Politik

Trump in der Krise

Der einsame, wütende Kandidat

Die Chancen auf einen Wahlsieg schwinden, Vertraute distanzieren sich: In seiner Krise sucht Donald Trump in Ohio die Nähe zu seinen Hardcore-Fans. Szenen eines verbitterten Auftritts.

Foto: AFP
Aus Delaware County berichtet
Freitag, 21.10.2016   13:56 Uhr

Es fängt eigentlich an wie immer, plötzlich steht er da, er winkt und reckt seine Daumen in die Höhe, seine Leute rufen "USA! USA! USA!" Hier, auf dieser provisorischen Bühne, fühlt sich Donald Trump zu Hause. Kein Moderator, keine Clinton, er muss sich die Aufmerksamkeit nicht teilen. Nur er. "Gibt es etwas Schöneres als eine Trump-Veranstaltung?", ruft Trump. "Es ist wunderbar."

Donnerstagmittag in Zentral-Ohio: Trump ist ins Städtchen Delaware gekommen, es ist sein erster Auftritt nach der TV-Debatte. In der Halle auf dem Messegelände haben sich etwa tausend überwiegend weiße Amerikaner eingefunden. Sie tragen T-Shirts, auf denen Hillary Clinton aus einer Gefängniszelle guckt und Donald Trump als Superman zu sehen ist. Vor dem Eingang gibt es Cheesesteak-Sandwich, drinnen hängt von der Decke ein Dutzend US-Flaggen.

Trumps Welt. Oder jedenfalls das, was von ihr übrig ist.

AFP

Trump-Anhänger in Ohio

Es hat sich etwas getan in den vergangenen Tagen. Die Luft scheint rapide aus Trumps Wahlkampf zu entweichen. Der Umgang des Kandidaten mit Frauen hat viele Republikaner in einen Schockzustand versetzt. Prominente Parteifreunde wenden sich ab, der politische Direktor seiner Kampagne hat das Team verlassen. In traditionell konservativen Hochburgen fällt Trump in Umfragen zurück, und so richtig glaubt kaum noch jemand in seiner Partei daran, dass er im November gewinnen kann. Trump, der Mann der Massen, vereinsamt plötzlich.

Auch in Delaware lassen sich Anzeichen der Trump-Müdigkeit erkennen. Die Halle ist klein und trotzdem nicht voll. Das hat zwar den schönen Nebeneffekt, dass es weitaus weniger aggressiv zugeht, als man das gemeinhin von Trump-Veranstaltungen gewohnt ist. Aber gerade in Ohio sind Lücken im Publikum sehr überraschend. Hier, im industriell so gebeutelten Mittleren Westen, sitzen seine größten Fans, hier muss er gewinnen, wenn er gegen Clinton überhaupt irgendeine Chance haben will. "Vielen Dank den Feuerwehrleuten", ruft Trump von der Bühne. "Ihr habt so viele Menschen reingelassen. Und draußen stehen noch so viele!"

Draußen steht niemand mehr. Die, die reinwollten, sind schon lange drin.

Krise, Niederlage, drohendes Debakel? Von wegen. In Delaware redet Trump, als stünde er kurz vor der Präsidentschaft. Er verspricht seinen Anhängern einen "sehr, sehr großen Sieg" am 8. November. Die letzte TV-Debatte sei "erstaunlich gewesen", ruft er: "Jeder sagt, dass ich gewonnen habe." Ja, und Hillary Clinton - die sei die "korrupteste und unehrlichste Kandidatin, die es jemals gab". Sie müsse wegen ihrer Verflechtungen mit dem Großkapital und ihrer verheerenden Ideen eigentlich "zurücktreten". Clinton wolle "offene Grenzen im Mittleren Osten", so Trump: "Das heißt, ganze Generationen von radikalen Islamisten kommen an unsere Ufer!"

Es geht alles sehr schnell. Vom Sieg über Clinton zum Terror innerhalb weniger Minuten. Und immer ein neuer Superlativ.

REUTERS

Trump in Delaware, Ohio

Trump tritt fahrig auf, verbittert. Die drohende Niederlage nervt ihn, man merkt das, warum sonst sollte er das Wahlergebnis präventiv anzweifeln. Seine Weigerung bei der TV-Debatte, den Ausgang der Wahl in jedem Falle anzuerkennen, irritiert weite Teile Amerikas, aber Trump macht einfach weiter. "Ich werde absolut das Ergebnis dieser großartigen und historischen Wahl akzeptieren - wenn ich gewinne", ruft er. Lacher schallen durchs Publikum.

Foto: AFP

"Die Mücke muss weg"

Er spielt mit diesem Thema, heizt die Gerüchte um vermeintliche Wahlfälschungen an. Clinton habe Störer bezahlt, die seinem Wahlkampf schaden, schimpft Trump. "Sie tut alles dafür, um zu gewinnen", ruft er. Beweise für den Gewalteinsatz? Fehlen. Selbst Tote dürften ja abstimmen, behauptet er: "Wir hatten sogar mal einen Republikaner, der nach seinem Tod Demokrat wurde!" Beweise? Fehlen ebenfalls.

Eine Mücke kommt auf Trump zugeflogen. "Die Mücke muss weg. Ich bin ein bisschen nervös wegen Mücken in letzter Zeit. So mitten auf die Nase einen Stich zu kriegen, nein, das wollen wir nicht", sagt der Kandidat.

