steigen, an dem heute sein überlebensgroßes Porträt hängt. Von dort aus proklamiert er die Gründung der Volksrepublik.

Am Dienstag wird Chinas heutiger Staats- und Parteichef Xi Jinping an genau derselben Stelle stehen wie damals Mao. Wenn er die Feierlichkeiten zum 70. Staatsjubiläum abnimmt, könnte der Kontrast zu den rückständigen Anfangstagen größer kaum sein:

Es wird die größte Militärparade in Chinas Geschichte.

Damals ein kriegsversehrtes Land mit 760 Dollar Wirtschaftsleistung pro Jahr und Kopf, heute militärische und technologische Supermacht - diese Story des Aufstiegs soll der Aufmarsch senden, an die Bürger Chinas und an die Welt.

Nach Lesart der chinesischen Führung verdankt das Land diese Entwicklung niemand anderem als der Kommunistischen Partei, und laut der offiziellen Propaganda ist Xi deren "Kern". Unangefochten steht er an ihrer Spitze, nachdem er seine politischen Gegner mittels Säuberungskampagnen niedergerungen, Revolutionsnostalgie geschürt und die ideologische Kontrolle verschärft hat - ähnliche Methoden, wie auch Mao sie schon angewendet hat. Ihm zollte Xi am Montagmorgen demonstrativ Respekt: Er machte Maos einbalsamiertem Leichnam in dessen Mausoleum seine Aufwartung und verneigte sich dreimal vor dessen Statue. Eine seltene Demutsgeste, zum letzten Mal war er vor sechs Jahren dort.

Im Video: Chinas Nationalfeiertag - Showdown im Krieg der Bilder

Foto: AP; DER SPIEGEL

Mit der Militärparade inszeniert sich Xi als starker Mann. Für ihn kommt das zum rechten Zeitpunkt. Denn obwohl seine Position nach innen gefestigt ist, steht er dieser Tage von außen unter erheblichem Druck.

Da ist der Handelskrieg mit den USA, der die ohnehin abflauende Konjunktur zusätzlich belastet. Da ist die Kritik des Auslands an den Zuständen in der Westprovinz Xinjiang, wo Peking eine siebenstellige Zahl Muslime in Lager gesperrt hat. Und da sind die Proteste in Hongkong, die Chinas Führung nicht hat kommen sehen - und derer sie nicht Herr wird. Angesichts dieser Probleme kommt es ihr nur gelegen, dass sie die Welt morgen daran erinnern kann, welche Widerstände sie in den vergangenen 70 Jahren schon überwunden hat. Wie weit sie gekommen ist, zahlreichen Rückschlägen zum Trotz.

Im Video: Wie denken junge Chinesen über den Weltmachtanspruch des Präsidenten?

Foto: DER SPIEGEL

Die Militärparade wird dieselbe Wegstrecke nehmen wie die Panzer, die in der Nacht auf den 4. Juni 1989 über die Chang'an Avenue rollten, um die Besetzung des Tiananmen-Platzes durch Demokratieaktivisten blutig zu beenden. In diesem Fall ist die Symbolik eher zufällig als gewollt herbeigeführt, denn bei derart bedeutenden Veranstaltungen geht in Peking an dieser zentralen Route nichts vorbei. Dennoch dürfte vielen Hongkonger Demonstranten mulmig werden, wenn sie die Fernsehbilder sehen.

"Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen", hat Mao einst gesagt. Es bleibt zu hoffen, dass Xi sich in dieser Hinsicht kein Vorbild am Staatsgründer nehmen wird.

insgesamt 6 Beiträge
jeannine_balogh 30.09.2019
1. China Nr.1
China rollt auf uns zu.... keiner merkt es..alle sind auf Donald Trump fixiert.
China rollt auf uns zu.... keiner merkt es..alle sind auf Donald Trump fixiert.
andre_sokolew 01.10.2019
2. Herzlichen Glückwunsch
Ungeachtet jeder Kritik, die ein Staat wie China zweifellos verdient hat, zunächst das, was im Artikel vergessen wurde: Herzliche Glückwünsche den Bürgern zum Staatsjubiläum und zu der bisher erreichten Entwicklung. Zugleich [...]
Ungeachtet jeder Kritik, die ein Staat wie China zweifellos verdient hat, zunächst das, was im Artikel vergessen wurde: Herzliche Glückwünsche den Bürgern zum Staatsjubiläum und zu der bisher erreichten Entwicklung. Zugleich möchte ich damit auch meine Hoffnung auf eine Zukunft mit guten Handelsbeziehungen und einer Zusammenarbeit zwischen Europa und China zum gegenseitigen Vorteil zum Ausdruck bringen.
hpkeul 01.10.2019
3. Werde ich nie begreifen
Was für eine Machtdemonstration soll so ein Karnevalszug denn sein?
Was für eine Machtdemonstration soll so ein Karnevalszug denn sein?
ein-berliner 01.10.2019
4. Angriff der Klonkrieger
Noch die richtigen Kostüme und Star Wars wäre perfekt. Es fehlt nur noch R2-D2 und George Lucas hat genug Komparsen. Möge die Macht mit allen Schauspielern sein.
Noch die richtigen Kostüme und Star Wars wäre perfekt. Es fehlt nur noch R2-D2 und George Lucas hat genug Komparsen. Möge die Macht mit allen Schauspielern sein.
Olaf S 01.10.2019
5. Herausforderung 2049
Das Stichwort fiel nur einmal und ich bin mir sicher, dass dort die größte Herausforderung für die Supermacht liegt: "Ein-Kind-Politik". Wenn wir in Europa über einen bedrohlichen Alterungsprozess stöhnen, hört [...]
Das Stichwort fiel nur einmal und ich bin mir sicher, dass dort die größte Herausforderung für die Supermacht liegt: "Ein-Kind-Politik". Wenn wir in Europa über einen bedrohlichen Alterungsprozess stöhnen, hört man aus China kein Jammern. Wahrscheinlich weil der gesellschaftliche Druck die Eltern mit Respekt zu behandeln erheblich größer ist als in unserer Kultur. Zwei Erwachsene betreuen dort in Zukunft vier Großeltern plus die eigenen Kinder und das bei einer sechs-Tage-Woche mit mehr als 8 Stunden Arbeitszeit und ohne Pendlerpauschale. Für mich ist das ein Grusel-Szenario - aber ich bin gespannt, wie die Chinesen diese Herausforderung angehen werden.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP