Politik

Trumps Uno-Auftritt

Kiew im Kopf

Donald Trumps Rede vor der Uno-Vollversammlung war ungewöhnlich lustlos, trotz der üblichen Tiraden. Der eskalierende Ukraine-Skandal wirft seine Schatten voraus - kommt es zu einem Amtsenthebungsverfahren?

Stephanie Keith/Getty Images/AFP

Donald Trump: 36 Minuten vom Teleprompter

Von , New York
Dienstag, 24.09.2019   20:39 Uhr

Es gehört schon einiges dazu, die alljährliche Vollversammlung der Vereinten Nationen einzuschläfern. Das Uno-Plenum in New York ist an lange - und langatmige - Ansprachen gewöhnt, trotz der offiziell empfohlenen Redezeit von einer Viertelstunde.

Doch Donald Trumps überraschend apathischer Uno-Auftritt ist eine Kategorie für sich: 36 Minuten lang liest der US-Präsident seine Ansprache vom Teleprompter ab - ausdruckslos, gefühllos, lustlos. Seine Augen werden dabei immer schmaler und seine Worte immer leiser.

Sicher, für viele hier ist das fast eine Erleichterung, nach Trumps früheren, turbulenten Gastspielen am East River: 2017 verstörte er mit seiner "America First"-Rhetorik, 2018 erntete er höhnisches Gelächter. Diesmal dagegen wirkt er geistig fast abwesend - trotz seiner Lieblingsthemen: Patriotismus, Nationalismus, Egoismus.

Trumps Uno-Rede im Video: "Die Zukunft gehört den Patrioten"

Foto: SAUL LOEB / AFP

Er zeigt damit nicht nur seine Verachtung für die Uno: Man merke, dass er "hier so schnell wie möglich wieder weg will", spottet ein Kommentator später. Sondern offenbart vor allem auch, dass seine Gedanken in Wahrheit ganz woanders sind - bei der stündlich wachsenden Gefahr eines Amtsenthebungsverfahrens im eskalierenden Ukraine-Skandal.

Die Frontfrau der Demokraten, die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, wollte sich am Nachmittag der Trump-Rede zum weiteren Vorgehen eines sogenannten Impeachments äußern, wie mehrere US-Medien berichteten. Mit Spannung wurde erwartet, ob sich Pelosi für ein solches Verfahren aussprechen und womöglich konkrete Schritte ankündigen könnte. Trump kündigte seinerseits an, dass Dokumente zur eigenen Entlastung publik gemacht werden sollten. (Lesen Sie hier, was ein Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten bedeuten würde)

Diese Affäre und die drohenden Folgen verfolgten Trump am Morgen bis ins Foyer der Uno, wo er typisch verspätet eintrifft, 45 Minuten nachdem die Vollversammlung längst ohne ihn begonnen hat. Dutzende Reporter brüllen ihm da Fragen zu, und keine einzige dreht sich um die Vereinten Nationen.

Erst empört, dann phlegmatisch

Ob er den neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj - der an diesem Tag auch in New York ist - wirklich genötigt habe, seinen Rivalen Joe Biden zu diskreditieren? Ob er dazu fast 400 Millionen Dollar US-Militärhilfe als Druckmittel eingesetzt habe? Trump dementiert empört, erregt und hochroten Kopfes, zeichnet sich mit bekanntem Hype als Opfer einer Verschwörung, einer "Hexenjagd" wie bei der Russlandaffäre: "Das ist noch nie einem Präsidenten passiert."

Kurz darauf tritt ein ganz anderer, lethargischer Trump ans Uno-Podium. Schon gleich zu Anfang fällt er in den typischen Nörgel-Singsang, den er immer dann bemüht, wenn er Worte vorträgt, die andere für ihn geschrieben haben, doch die ihm selbst egal sind.

Und schon gleich zu Anfang schlägt diese Rede nationalistische Töne an, schließlich stammt auch sie aus der Feder seines ultrakonservativen Ghostwriters Stephen Miller: "Die Zukunft gehört nicht den Globalisten, sie gehört den Patrioten", proklamiert Trump - eine beißende Ironie in dieser Halle, in der sich mehr als 100 Staats- und Regierungsschefs versammelt haben, um nicht auseinander, sondern näher aneinander zu rücken, zumindest für ein paar Tage hier.

Doch selbst dieser Affront geht unter im Auditorium, wie der Rest der Rede. Trump betet seine klassischen Talking Points herunter, gespickt mit Übertreibungen und Unwahrheiten: Er schimpft auf China, Iran, Nordkorea und Venezuela, lobt seinen Handelskrieg, verteufelt "illegale Massenmigration". Manche im Saal nicken weg.

HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Geistig fast abwesend: Trump am Montag beim Uno-Klimagipfel

Bemerkenswert ist zugleich aber, wie nahtlos Trumps Nationalismus trotzdem in den aktuellen Trend passt: Alle Auftaktredner der Uno-Generaldebatte schlagen ähnliche Töne an.

