Politik

Donald Trump in Michigan

Der Sound von 2020

Wenige Tage nach der Entlastung durch den Russland-Sonderermittler tritt Donald Trump in Michigan auf. Seine Wutrede ist ein Vorgeschmack auf das, was im nächsten Wahlkampf droht: Beleidigungen, Lügen, Hetze.

Foto: Scott Olson/ AFP
Von , New York
Freitag, 29.03.2019   11:50 Uhr

Donald Trumps letzter Auftritt im US-Wahlkampf 2016 fand in Grand Rapids statt, der zweitgrößten Stadt Michigans. Er hatte den Zwischenstopp kurzfristig eingeplant: Es war bereits nach Mitternacht, also am Wahltag, als Trump heiser auf die Bühne trat. Am selben Abend gewann er die Präsidentschaftswahl - auch dank eines knappen Vorsprungs in Michigan mit 10.704 Stimmen (0,23 Prozent). Es reichte, ihn ins Weiße Haus zu tragen.

Am Donnerstagabend kehrte Trump nun nach Grand Rapids zurück, voller Energie und Rachelust. "Großartig, wieder hier zu sein!", rief er in die ebenso ekstatische Menge. Es war der erste Auftritt seines nächsten Wahlkampfs - des Robert-Mueller-Wahlkampfs.

Wenige Tage, nachdem der Russland-Sonderermittler seinen Bericht abgeliefert hatte, trat Trump seinen Triumphzug an. In einer 82-minütigen, meist gebrüllten Kraftrede verwandelte er Muellers Teilfreispruch in eine Waffe gegen seine Widersacher: die US-Demokraten, die Medien und alle, die ihn nicht unterstützen.

Video: Was Mueller herausfand

Foto: SCALZO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Es war ein Vorgeschmack darauf, was den Amerikanern in den nächsten 19 Monaten bis zur Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 bevorsteht: Demagogie, Wut, Spott, Beleidigungen, Drohungen - und so viele Lügen, dass man irgendwann aufgibt, sie zu zählen.

Zuerst sonnte sich Trump fünf Minuten lang im Jubel seiner überwiegend weißen Anhänger, die stundenlang auf ihn gewartet hatten, aufgeheizt von Patriotensongs. "USA! USA! USA!", skandierten sie. Trump winkte, klatschte mit, ballte die Faust und drehte dann auf wie selten zuvor, als habe ihm Mueller eine Vitaminspritze verpasst.

Muellers Bericht sprach Trump - jedenfalls laut der knappen Zusammenfassung durch den von Trump handverlesenen Justizminister William Barr - vom Vorwurf der Verschwörung mit Russland frei, blieb in puncto Justizbehinderung aber unschlüssig.

Trump reichte das, um vollendete Tatsachen zu schaffen: "Der Russland-Schwindel ist endlich tot!", rief er. "Totale Entlastung! Komplette Ehrenrettung!"

Dass das nicht stimmt, dass der mehr als 300-seitige Mueller-Bericht, so er an die Öffentlichkeit kommt, ein differenziertes Bild bieten dürfte - wen interessiert das noch?

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Ebenso falsch: Die Russland-Ermittlungen seien "Bullshit" gewesen, sagte Trump. Ein "illegaler" Versuch der Demokraten und der "Fake News"-Medien, "das Wahlergebnis von 2016 zu kippen", den "Willen des Volkes zu sabotieren" und sich die Macht zurückzuholen. Doch nun werde man sie "zur Rechenschaft ziehen", drohte er, "für ihre ganzen Lügen".

"Sperrt sie ein!", riefen die Leute, ein Echo der Hasskampagne gegen Hillary Clinton. "Sperrt sie ein!"

"Noch vier Jahre! Noch vier Jahre"

Faktencheck: Das FBI nahm die ersten Russland-Ermittlungen vier Monate vor den Wahlen 2016 auf, und Mueller wurde später von Trumps eigenem Justizministerium als Sonderermittler beauftragt.

Ach, 2016. Fast zwanzig Minuten schwelgte Trump in "Erinnerungen" an jene "großartigste Wahl der Geschichte". Er zählte wieder mal all die Staaten auf, die er gewonnen hatte, und log über seine Rede in Grand Rapids von damals: 32.000 Menschen seien bei ihm gewesen (es waren 3000) und nur 500 bei Clinton (es waren 4600). "Das nehmen sie uns nie weg! Nie!"

"Noch vier Jahre!", schallte es Trump aus der Halle entgegen. "Noch vier Jahre!"

Dann begann er alte und neue Wahlkampfslogans auszuprobieren, wahllos, unzusammenhängend und flankiert von wilden Lügen.

"Eine Million Ausländer wollen in unser Land einmarschieren!" (Falsch.)

"Wir bauen die Mauer bereits - besser und schneller und viel billiger!" (Falsch.)

"Wir befinden uns in einem beispiellosen Wirtschaftsaufschwung." (Falsch.)