Trump hat immer schon in einer eigenen Sphäre gelebt, aber in diesen Tagen wirkt es, als karikiere er sich noch einmal selbst, um seinen Anhängern zu vermitteln, dass er noch da ist. Trump hoch zwei, wie beim Roulette, wenn man seine Verluste durch den doppelten Einsatz wieder wettzumachen hofft. Aber er kann nicht überdecken, wie sehr ihn seine Lage schmerzt. Das macht ihn so angreifbar.

AFP

Trump-Veranstaltung in Delaware

Barack Obama hat ihn gerade erst als heulenden Buben hingestellt, Clinton hat ihn vor einem Millionenpublikum als Marionette Wladimir Putins bezeichnet, Satiriker arbeiten sich an ihm ab, Künstlergruppen stellen ihn als Dummerchen dar. Für einen selbst ernannten starken Mann wie ihn sind das harte Tage.

Es geht jetzt um seine Agenda. "Amerika zuerst. So wird es sein", sagt Trump. Bei der Einwanderung, der Wirtschaft, dem Handel. "Unter mir", ruft er, "kommen eure Jobs zurück. Eure Steuern gehen runter. Eure Firmen werden Ohio nicht verlassen müssen." Themenwechsel. "Und wir werden Obamacare zurückdrehen und ersetzen. Ihr werdet eine tolle Krankenversicherung für einen Bruchteil der Kosten haben." Für seinen letzten Punkt gibt es rauschenden Beifall. Eine Frau schreit: "Trump for President!" Der Kandidat reckt wieder einen Daumen nach oben.

Er blickt ins Publikum. "In zehn, 20 oder 30 Jahren blickt ihr auf diese Veranstaltung zurück, auf diese Bewegung, wie sie noch nie jemand gesehen hat", ruft er. "Ihr blickt zurück auf die Wahl und sagt euch: Das war die wichtigste Stimme, die wir je abgegeben haben. Und hoffentlich seid ihr dann stolz auf euren Präsidenten. Denn er macht einen großartigen Job."

Trump verschwindet von der Bühne

Kein Händeschütteln, keine Unterschriften, keine Fotos. Die Musik geht an. "You Can't Always Get What You Want" schallt aus den Boxen, ein großer Hit der Rolling Stones. Trump gibt in den Katakomben zwei Fernsehinterviews. Er bricht beide ab, aus Frust über zwei kritische Fragen. Die Menschen verlassen die Halle. Es regnet. Ein Mann versucht noch, seine letzten Trump-T-Shirts zu verkaufen, packt schließlich seine Sachen.

Ein paar hundert Meter weiter, im lokalen Wahlkampfbüro des Kandidaten, haben die Mitarbeiter ebenfalls Feierabend gemacht. "Geschlossen" steht auf einem Schild in der Tür.

Clinton vs. Trump - Wer liegt in den Umfragen vorn?

insgesamt 254 Beiträge
Alfons Emsig 21.10.2016
1. Trump ein schlechter Verlierer
Der einstige Siegertyp inszeniert sich nun vorab schon als schlechter Verlierer. Fast glaubt man, er selbst habe diesen Zirkus satt.
Der einstige Siegertyp inszeniert sich nun vorab schon als schlechter Verlierer. Fast glaubt man, er selbst habe diesen Zirkus satt.
Plasmabruzzler 21.10.2016
2. Abwarten...
Bisher waren stets starke Schwankungen in den Umfrageergebnissen, auch als Trump schon angeblich in der Versenkung verschwand. Einst war in den Umfragen auch Al Gore vor Goerge W. Bush führend und verlor die Wahl dann doch noch. [...]
Bisher waren stets starke Schwankungen in den Umfrageergebnissen, auch als Trump schon angeblich in der Versenkung verschwand. Einst war in den Umfragen auch Al Gore vor Goerge W. Bush führend und verlor die Wahl dann doch noch. Und was auch unsere Medienlandschaft betrifft: ein teutonischer Wahlkampf ist nicht mit einem US-amerikanischen zu vergleichen.
thequickeningishappening 21.10.2016
3. Auf dem Fundraiser in New York heute
waren Alle beisammen. Als Trump loslegte, fiel der versammelten Elite die Kinnlade seitwaerts. Frau Clinton konterte mit der selben Giftmenge. Einfach irreal wenn's denn nicht so Ernst waere!
waren Alle beisammen. Als Trump loslegte, fiel der versammelten Elite die Kinnlade seitwaerts. Frau Clinton konterte mit der selben Giftmenge. Einfach irreal wenn's denn nicht so Ernst waere!
Bärthold 21.10.2016
4.
Er hat nach wie vor Chancen. Breite Bevölkerungsschichten sind, wie auch hier in Deutschland, einer rationalen Argumentation nicht zugänglich. Und die wählen gar seltsame Typen.
Er hat nach wie vor Chancen. Breite Bevölkerungsschichten sind, wie auch hier in Deutschland, einer rationalen Argumentation nicht zugänglich. Und die wählen gar seltsame Typen.
xxsawmillxx 21.10.2016
5. Okay...
Woher diese Infos SPON? Die letzte Debatte hat er aus neutraler Sicht klar gewonnen. Unter dem Livestream Video der Debatte auf Youtube, reingestellt von NBC handeln alle der 50 TOP Kommentare über Hillary undzwar im negativen. [...]
Woher diese Infos SPON? Die letzte Debatte hat er aus neutraler Sicht klar gewonnen. Unter dem Livestream Video der Debatte auf Youtube, reingestellt von NBC handeln alle der 50 TOP Kommentare über Hillary undzwar im negativen. Egal wo ich schaue, die Mehrheit der Amerikaner ist GEGEN Clinton und für Trump. Er hat die letzte Debatte klar gewonnen. Aber man schreibt was Atlantik-Brücke und Co diktieren... verstehe schon
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