Trump beim "Tag der Diktatoren"

Das ist eine Laune des Terminkalenders, der per Los bestimmt wird, symbolisiert aber auch den Vormarsch der Autokraten auf der Welt - vom brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro über den ägyptischen Diktator Abdel Fattah el-Sisi bis zum türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Sie alle sprechen quasi in einem Block: "Tag der Diktatoren an der Uno", schlagzeilt das Magazin "Politico" - "und Trump mittendrin".

Der US-Präsident liebt die Gesellschaft "starker" Herrscher. So soll er el-Sisi als "meinen Lieblingsdiktator" bezeichnet haben, und bei ihrem Tete-à-tete in New York nannte er ihn "meinen Freund" und "einen wahren Führer", der "absolut fantastische Dinge" erreicht habe.

Dass sich aber gerade auch Trump selbst immer weniger um demokratische Gepflogenheiten schert, zeigt er an der Uno ganz unverblümt - wenn er frei spricht und nicht vom Blatt liest. So beschimpft er die Reporter, die ihn bedrängen, als "verteufelt korrupt" und bellt, wenn Republikaner gemacht und gesagt hätten, was Biden gemacht und gesagt hat, würden Demokraten nach dem "elektrischen Stuhl" rufen.

Doch der aktuelle Ukraine-Skandal - bei dem sich Trumps autokratisches Denken ganz besonders offenbart - lässt sich nicht wegreden, weder mit einem phlegmatischen Uno-Vortrag noch mit Tiraden auf Journalisten. Während sich die Staatschefs und Delegierten auf Einladung von Uno-Generalsekretär António Guterres zum festlichen Lunch treffen, haben die US-Nachrichtensender nur ein Thema - ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten.

Anmerkung: In einer früheren Fassung war die Passage mit dem elektrischen Stuhl verkürzt zitiert worden. Wir haben sie präzisiert.

insgesamt 29 Beiträge
tutnet 24.09.2019
1. Impeachment
Schön wäre es, allein mit fehlt der Glaube
Schön wäre es, allein mit fehlt der Glaube
kh.frey 24.09.2019
2. O Gott
Amtsenthebung die zehnte. Träumen Sie weiter.
Amtsenthebung die zehnte. Träumen Sie weiter.
Der Souverän 24.09.2019
3. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte
Noch nie so einen erbärmlichen Präsidenten in USA und überall erlebt. Aber es wird bald aus sein mit dieser Witzfigur. Die spannende Frage danach: Geht es noch schlimmer? Den Amis trau ich inzwischen alles zu ...
Noch nie so einen erbärmlichen Präsidenten in USA und überall erlebt. Aber es wird bald aus sein mit dieser Witzfigur. Die spannende Frage danach: Geht es noch schlimmer? Den Amis trau ich inzwischen alles zu ...
Garak 24.09.2019
4. Die Demokraten erinnern mich an Wiley E Coyote!
Und Trump ist der Roadrunner der sie überlistet. Gerade in den U.S News die Nachricht das Trump morgen bereits die Mitschrift komplett veröffentlichen wird. Was machen die Demokraten wenn er dort keine Gegenleistung anbietet? [...]
Und Trump ist der Roadrunner der sie überlistet. Gerade in den U.S News die Nachricht das Trump morgen bereits die Mitschrift komplett veröffentlichen wird. Was machen die Demokraten wenn er dort keine Gegenleistung anbietet? Sie haben sich dann nach dem Rußland Hoax noch lächerlicher gemacht als sie es ohnehin schon waren. Vom ersten Tag an haben sie keine Alternativen zu Trumps Politik gehabt sondern nur das Mantra vertreten Trump ist schlecht. Sie können ja das Impeachment starten, Donald Trump ist aber zu gewieft, verschlagen wie immer man es nennen will um ihnen Beweise zu liefern. Ihnen bleibt am Ende nicht mehr als Hörensagen und darauf basierend bekommen sie nie die 67 Stimmen im Senat zusammen. Sie garantieren mit ihrem Verhalten eine Wiederwahl Trumps die sie doch eigentlich verhindern wollten.
Phil2302 24.09.2019
5. Jetzt aber wirklich
aber so wirklich richtig! Jetzt ist die Grenze überschritten, da gibt es kein Zurück. Das muss es endgültig gewesen sein. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich denke wirklich, dass es dieses Mal dazu kommen wird. Gähn. Ich kann es [...]
aber so wirklich richtig! Jetzt ist die Grenze überschritten, da gibt es kein Zurück. Das muss es endgültig gewesen sein. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich denke wirklich, dass es dieses Mal dazu kommen wird. Gähn. Ich kann es nicht mehr lesen. Warum sollte er gerade darüber stolpern?

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