Joshua Roberts/ REUTERS

Trump-Unterstützer in Grand Rapids, Michigan

Immer wieder offenbarte der 72-Jährige dabei, dass sein Weltbild im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Über den "Green New Deal", das Klimaprogramm der Demokraten, schimpfte er zum Beispiel, dass es "keine Flugzeuge" erlaube und "nur ein Auto pro Familie" - ein Elektroauto, das nur 160 Meilen weit fahren könne.

"Wie kommt man dann nach Europa? Keiner weiß es." Die Menge grölte zustimmend.

Und der Ton wurde noch schärfer: Die Demokraten - "die Partei des Radikalismus, des Widerstands und der Rache" - wollten "Kinder aus dem Mutterleib reißen", um sie "zu exekutieren".

"Ich habe eine bessere Ausbildung als sie", prahlte Trump schließlich, ein alter Hit aus seinem Repertoire. "Ich bin klüger als sie, ich besuchte bessere Schulen, ich habe ein viel schöneres Haus, ich habe eine viel schönere Wohnung, alles, was ich habe, ist viel schöner." Er hielt kurz inne und grinste breit. "Und ich bin Präsident, und sie nicht!"

"Noch vier Jahre!", jubelte die Menge. "Noch vier Jahre!" Es war der Sound von 2020.

insgesamt 200 Beiträge
Harald Schmitt 29.03.2019
1. Der Einäugige unter den Blinden
Der sonnst sich im Erfolg von gleich dummen Menschen. Wenn er so ein stabiles Genie ist, warum muss er dann seinen Anwalt losschicken um seinen Schulen mit Klagen zu drohen, wenn sie seine so tollen Noten veröffentlichen? Warum [...]
Der sonnst sich im Erfolg von gleich dummen Menschen. Wenn er so ein stabiles Genie ist, warum muss er dann seinen Anwalt losschicken um seinen Schulen mit Klagen zu drohen, wenn sie seine so tollen Noten veröffentlichen? Warum gibt es nicht den vollständigen Mueller Bericht anstatt die 4 Seiten seines Kumpels? Warum gibts immer noch nicht seine veröffentlichte Steuererklärung? Er hetzt und diffamiert sämtliche Menschen die ihm nicht passen aber verträgt keine Kritik. Vor solchen Typen sollte man sich schützen anstatt sie zu bejubeln. Man sieht ja wie schnell er seine Kumpels los wird, kein anderer hat so einen Personalverschleiss. Eigentlich müsste FoxNews doch ständig als Werbeveranstaltung für Trump kenntlich gemacht werden. Seriöse Berichterstattung sieht anders aus.
dominik.zurawski17 29.03.2019
2. Bei einer Wiederwahl von
Mr. Trump und somit hemmungsloser Narrenfreiheit für ihn, kann einem nur absolut bange werden. Er hat schon soviel verbrannte Erde hinterlassen und der Demokratie geschadet, ich hoffe die Wahlen werden Einhalt gebieten. Sollte [...]
Mr. Trump und somit hemmungsloser Narrenfreiheit für ihn, kann einem nur absolut bange werden. Er hat schon soviel verbrannte Erde hinterlassen und der Demokratie geschadet, ich hoffe die Wahlen werden Einhalt gebieten. Sollte tatsächlich Trump 2020 gewinnen, muss man fragen, wie kaputt gesellschaftlich und intellektuell die USA sind. Davon ab kann ich diese Lügen und Selbsthuldigung nur noch schwer ertragen, kaum zu glauben dass es diesbezüglich noch exzessiver werden kann. Scheinbar schon
arndt.mueller 29.03.2019
3. Wahrheit ?
Die Wahrheit ist das letzte was die Leute auf so einer Veranstaltung erwarten. Die möchten emotional aufgeputscht werden und genau das liefert Herr Trump seinen "Kunden".
Die Wahrheit ist das letzte was die Leute auf so einer Veranstaltung erwarten. Die möchten emotional aufgeputscht werden und genau das liefert Herr Trump seinen "Kunden".
hausfeen 29.03.2019
4. Mu-eller hat gar nichts entlastet. Sondern der Justizminister ...
... mit seiner Interpretation. Mehr wissen wir bislang noch nicht. An so einem wichtigen Punkt erwarte ich 100%ige journalistische Schärfe.
... mit seiner Interpretation. Mehr wissen wir bislang noch nicht. An so einem wichtigen Punkt erwarte ich 100%ige journalistische Schärfe.
Listkaefer 29.03.2019
5. Unerträglich, ...
... dieser aufgeblasene dauerlügende Hochstapler Trump. Und noch unerträglicher, dass so ein Mensch von einem großen Teil der US-Bürger gefeiert wird. Ein bedauerlicher Unfall der Demokratie. Eine verhängnisvolle Abrissbirne [...]
... dieser aufgeblasene dauerlügende Hochstapler Trump. Und noch unerträglicher, dass so ein Mensch von einem großen Teil der US-Bürger gefeiert wird. Ein bedauerlicher Unfall der Demokratie. Eine verhängnisvolle Abrissbirne für den Multilateralismus.
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