Politik

Trumps neue Wahlkampftaktik

Mal fies, mal nett

Der US-Präsident poltert wie gewohnt, will aber zugleich mit einer Charmeoffensive moderate Wähler für sich gewinnen. Einige seiner Unterstützer bringen sogar die Auswechslung von Vizepräsident Mike Pence ins Gespräch.

KEVIN DIETSCH/POOL/EPA-EFE/REX

Donald Trump: Viele Wähler der politischen Mitte haben mit ihm ein Problem - eine Charmeoffensive soll helfen

Von , Washington
Dienstag, 25.06.2019   10:01 Uhr

Wenn Donald Trump Interviews gewährt, dann gibt es für ihn in der Regel nur eine Adresse: den konservativen Sender Fox News. Da kann er sich einer wohlwollenden Befragung sicher sein.

Doch im Moment ist im Hause Trump einiges anders. Der US-Präsident spricht plötzlich auch wieder exklusiv mit Reportern und TV-Sendern, die er sonst gern als "Fake News" oder "Feinde des Volkes" beschimpft.

Gerade erst konnte der linksliberale Journalist Chuck Todd vom Trump-kritischen Sender NBC den Präsidenten im Weißen Haus interviewen. Todd, den Trump einst als Hurensohn ("son of a bitch") bezeichnet hat, durfte fragen, was er wollte. Trump antwortete ungewohnt höflich und geduldig.

Kurz zuvor hatte Trump bereits dem ABC-Journalisten und früheren Pressesprecher von Bill Clinton, George Stephanopoulos, exklusiven Zugang gewährt. Der Präsident ließ den Reporter in seiner Limousine mitfahren, plauderte mit ihm über das Leben im Weißen Haus. Am Ende nannte er Stephanopoulos sogar noch einen "netten Kerl". Sonst verspottet er den ABC-Mann wegen seiner geringen Körpergröße als "Little George".

Trumps neue Offenheit gegenüber kritischen Medien kommt nicht von Ungefähr: Er steht unter Druck, ihm droht bei der Präsidentenwahl im kommenden Jahr eine Niederlage. Es gibt praktisch keine Umfrage, in der er momentan im direkten Vergleich nicht um viele Prozentpunkte hinter möglichen demokratischen Herausforderern wie Joe Biden oder Elizabeth Warren zurückliegt.

Immer deutlicher wird, dass sich viele Wähler und Wählerinnen aus der klassischen Mitte der Gesellschaft, die sogenannten Independents, von Trump abwenden. Sein ganzer Stil, seine spalterische und zum Teil chaotische Politik schreckt ab.

Wenn Trump bei der Wahl 2020 eine Chance haben will, muss er diesen Trend bald stoppen. Für den heraufziehenden Wahlkampf scheint er deshalb eine neue Doppelstrategie zu testen. Er ist mal fies, mal nett.

Trumps harte Seite

Seiner treuen Basis bietet er mit den typischen Twitter-Pöbeleien und mit seinen großen Auftritten im Land weiterhin "Trump pur": Da wettert er gegen Migranten und gegen die Demokraten, die angeblich in den USA den "Sozialismus" einführen wollten. Natürlich zieht er auch in gewohnter Form über seine Konkurrenten her, etwa, wenn er Joe Biden als "Schlafmütze" und "Dummkopf" verspottet. Oder er macht sich über die Journalistin Jean Carroll lustig, die ihn beschuldigt, sie vor 20 Jahren vergewaltigt zu haben: "Sie ist nicht mein Typ."

Trumps weichere Seite

Doch zugleich wendet sich Trump erstmals seit langer Zeit wieder gezielt an die Zuschauer jenseits der Blase von Fox News. Plötzlich zeigt er gelegentlich eine weichere, fast schon zahme Seite, ganz offensichtlich, um seinen Stand bei Wählern der Mitte zu verbessern.

Manchmal ist der neue Kuschel-Trump kaum mehr wiederzuerkennen: Im Interview mit NBC tat Trump so, als hielte er die Trennung von Einwandererfamilien an der Grenze zu Mexiko durch die US-Behörden selbst auch für eine ganz schlimme Sache. Die Praxis, Eltern von ihren Kindern zu trennen, sei unter Präsident Barack Obama eingeführt worden. "Ich habe das beendet", erklärte er. Eine kühne Behauptung, denn in Wahrheit wurde die "Null-Toleranz-Politik" an der Grenze erst von seiner Regierung eingeführt.

Videoanalyse zum Wahlkampfauftakt: "Trump muss sich anstrengen"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Und so geht das weiter: Völlig überraschend stoppte Trump eine für Anfang der Woche geplante Großrazzia der Ausländerbehörden, bei der in mehreren US-Städten Migranten festgesetzt werden sollten, um sie abzuschieben. Dies sei als Zeichen des guten Willens gedacht, um mit den Demokraten über einen Kompromiss zur Einwanderungspolitik ins Gespräch zu kommen, verkündete Trump ungewohnt freundlich.

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Auch Trumps Entscheidung, in letzter Minute einen Angriff auf Iran abzublasen, passt in dieses Bild: Zufrieden stellte der Präsident fest, dass er dafür über die Parteigrenzen hinweg reichlich Zuspruch bekam, sogar von Demokraten. Trump weiß nur zu genau, dass nicht nur seine Wähler, sondern mit ihnen auch viele andere Amerikaner seit den Einsätzen im Irak und in Afghanistan kriegsmüde sind. Einen neuen Waffengang des US-Militärs würde Trumps Beliebtheitswerte wohl noch weiter in den Keller rauschen lassen. So verzichtet er einstweilen auf militärische Gewalt und verschärft lieber die Sanktionen gegen die Mullahs in Teheran.

