Politik

Giulianis Rolle in der Ukraine-Affäre

Trumps Strippenzieher

Rudy Giuliani ist Donald Trumps bissiger Privatanwalt. Die Ukraine-Enthüllungen legen nahe, dass der frühere Bürgermeister von New York in der Whistleblower-Affäre eine ominöse Rolle gespielt hat.

Evan Vucci/ AP

Im Skandal vereint: Trump und sein Privatanwalt Rudy Giuliani (2016)

Von , New York
Freitag, 27.09.2019   08:43 Uhr

Lange nicht mehr hat ein einziges Dokument Washington so aufgerüttelt wie die Beschwerde eines Whistleblowers über Donald Trumps Ukraine-Politik. Die neun Seiten enthalten dramatische Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen den US-Präsidenten und mehrere enge Mitarbeiter - und könnten zu einem Amtsenthebungsverfahren führen.

Neben Trump wird dort zum Beispiel auch US-Justizminister William Barr belastet: Er soll mitgeholfen haben, die ukrainische Führung unter Druck zu setzen, um Trumps demokratischen Rivalen Joe Biden zu diskreditieren.

Doch der Trump-Vasall, den der anonyme Insider in seinem Bericht namentlich am häufigsten anklagt - als einen Hauptakteur des eskalierenden Ukraine-Skandals - ist gar kein US-Regierungsangestellter: Es ist Rudy Giuliani, der frühere Bürgermeister von New York. Trumps Privatanwalt.

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Insgesamt 31-mal taucht Giulianis Name in dem Dokument auf, mehr als sonst einer außer Trump selbst. "Mr. Rudolph Giuliani", steht dort ganz zu Anfang über die Ukraine-Kampagne gegen Biden, "ist eine zentrale Figur bei dieser Bemühung".

Eigentlich war Giuliani, 75, zuletzt eher für seine bizarren TV-Auftritte bekannt. Seit Monaten tingelt er durch die US-Sender, um Trump zu verteidigen: mit wirren, wilden Interviews, bei denen er brüllt, gestikuliert und sich selbst widerspricht. Es ist eine unterhaltsame Strategie, mit der er sich freiwillig zum Narren zu machen scheint - doch die ihm schon in der Russlandaffäre dazu diente, lästige Fakten zu vernebeln.

Der Ukraine-Skandal legt nun aber nahe, dass Giuliani hinter den Kulissen eine wesentlich ominösere Rolle spielte.

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Foto: ERIK S LESSER/EPA-EFE/REX

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Giuliani - der nicht vom Weißen Haus bezahlt wird, sondern angeblich pro bono arbeitet, als Trumps privater Ausputzer - sei dessen "persönlicher Botschafter" für die Ukraine gewesen, heißt es da. Sprich: an der damaligen US-Botschafterin vorbei, der angesehenen Diplomatin Marie Yovanovitch, die im Mai vorzeitig geschasst wurde.

Giuliani betrieb demnach einen Geheimkanal nach Kiew, um "Nachrichten" Trumps zu übermitteln und Ukraines Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu drängen "mitzuspielen" - mutmaßlich in Sachen Biden. Dabei habe er bewusst den offiziellen "Entscheidungsprozess der nationalen Sicherheit umgangen", so der Whistleblower. EU-Botschafter Gordon Sondland und der Ukraine-Beauftragte Kurt Volker hätten vergeblich versucht, "den Schaden zu begrenzen", den Giuliani angerichtet habe.

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Giuliani hat die Ukraine-Kontakte bestätigt. So fragte ihn CNN-Moderator Chris Cuomo neulich, ob er Kiew im Namen Trumps genötigt habe, gegen Biden zu ermitteln. Erst sagte Giuliani: "Nein, habe ich nicht." Eine Minute später antwortete er auf dieselbe Frage: "Natürlich habe ich das!"

Und zwar, wie Giuliani später behauptete, weil er vom US-Außenministerium ausdrücklich darum "gebeten" worden sei. "Giuliani ist ein Privatbürger", dementierte das Ministerium jedoch. "Er spricht nicht für die US-Regierung."

