Politik

Djerba

Hinweise auf ein Attentat verdichten sich

Gut eine Woche nach der Explosion vor einer Synagoge auf Djerba, die bisher 16 Menschen das Leben gekostet hat, haben die Ermittler noch immer nicht den letzten Beweis dafür gefunden, dass es sich um ein Attentat handelt. Bei den Ermittlungen ergeben sich aber immer mehr Spuren in diese Richtung.

Samstag, 20.04.2002   12:38 Uhr

Berlin/Karlsruhe - Den US-Behörden genügen die Fakten bereits, um davon auszugehen, dass ein Anschlag praktisch feststeht. Dagegen will sich das Bundesinnenministerium weiterhin nicht auf die Aussage festlegen, dass es sich definitiv um einen Terroranschlag gehandelt hat. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) gehe nach wie vor lediglich davon aus, dass es sich möglicherweise um ein Attentat gehandelt hat, sagte Ministeriumssprecher Rainer Lingenthal.

US-Regierungsbeamte hatten nach einem Treffen von Außenminister Colin Powell mit seinem tunesischen Kollegen Habib Ben Yahia am Freitag in Washington bestätigt, dass eine Verbindung zur terroristischen Szene feststehe. Der tunesische Minister habe klar gemacht, dass sich die Ermittlungen auf einen Terrorangriff mit internationalem Hintergrund konzentrierten. Unter den Toten sind elf deutsche Touristen. Sechs der in deutschen Krankenhäusern liegenden Verletzten schweben nach Angaben der Ärzte noch in Lebensgefahr.

Unterdessen hat die Bundesanwaltschaft bestätigt, dass sie im Zusammenhang mit der Explosion auf Djerba im Duisburger Raum ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere Personen führt. Zum einen werde nach wie vor die Rolle des möglichen Kontaktmanns untersucht, der von dem mutmaßlichen Attentäter kurz vor der Explosion vor der Synagoge angerufen worden war, sagte die Sprecherin Frauke-Katrin Scheuten am Samstag. Zudem richteten sich die Bemühungen der Ermittler auf die Aufklärung des Umfeldes dieser Person.

Bei ihren Ermittlungen sind die Behörden auch auf einen weiteren Hinweis für eine Verbindung zwischen den Mülheimer und Duisburger Verdächtigen sowie der so genannten Hamburger Terrorzelle gestoßen. Bei der Durchsuchung der Wohnung jenes Verdächtigen, der kurz vor der Explosion vom mutmaßlichen Attentäter angerufen worden war, sei ein Zettel mit Namen und Bankverbindung der Frau des seit fünf Monaten inhaftierten Mounir El Motassadek gefunden worden. Ihm wirft die Bundesanwaltschaft Unterstützung der Hamburger Attentäter vom 11. September vor.

Nach einem Bericht des Magazins "Focus" soll der mutmaßliche Attentäter von Djerba bereits im vergangenen Jahr mit seinem deutschen Kontaktmann in Pakistan getroffen haben. Das habe der am Montag vorübergehend festgenommene Mann aus Duisburg laut internen BKA-Papieren in einem Verhör des Bundeskriminalamtes ausgesagt.

Zu Einzelheiten nahm Scheuten aus ermittlungstaktischen Gründen keine Stellung, ebenso wenig zu den Namen und der Anzahl der Verdächtigen. Auch den Bericht des "Spiegel", nach dem einige der Verdächtigen aus dem Raum Duisburg in militärischen Lagern in Afghanistan und Pakistan ausgebildet worden sein sollen, ließ sie unkommentiert.

Nach Presseberichten hat die Karlsruher Behörde inzwischen gegen insgesamt vier Männer ein Verfahren wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung eingeleitet.

Einen Bericht der Zeitung "Die Welt", wonach die Bundesanwaltschaft erneut in Hamburg gegen eine mutmaßliche Terrorgruppe mit Kontakten zum El-Kaida-Netzwerk Osama bin Ladens aktiv geworden ist, wollte die Sprecherin ebenfalls nicht kommentieren. Die Ermittler müssten ihre Erkenntnisse vertraulich behandeln, um den Fahndungserfolg nicht zu gefährden.

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