Politik

Entwurf für Trumps erste ehrliche Rede

"Ihr könnt mich alle mal"

Der US-Präsident spricht in wenigen Stunden vor dem Kongress über die Lage der Nation. Was wäre, wenn er bei der Wahrheit bleiben würde? Manuskript für eine Rede, die Trump nie halten wird.

Getty Images

Donald Trump

Von , Washington
Dienstag, 05.02.2019   21:37 Uhr

Liebe Landsleute,

lassen Sie mich gleich mit den Höhepunkten einsteigen: Ich bin jeden Tag im Fernsehen, Milliarden Menschen kennen mich, Kim Jong Un hält mich für einen Staatsmann und Wladimir Putin ist mein Kumpel. Um nur einige Highlights zu nennen.

Bedanken möchte ich mich bei Nancy Pelosi, der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses. Ohne sie stünde ich nicht auf diesem Podium. Sie hat mich zuerst eingeladen, dann ausgeladen und wieder eingeladen, um vor Ihnen zu sprechen. Wie einen Clown bei einem Horror-Kindergeburtstag. Ich musste Teile der Regierung wochenlang lahmlegen, erst dann habe ich all das nicht bekommen, was ich wollte. Das ganze Shutdown-Drama hat sich gelohnt.

Nancy, du sitzt direkt hinter mir. Ich spüre deinen Atem. Es fühlt sich auf morbide Weise aufregend an. Du bist wie die Frau aus "Psycho", und ich meine nicht die aus der Dusche, sondern die im Keller. Ich liebe dich. Ich habe Angst vor dir.

Hinter uns liegt ein Jahr der guten Nachrichten. Die politischen Lager sind dank meiner Führung weiter auseinandergedriftet. Das Land ist zerrissener denn je, was mir eindeutig nutzt. Meine Zustimmungswerte liegen bei ungefähr 40 Prozent, ähnlich komfortabel wie Richard Nixon zwölf Monate vor seinem erzwungenen Rücktritt im Zuge der Watergate-Affäre. Das bedeutet, 40 Prozent der Amerikaner würden auch für Herrn Nilsson stimmen, das Äffchen von Pippi Langstrumpf, wenn es für die Republikaner antreten würde. Das bedeutet weiterhin, ich könnte die nächste Wahl gewinnen. Das ist bereits die nächste gute Nachricht: Natürlich trete ich noch mal an. Wer sich jeden Tag so wenig anstrengt wie ich, hat einen Sieg verdient.

Ich lenke den Staat so, wie ich die Trump-Organisation jahrzehntelang geführt habe: mit dem Geld anderer Leute. Voriges Jahr haben wir 779 Milliarden Dollar neue Schulden gemacht, und niemand könnte darauf so stolz sein wie ich. Dafür zahlen jetzt ganz gewöhnliche Menschen weniger Steuern, Milliardäre wie du und ich. Eher wie ich. Und damit kommen wir, abgesehen von mir selbst, zu meinem zweiten Lieblingsthema.

Wir brauchen eine Mauer entlang der Grenze zu Mexiko. Ich weiß, was viele denken: Die Zahl der illegalen Übertritte geht seit Jahren zurück, das größere Problem sind Familien mit Kindern, die vor Gewalt fliehen, nicht Kriminelle. Aber die Mauer ist die letzte und einzige Idee, die ich noch habe. Was erwartet ihr, wenn ihr einen Bauunternehmer zum Präsidenten wählt? Eine Mauer kann alles sein - ein paar Stahlstreben, ein Lattenzaun, eine 2000 Meilen lange Reihe von Pantomime-Spielern, die eine unsichtbare Wand abtasten. You name it. Ich werde nicht ruhen, bis Ann Coulter zufrieden ist, die Radiotante, die mich einen "größeren Schwächling" nannte als George Bush senior. Nur mal so hypothetisch, Ann: Was hältst du von der Pantomime-Geschichte?

Meine Kritiker meinen, ich sei gar nicht der große Dealmacher und Kompromisse-Onkel, der ich angeblich bin. Dazu sage ich: Ihr könnt mich alle mal. Es gibt Gesetze, die ich zusammen mit der Opposition geschmiedet habe. Und mit "ich" meine ich meinen Schwiegersohn Jared Kushner. Dank seiner Hilfe haben wir eine Justizreform durch den Kongress gebracht. Ehrlich gesagt fühle ich mich neben Jared, dem Streber, immer etwas unzureichend. Ich ahne, wie es sich anfühlt, mit ihm verheiratet zu sein. Ivanka, du hättest Tom Brady haben können, den Quarterback der New England Patriots. Stattdessen steht jeden Tag diese Büroklammer in meinem Büro, die aussieht, als würde sie sich von gegrillten Seepferdchen und den Träumen kleiner Kinder ernähren, und lächelt wie ein Serienkiller. Danke für nichts.

Nein, es ist nicht alles schlecht. Amerika hat neue Freunde auf der Welt. In Nordkorea, Russland, Saudi-Arabien, Ungarn. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, aber leider sind noch nicht überall Autokraten an der Macht. Glauben Sie mir, wir tun unser Bestes. Ich hege große Hoffnungen für Brasilien. Auch die Entwicklung in Italien gibt Anlass zum Optimismus.

Es liegt ein spannendes Jahr vor uns, falls spannend bedeutet: katastrophal. Sonderermittler Robert de Niro wird seinen Bericht vorlegen. Ich bin unschuldig. Ich hatte nie etwas mit dieser Frau, egal mit welcher. Außer sie sieht scharf aus. Ja, ich bin stolz darauf, politisch unkorrekt zu sein. Ebenfalls mit Spannung erwarte ich die Arbeit der vielen Kongressausschüsse, die du, Nancy, auf mich angesetzt hast. 2019 kann so weitergehen. Es gibt viel zu tun. Auf zum Golfplatz!

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