Oder doch? "Rudy weiß sehr gut, was Sache ist, und er ist ein sehr fähiger Kerl", sagte Trump in seinem Juli-Telefonat mit Selenskyj, dessen Protokoll die Enthüllungen diese Woche lostrat. "Wenn Sie mit ihm sprechen könnten, wäre das toll."

Giuliani war also nicht nur Trumps TV-Pitbull, sondern sein Strippenzieher im Schatten - eine ganz neue Seite von "America's Mayor", des einst verehrten Helden einer wunden Nation.

Nach den 9/11-Terroranschlägen war das: Da stapfte der Bürgermeister durch das traumatisierte New York, er kümmerte sich um Feuerwehrleute, Polizisten und Verwundete. Er wandte sich dezent von den Kameras ab, um seine Tränen zu verbergen, sorgte dafür, dass auch sein übernächtigter Stab im Rathaus psychiatrische Hilfe bekam.

Damals galt Giuliani als Amerikas Tröster, Heiler und Mutmacher, personifizierte das mythische Durchhaltevermögen Amerikas. "Turm der Stärke", titelte das Magazin "Time" auf seinem Cover, als es ihn zum "Mann des Jahres" 2001 ernannte.

Spencer Platt/ AFP

Heroische Aura: Giuliani bei der 9/11-Gedenkfeier im September in New York

Giuliani kultivierte diese - weitgehend fiktive - Heldenaura zum Markenzeichen, indem er später eine Beratungs- und Sicherheitsfirma gründete, die ihn zum Multimillionär machte. Hype und Hybris ließen vergessen, dass er einer der kontroversesten Bürgermeister New Yorks gewesen war.

Das verbindet ihn auch mit Trump, den er seit den Achtzigerjahren kennt, als sie beide parallel in der New Yorker Society aufstiegen. Zu Trumps Skandal-Handlanger wurde Giuliani aber erst im Wahlkampf 2016 - und endgültig im April 2018, als Trump in der Russlandaffäre seine Rechtsberater auswechselte.

Seinem heroischen Ruf trauert Giuliani freilich hinterher. "Es ist unmöglich, dass der Whistleblower ein Held ist und ich nicht", echauffierte er sich am Donnerstag in einem Telefongespräch mit dem Magazin "Atlantic". "Diese Idioten - wenn das vorbei ist, werde ich der Held sein."