Gegenüber den Interviewern der linksliberalen Medien gibt sich der Präsident regelrecht sanftmütig, wenn es um den Einsatz des Militärs geht. Statt verbal mit dem Säbel zu rasseln, erklärt er lieber andere indirekt zu Kriegstreibern, zum Beispiel seinen eigenen Sicherheitsberater John Bolton: "John Bolton ist ein absoluter Falke", sagte Trump bei NBC. "Wenn es nur nach ihm ginge, würde er sich mit der ganzen Welt gleichzeitig anlegen."

Nikki Haley statt Mike Pence?

Dass viele Wähler der politischen Mitte mit Trump ein Problem haben, dämmert wohl inzwischen auch so manchem seiner Unterstützer. Im Trump-treuen "Wall Street Journal" von Medienzar Rupert Murdoch machte ein Kolumnist dem Präsidenten in dieser Woche einen überraschenden Vorschlag: Trump sollte doch für die Wahl im kommenden Jahr den stramm-konservativen Vizepräsidenten Mike Pence durch die eher moderate Republikanerin Nikki Haley ersetzen. Nur so könne er vor allem viele Wählerinnen aus den Vororten der großen Städte zurückgewinnen, heißt es in der Zeitung.

Ob sich Trump an diesen und andere Ratschläge halten wird, darf indes bezweifelt werden. Schon in der Vergangenheit folgte der Instinktpolitiker bekanntlich nur einer einzigen Expertenmeinung in Sachen Wahlkampf - seiner eigenen.

So ist denn auch völlig offen, ob Trumps neuer Kuschelkurs gegenüber moderaten Medien und Wählern anhalten wird. Ähnlich wie jetzt gab es bereits im Wahlkampf 2016 Phasen, in denen er versuchte, freundlichere Töne anzuschlagen.

Sie waren selten von langer Dauer.

insgesamt 67 Beiträge
Phil2302 25.06.2019
1. Trump lag auch damals hinten im direkten Vergleich
Es gab nur eine Kandidatin, gegen die er realistische Chancen hatte. Und die hat er dann besiegt. Vielleicht wies Biden ja noch verhindert, schließlich ist er doch ein alter weißer Mann
Es gab nur eine Kandidatin, gegen die er realistische Chancen hatte. Und die hat er dann besiegt. Vielleicht wies Biden ja noch verhindert, schließlich ist er doch ein alter weißer Mann
Fuxx2000 25.06.2019
2. Der Hauptkonkurrent
Von Biden ist aktuell Bernie Sanders, der Trump auch schon in der letzten Wahl geschlagen hätte. Seine Umfragewerte waren immer deutlich besser als die von HRC. EW hat deutlich schlechtere Werte, VOR ALLEM wenn es in den direkten [...]
Von Biden ist aktuell Bernie Sanders, der Trump auch schon in der letzten Wahl geschlagen hätte. Seine Umfragewerte waren immer deutlich besser als die von HRC. EW hat deutlich schlechtere Werte, VOR ALLEM wenn es in den direkten Vergleich zu Trump geht. Wird sie die Kandidatin, kann man sich auf weitere Trump Jahre einstellen. Aktuell deutet alles auf Biden hin. Da aber auch er nicht viel verändern wird (außer netter reden), wird es danach vermutlich umso schlimmer werden. Dann dürfen wir uns vermutlich auf einen Trump 3.0 einstellen, denn noch einmal werden sich die Amerikaner nicht einlullen lassen...
chrimirk 25.06.2019
3. "Tiefer hängen"
Dieser sog. Präsident ist es nicht wert ständig von ihm/über ihn was lesen zu müssen. Schade um die Lesezeit. Er hat ganz einfach nichts zu sagen. Und die US-Bürger werden schon bald selbst für die unbedingt erforderliche [...]
Dieser sog. Präsident ist es nicht wert ständig von ihm/über ihn was lesen zu müssen. Schade um die Lesezeit. Er hat ganz einfach nichts zu sagen. Und die US-Bürger werden schon bald selbst für die unbedingt erforderliche Änderung sorgen.
vegefranz 25.06.2019
4. er ist ein erfolgreicher Präsident
Trump 2020 ist daher sehr wahrscheinlich. Trotz - oder gerade wegen - der ständigen Haßkampagnen bestimmter selbsternannter Intellektueller. Er hat gewisse Persönlichkeitsdefizite, aber er erreicht etwas für die Bürger des [...]
Trump 2020 ist daher sehr wahrscheinlich. Trotz - oder gerade wegen - der ständigen Haßkampagnen bestimmter selbsternannter Intellektueller. Er hat gewisse Persönlichkeitsdefizite, aber er erreicht etwas für die Bürger des Landes. Die Wirtschaft brummt und viele Jobs sind entstanden.
jens.kramer 25.06.2019
5. Falsche Strategie
Die Wähler werden sich an der Wahlurne nicht nach Trumps aktueller Gefühlslage richten, sondern seine Erfolge oder sein Versagen beurteilen. Und da sieht es, was die US-Wirtschaft, im Besonderen der Export von US-Gütern nach [...]
Die Wähler werden sich an der Wahlurne nicht nach Trumps aktueller Gefühlslage richten, sondern seine Erfolge oder sein Versagen beurteilen. Und da sieht es, was die US-Wirtschaft, im Besonderen der Export von US-Gütern nach China angeht, schlecht aus. Die Abschottungspolitik Trumps führt inzwischen zu heftigen Wettbewerbsnachteilen für viele US-Lieferanten. Während China US-Güter höher besteuert, senkt China Importzölle für Güter aus anderen Ländern: https://piie.com/research/piie-charts/china-raising-tariffs-united-states-and-lowering-them-everybody-else

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