Politik

Trumps Uno-Bilanz

Völlig losgelöst

Spott, Ärger, Chaos: Fast drei Tage lang wirbelte US-Präsident Trump die Uno-Vollversammlung durcheinander. Doch viele Staatschefs wussten längst, wie sie mit ihm umzugehen hatten. Sie lächelten - und ignorierten ihn.

REUTERS

Donald Trump

Von , New York
Donnerstag, 27.09.2018   07:04 Uhr

Ausgelacht? Von wegen! "Sie haben doch nicht über mich gelacht", beharrt Donald Trump beleidigt. "Sie haben mit mir gelacht. Wir hatten Spaß!"

Der US-Präsident hält in einem Hotel-Ballsaal Hof, das Kinn trotzig hochgereckt. Nach fast drei Tagen Endlospalaver bei den Vereinten Nationen, die er so hasst, steht er vor Dutzenden Reportern, die er ebenfalls hasst, um endlich wieder über sein Lieblingsthema zu reden: Donald Trump. Den hasst er nicht.

Und da kommt sie natürlich, die Frage nach dem Moment, der den mächtigsten Mann der Welt vor der Welt blamierte: Als Trump zum Auftakt der Uno-Generaldebatte am Dienstag mit seinen Verdiensten prahlte, lächelten die im Plenum versammelten Staats- und Regierungschef erst verschmitzt, als Trump irritiert schaute und bekräftigte, dass er keine Witze mache, lachten alle lauthals los. Ob ihn das gestört hat?

"Fake News!", kräht Trump, obwohl die Episode doch live im Fernsehen lief. "Die Leute hatten Spaß mit mir. Wir haben es zusammen getan, wir hatten Spaß." Noch in der Generaldebatte sagte Trump dagegen, dass er mit dieser Reaktion nicht gerechnet hätte.

Video: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter

Foto: AFP

Das Gelächter im Uno-Plenum war unmissverständlich. "Gelacht hat, glaube ich, die ganze Versammlung am Anfang der Rede von Präsident Trump", sagt Bundesaußenminister Heiko Maas, der dabei war. Andere versichern hinter vorgehaltener Hand, was sie wirklich dachten. "Verrückt", murmelt ein Diplomat. "Nicht ernst zu nehmen", seufzt ein anderer. "Aber wir müssen mit ihm leben."

So ist es. Trumps gesamter Auftritt - der dementierte Spott, die isolationistische Kampfrede, die ungemütliche Sicherheitsratssitzung, die er am Mittwoch leitete - offenbarte, wie sehr er international isoliert ist. Wie wortwörtlich weltfremd.

Denn die Uno schritt voran - ohne ihn und seinetwegen. Auf zahllosen Sitzungen, Randveranstaltungen und Podiumsdiskussionen verschrieben sich die Weltpolitiker demonstrativ dem Multilateralismus. So setzten sich die Europäer mit Russland und China an einen Tisch, um Trump in Sachen Iran Paroli zu bieten.

Ja, sie lobten Trump und redeten mit ihm, wenn und weil sie es mussten. Doch sie wussten längst, dass er lügt, dass er prahlt, dass hinter seinem Bombast wenig steckt, dass seine Berater ihn für unzurechnungsfähig halten und manche Minister leise dagegenhalten, zum Beispiel Pentagon-Chef James Mattis. Es hat sich herumgesprochen, und Trump bestärkte den Eindruck diese Woche nur.

Das sagten sie ihm hier zwar nicht offen ins Gesicht. Doch sie nahmen auch kein Blatt mehr vor den Mund wie früher. Zum Beispiel eben im Uno-Sicherheitsrat.

AFP

Charles Michel, Theresa May und Emmanuel Macron warten auf Trump

Eigentlich wollte Trump Iran zum einzigen Tagesordnungspunkt machen. Aber das hatten sie ihm schon vorab ausgeredet. Vielleicht deshalb kam er zu spät, wie schon am Vortag, als er die Vollversammlung eine halbe Stunde warten ließ.

Grimmig schlurfte er zu seinem Platz. Die anderen schenkten ihm zunächst wenig Beachtung. Die britische Premierministerin Theresa May und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der am Dienstag einen feurigen Gegenentwurf zu Trump präsentiert hatte, blieben eine Weile in herzlichem Gespräch vertieft.

Uno-Botschafterin Nikki Haley schob Trump das Hämmerchen hin, mit dem er sich Gehör verschaffen konnte. "Die 8362. Sitzung ist eröffnet", las er die übliche Grußfloskel vom Blatt. Auch sonst blieb er dem Protokoll treu. Erst jedenfalls.

Dann kam er aber doch auf Iran zu sprechen und den "schrecklichen" Atomdeal, den er aufgekündigt hat. "Alle US-Atomsanktionen werden Anfang November voll in Kraft treten", drohte Trump den anderen Uno-Staaten, die weiter an dem Abkommen festhalten - und deren Vertreter mit ihm am Tisch saßen.

REUTERS

Uno-Sicherheitsrat

Die ließen das freilich nicht auf sich sitzen. Einer nach dem anderen priesen sie den Iran-Deal - und rügten den US-Ausstieg: May, Macron, Russlands Außenminister Sergej Lawrow, sein chinesischer Amtskollege Wang Yi. Boliviens Präsident Evo Morales warf Trump "Verachtung des Völkerrechts" vor. Der verzog keine Miene.

Irans Präsident Hassan Rohani thronte derweil ein paar Straßen weiter in seiner Uno-Vertretung hinter einem Orchideengesteck und verkündete: "Die USA sind alleine und isoliert." Was man auch sonst von ihm halten mag - damit hatte er sicher recht.