insgesamt 127 Beiträge
sven2016 27.09.2019
1. Nach übereinstimmender Meinung
der juristischen Kommentatoren in amerikanischen Medien, auch der rechten, war Herr Giuliani nicht als Anwalt für Trump tätig, sondern immer als ein Cohen 2.0 für schmutzige Kampagnen zuständig, ähnlich wie Roger Stone [...]
der juristischen Kommentatoren in amerikanischen Medien, auch der rechten, war Herr Giuliani nicht als Anwalt für Trump tätig, sondern immer als ein Cohen 2.0 für schmutzige Kampagnen zuständig, ähnlich wie Roger Stone außerhalb der Trump-Kushner-Familie. Giuliani und Frau Conway starten dauernd neue Kontroversen, um vom eigentlichen Thema abzulenken. Conway hat mit ihrer Wähleranalytik-Firma die Wahlkampagne 2016 mitgesteuert, Giuliani knüpft seit Jahren Kontakte mit Oligarchen und Gangstern in den SU-Nachfolgestaaten, von Tadschikistan bis Ukraine und Polen.
leonardo_71 27.09.2019
2. Erinnerung und Geduld
Was Trump und Johnson im Besonderen und die gegenwärtige Politik im Allgemeinen angeht, bleibt bei aller augenblicklichen Frustration nur die Gewissheit, dass die Geschichte nicht lügt. Sie werden als das beschrieben werden, was [...]
Was Trump und Johnson im Besonderen und die gegenwärtige Politik im Allgemeinen angeht, bleibt bei aller augenblicklichen Frustration nur die Gewissheit, dass die Geschichte nicht lügt. Sie werden als das beschrieben werden, was sie waren, sind und wohl Zeit ihres Lebens bleiben werden: Anti-Demokraten, Hochstapler, Lügner, Aufwiegler, Spalter, Dealmaker, Egoshooter. Sie haben kein Interesse an der Nation, die sie vermeintlich so hochhalten und kein Interesse an der Bevölkerung in all ihrer Heterogenität. Sie haben Interesse an sich selbst und dem eigenen Erfolg, wie kurzzeitig er auch sein mag und wie sehr sie sich diesen auch einreden müssen. Was tatsächlich und über die Geschichte hinaus von ihnen bleiben wird ist ein immenser Flurschaden was Werte, Vertrauen, Selbst- und vor allem Fremdbild angeht. Die USA, so wie sie Trump heute vertritt, Großbritannien, wie es Johnson prophezeit, werden Jahre und vielleicht Jahrzehnte brauchen, bis sie altes Ansehen zurückgewonnen haben. Ihren Steigbügelhaltern, Schergen und Emporkömmlingen (um nicht zu sagen Ratten aus ihren Löchern) kann man heute nur mahnend mit auf den Weg geben, dass die Geschichte auch ihre Namen nennen wird, als eben das, was sie waren. Sie alle verdienen unsere Abscheu, unseren Widerstand, unsere Erinnerung und - für die Zwischenzeiten - unsere Geduld.
dr_gb 27.09.2019
3. Niederträchtige Feinde
gibt es leider. Und denen darf man exakt solche Freunde in Anwaltsrobe, wie jenen Gulli Rudy wünschen.
gibt es leider. Und denen darf man exakt solche Freunde in Anwaltsrobe, wie jenen Gulli Rudy wünschen.
scharfekante 27.09.2019
4.
Die Art und Weise, wie die, auch deutschen, linksliberalen Medien versuchen, den demokratischen Wahlkaempfer Joe Biden aus dem Skandal herauszuhalten und so zu tun, als sei der Sohn des damals fuer die Ukraine zustaendigen [...]
Die Art und Weise, wie die, auch deutschen, linksliberalen Medien versuchen, den demokratischen Wahlkaempfer Joe Biden aus dem Skandal herauszuhalten und so zu tun, als sei der Sohn des damals fuer die Ukraine zustaendigen US-Ministers Biden rein zufaellig in den Aufsichtsrat einer dubiosen ukrainischen Gesellschaft gelangt, beleidigt unsere Intelligenz. Ich hoffe doch sehr, dass aus gegebenemAnlass die Verwicklungen und Machenschaften des Biden-Clans in der Ukraine ebenso kritisch untersucht werden wie diejenige der Trump-Familie, und zwar moeglichst bald!
finchen0598 27.09.2019
5. ....sprachlos...
Politik ist ein schmutziges Geschäft, das ist mir schon immer klar gewesen. Aber immer mit dem übergeordneten Ziel, die situation für die eigene Bevölverung zu verbessern. Das klappt mal gut , mal schlecht, manchmal gar nicht [...]
Politik ist ein schmutziges Geschäft, das ist mir schon immer klar gewesen. Aber immer mit dem übergeordneten Ziel, die situation für die eigene Bevölverung zu verbessern. Das klappt mal gut , mal schlecht, manchmal gar nicht und wenn sich ein demokratisches System etabliert hat und es gewisse Mechanismen zur Kontrolle gibt neigt man dazu anzunehmen, dass die gröbste Korruption und dunklen Machenschaften eingedämmt sind.... Und dann wird ein Charakter wie Donald Trump gewählt und alle guten Sitten und Moral und Wertvorstellungen bedeuten nichts mehr und man hat das Gefühl, dass keiner in der Lage ist oder will dagegen zu gehen. Und er treibt sein Spiel dermaßen auf die Spitze, dass es nun endlich auch eine Impeachment-Untersuchung angestoßen wurde. Aber ich fürchte, die Verderbtheit ist schon so weit fortgeschritten innerhalb der Grand ole Party, dass es folgenlos bleiben wird.....schade

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