Politik

Attentat in Neuseeland

Warum wir nicht nur auf den Täter blicken dürfen

Mucad Ibrahim wurde drei Jahre alt, Haji Daoud Nabi 71. Beide starben beim Anschlag in Christchurch - zwei von 50 Todesopfern. An sie zu erinnern ist mindestens genauso wichtig wie die Suche nach dem Motiv des Täters.

Foto: Twitter/ Khaled Beydoun
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Sonntag, 17.03.2019   14:29 Uhr

50 Menschen sind tot, ermordet von einem rechtsextremen Attentäter. Auch die SPIEGEL-Berichterstattung schaut natürlich auf den Täter: Wer ist das? Was hat ihn angetrieben? Wie radikalisierte er sich? Wie lässt sich sein mörderisches Handeln erklären?

Klar ist aber auch: Jede Erwähnung seines Namens, jedes von ihm in die Welt gesetzte Bild aus seiner Helmkamera ist Teil seines Plans. Der Terror von Christchurch ist darauf angelegt, in den Medien sichtbar zu werden. Über den Anschlag zu berichten, heißt immer auch: auf das Kalkül des Täters eingehen - weil nicht zu berichten keine Option ist.

AFP

Ein Verwandter schaut sich ein Bild von Naeem Rashid und dessen Sohn Talha an. Beide wurden bei dem Terroranschlag ermordet

"Ich kenne den Namen des Täters nicht, und ich will ihn auch nicht wissen", sagt Khaled Beydoun, Jura-Professor an der University of Detroit in den USA. Aber er wolle die Namen der Opfer kennen, "mich an ihre Geschichten erinnern und ihre Leben würdigen", schreibt Beydoun.

Auf Twitter hat er deshalb Namen und Bilder der Toten zusammengetragen. Wir dokumentieren einige dieser Einträge, erinnern beispielhaft an einige Menschen, die nicht mehr leben. Voraussetzung war, dass sich Familienangehörige bereits gegenüber Journalisten geäußert und damit ihr Einverständnis erklärt haben, dass die Namen und Bilder ihrer ermordeten Verwandten veröffentlicht werden.

Husne Ara Parvin, 42 Jahre

Husne Ara Parvin besuchte am Freitag die Moschee zusammen mit ihrem Mann Farid Uddin Ahmed, der im Rollstuhl sitzt. Augenzeugen berichten, dass sich die 42-Jährige schützend vor ihren Ehemann geworfen hat, als der Mörder auf ihn feuern wollte.

Das Paar aus Bangladesch sei Mitte der Neunzigerjahre nach Neuseeland eingewandert, berichtet der Neffe der beiden, Mahfuz Chowdhury, im Gespräch mit Reportern. Uddin sei seit Jahren krank gewesen und auf seinen Rollstuhl angewiesen. Parvin starb. Ihr Mann hat den Anschlag überlebt.

Naeem Rashid, 50 Jahre

Im Video des Täters ist zu sehen, wie Naeem Rashid auf den Terroristen losgeht, um ihn in der Al Noor Moschee zu stoppen. Der 50-Jährige stammt aus Pakistan und lebte seit neun Jahren in Neuseeland, wo er als Lehrer arbeitete. Er besuchte die Moschee am Freitag zusammen mit seinem 21-jährigen Sohn Talha. Beide überlebten das Attentat nicht.

Rashid sei bei dem Versuch gestorben, andere zu schützen, sagt seine Schwägerin. Für die Familie sei er deshalb ein Held. "Er war mutig", sagt auch sein Bruder Khurshid Alam gegenüber der BBC. Augenzeugen hätten ihm berichtet, "dass er einigen Menschen das Leben gerettet hat, indem er versuchte, den Täter aufzuhalten".

Mucad Ibrahim, 3 Jahre

Mucad ist das jüngste Opfer des Mörders von Christchurch. Der Junge war mit seinem Bruder Abdi und seinem Vater in der Al Noor Moschee. Als dort die ersten Schüsse fielen und Chaos ausbrach, verlor seine Familie ihn aus den Augen. Sein Vater wurde getroffen und stellte sich tot; Mucads Bruder konnte fliehen.

Die Suche der Familie nach dem jüngsten Sohn in den Krankenhäusern der Stadt blieb erfolglos. Sie veröffentlichten deshalb Fotos des Jungen. Abdi beschreibt seinen Bruder als "lebhaft und verspielt und jemand, der gerne und viel lacht". Für den Mörder empfinde er nur Hass.

Twitter/ Khaled Beydoun

Haji Daoud Nabi

Haji Daoud Nabi, 71 Jahre

Seit 1979 lebte Haji Daoud Nabi in Neuseeland. Der Afghane war nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in sein Heimatland geflohen. Sein Vater habe immer wieder betont, dass Liebe und Gemeinschaft die wichtigsten Pfeiler einer Gesellschaft seien, berichtet sein Sohn Omar nach dem Attentat.

Der 71-Jährige sei bis zuletzt aktiv gewesen, um anderen afghanischen Flüchtlingen zu helfen und sie bei der Integration in Neuseeland zu unterstützen. "Er sorgte dafür, dass sie sich zuhause fühlen", sagt Omar über seinen ermordeten Vater.

Twitter/ Khaled Beydoun

Atta Elayyan

Atta Elayyan, 33 Jahre alt

Atta Elayyan war vor zwei Jahren Vater geworden. Geboren wurde er in Palästina, doch der 33-Jährige fühlte sich seiner neuen Heimat Neuseeland tief verbunden - so sehr, dass er im neuseeländischen Futsal-Nationalteam als Torhüter spielte.

Bekannt war er allerdings nicht nur als Sportler, sondern auch als Mitentwickler der Windows-Phone-Software. In der Community der IT-Spezialisten ist die Bestürzung über seinen Tod groß. Er sei "ein Freund und ein Held" gewesen, schreibt sein Kollege Albert Jelica im Magazin "Windowsarea.de". "Atta war ein humorvoller, sehr talentierter und bescheidener Mensch."

insgesamt 44 Beiträge
Koana 17.03.2019
1. Würden wir wirklich auf die Opfer schauen,
würden wir uns selbst erkennen, würden wir den Verstand finden, den wir verloren haben, wir würden wieder sehen können, wären nicht mehr regierbar, würden solidarisch, den Hass ächtend und unser wahre Natur plötzlich [...]
würden wir uns selbst erkennen, würden wir den Verstand finden, den wir verloren haben, wir würden wieder sehen können, wären nicht mehr regierbar, würden solidarisch, den Hass ächtend und unser wahre Natur plötzlich empfindend, zu einer friedlichen, sozialen, solidarischen Horde, einer Horde die einander vertraut, die die Natur als ihre Heimstadt erkennt, die sich der Verantwortung bewusst wird, die uns der Intellekt auferlegt. Ja, es ginge damit an, uns den Opfern zuzuwenden, die Täter im Schatten zu vergessen, zu ignorieren, schlicht keinen Finger mehr für diese kranke Brut zu rühren - nur leider, wir schaffen es nicht. Die Geschichtsbücher nennen die Namen der Täter, die Opfer bleiben auf Feldern und bestenfalls gibt es Namen auf einer Tafel. So bleiben wir Blinde die den Wahnsinnigen folgen.
eisfuchs 17.03.2019
2. Mehr davon
Genau das ist wichtig: uns an die Opfer erinnern.
Genau das ist wichtig: uns an die Opfer erinnern.
UlrichM 17.03.2019
3.
Vielen Dank! Absolut richtig. Wir gewöhnen uns viel zu schnell an solch schreckliche Nachrichten und blenden sie aus. Die Grausamkeit der Tat wird einem wieder bewusst , wenn man auf die Einzelschicksale schaut.
Vielen Dank! Absolut richtig. Wir gewöhnen uns viel zu schnell an solch schreckliche Nachrichten und blenden sie aus. Die Grausamkeit der Tat wird einem wieder bewusst , wenn man auf die Einzelschicksale schaut.
OhMyGosh 17.03.2019
4.
"An sie zu erinnern ist mindestens genauso wichtig wie die Suche nach dem Motiv des Täters." Nein, das sehe ich anders. Das Motiv des Täters ist bereits eindeutig bekannt: verbrecherischer Hass eines widerlichen [...]
"An sie zu erinnern ist mindestens genauso wichtig wie die Suche nach dem Motiv des Täters." Nein, das sehe ich anders. Das Motiv des Täters ist bereits eindeutig bekannt: verbrecherischer Hass eines widerlichen Faschisten, getrieben von schierer Mordlust. Was auch immer aus diesem Unmenschen wird, ist mir persönlich völlig egal. Aber die vielen ermordeten Muslime, darunter auch Kinder, bewegen mich und sie sind es, welche die Titelseite füllen sollten. Nicht die Vita des gefühllosen Mörders.
Currie Wurst 17.03.2019
5. Danke!
Danke für diesen Artikel. Es ist wichtig, den Opfern ein Gesicht zu geben, damit es keine anonymen Toten sind, die man schnell vergisst. Die Täter finden umgekehrt umso mehr Nachahmer, je höher ihr Bekanntheitsgrad wird. [...]
Danke für diesen Artikel. Es ist wichtig, den Opfern ein Gesicht zu geben, damit es keine anonymen Toten sind, die man schnell vergisst. Die Täter finden umgekehrt umso mehr Nachahmer, je höher ihr Bekanntheitsgrad wird. Wenn es nach mir ginge, würden diese kranken Arschlöcher - sorry, mir fällt kein anderer Ausdruck ein - nicht mal mit einem Bild gezeigt werden. Dafür sollten sich nur die Strafverfolgungsbehörden, Psychiater und Gerichtsmediziner interessieren, um festzustellen können, wie leer die Gehirne von denen sind. Ich will diese Typen gar nicht zu sehen bekommen, aber die Presse lässt einem ja keine Chance.
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