Trump wirft China Wahleinmischung vor

Denn Trump trat im Sicherheitsrat noch eine andere Lawine los: Aus dem Blauen heraus - und ohne jegliche Beweise - bezichtigte er China, "in unsere kommenden Wahlen 2018 eingreifen zu wollen", womit er die Midterm-Kongresswahlen im November meinte. "Sie wollen nicht, dass ich gewinne!"

Mal abgesehen davon, dass da nicht Trump gewählt wird, sondern der Kongress, war das eine ziemlich folgenschwere Bemerkung, zumal so unbegründet. Auch das Weiße Haus war überrascht. Hastig arrangierte es eine Konferenzschaltung mit Journalisten, in denen ein Trump-Berater den Vorwurf zu präzisieren versuchte. Er sprach von Inseraten Chinas in "Bezirken, die für den Präsidenten gestimmt haben", namentlich in Iowa; von Propaganda, von Maßnahmen gegen Filmstudios und von unspezifischen anderen "Aktivitäten".

Trump machte es bei seiner Pressekonferenz dann nur noch mysteriöser. Chinas Präsident Xi Jinping sei sein "guter Freund", aber: "Sie wollen, dass ich verliere... Wir haben Beweise." Dann: "China hat totalen Respekt für Donald Trump und Donald Trumps sehr, sehr großes Gehirn." Wer soll das noch verstehen?

Auch wurde Trump auf dem diplomatischen Parkett immer wieder von seinen heimischen Problemen eingeholt. Vor jedem bilateralen Treffen, bei jedem Gang durch den Uno-Glaseingang brüllten ihm die US-Reporter Fragen zu - vor allem nach seinem Richterkandidaten Brett Kavanaugh, der sich an diesem Donnerstag vor dem Senat wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung verantworten muss.

Trump brüllte zurück, nannte seine Gegner "Abschaum", jagte dann noch eben ein paar Twitter-Tiraden los, einige sogar - wenn man die Uhrzeit prüft - vom Rücksitz seiner Panzerlimousine, zwischen seinen Terminen mit anderen Staatschefs.

insgesamt 209 Beiträge
kuac 27.09.2018
1.
Die Berater von Trump haben komplett versagt. Wieso haben sie ihn 3 Tagelang alleine gelassen? Jetz steht er lächerlich vor der Weltgemeinschaft da und der Autoritätsverlust ist groß.
Die Berater von Trump haben komplett versagt. Wieso haben sie ihn 3 Tagelang alleine gelassen? Jetz steht er lächerlich vor der Weltgemeinschaft da und der Autoritätsverlust ist groß.
issernichsüss 27.09.2018
2. Schön, dass es das Beispiel Trump gibt!
So kann jeder Populist und die Anhänger solcher Gestalten erkennen, wo die Reise hingeht: Ins Chaos, in die politische Isolation, bar jeglicher moralischer Prinzipien und mit rücksichtsloser nationalistischer Kraftmeierei, der [...]
So kann jeder Populist und die Anhänger solcher Gestalten erkennen, wo die Reise hingeht: Ins Chaos, in die politische Isolation, bar jeglicher moralischer Prinzipien und mit rücksichtsloser nationalistischer Kraftmeierei, der Option einer möglichen kriegerischen Auseinandersetzung nähergerückt....
neutralfanw 27.09.2018
3.
Meine Abneigung gegenüber Trump ändert sich gerade Richtung Mitleid für Trump. Ignorieren ist genau das, was er nicht mag. Leider müssen wir noch sehr lange mit ihm und den Auswirkungen seines Handelns leben. Wir sollten nicht [...]
Meine Abneigung gegenüber Trump ändert sich gerade Richtung Mitleid für Trump. Ignorieren ist genau das, was er nicht mag. Leider müssen wir noch sehr lange mit ihm und den Auswirkungen seines Handelns leben. Wir sollten nicht vergessen, dass seine Wähler ihn weiterhin unterstützen und ebenso denken wie Trump. Es wird also ein langer Zeitraum für die Aufarbeitung werden.
jujo 27.09.2018
4. ....
Schade das Charly Chaplin nicht mehr lebt, er würde mit Sicherheit einen grandiosen satirischen Film über "the greatest president of all times" machen. Die einzige Hoffnung die ich z.Z. habe ist, daß, auch die von [...]
Schade das Charly Chaplin nicht mehr lebt, er würde mit Sicherheit einen grandiosen satirischen Film über "the greatest president of all times" machen. Die einzige Hoffnung die ich z.Z. habe ist, daß, auch die von Trump berufenen Leute, nicht ihr Hirn beim betreten des weßen Hauses an der Garderobe abgegeben haben. Siehe den Chef der FED.
latimer 27.09.2018
5. Gefährliche Situation!
Das Gelächter und die Missachtung sind sicher berechtigt und eine Befriedigung für die Weltgemeinschaft - wenn es denn nicht so verdammt ernst wäre! Wir erleben aktuell den Niedergang einer Weltmacht, mit all seinen Irrungen [...]
Das Gelächter und die Missachtung sind sicher berechtigt und eine Befriedigung für die Weltgemeinschaft - wenn es denn nicht so verdammt ernst wäre! Wir erleben aktuell den Niedergang einer Weltmacht, mit all seinen Irrungen und Wirren, die dabei auftreten können, und : Nach wie vor sind die USA die militärische und wirtschaftliche Großmacht, welche unsere Welt maßgeblich mit gestaltet. Und mit Trump handelt kein irrlichternder Egomaniac, sondern mit ihm die halbe USA, die ihn gewählt hat und tatsächlich (man will es nicht glauben) weiter hinter ihm steht.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP