Politik

Mexikos Reaktion auf Massaker in USA

"Umarmungen, keine Schießereien"

Die Regierung in Mexiko verurteilt das Massaker von El Paso, doch der Ton bleibt erstaunlich diplomatisch. Mehr noch als weitere Anschläge fürchtet das Land die Abhängigkeit vom großen Nachbarn.

Jose Luis Gonzalez / Reuters

Gedenkmarsch in El Paso nach dem Massaker: "Wir sind keine fernen Nachbarn"

Von , Mexiko-Stadt
Montag, 05.08.2019   22:59 Uhr

Am Montag ist die Zahl der Todesopfer noch einmal gestiegen. Mindestens 22 Menschen seien bei dem Massaker in El Paso getötet worden, teilte die Polizei mit. Zwei weitere Personen, die bei der Attacke verletzt worden waren, seien ihren Verletzungen erlegen.

Details nannten die Behörden nicht, etwa, ob es sich um mexikanische Staatsangehörige handelt - sieben sind bisher unter den Opfern. Schon jetzt betrachtet Mexiko den Massenmord in Texas als "Terrorismus gegen die mexikoamerikanische Gemeinschaft" und erwägt eine "internationale Anklage" gegen den Todesschützen. Die Staatsanwaltschaft werde prüfen, ob es eine juristische Grundlage gebe, um die Auslieferung des Täters zu beantragen, sagte Außenminister Marcelo Ebrard am Sonntag - es wäre "die erste Forderung dieser Art in der Geschichte".

Seine Ankündigung klingt pompös, doch die Eröffnung eines Verfahrens verfolge vor allem ein praktisches Ziel, so Ebrard: Sie "erlaube, dass Mexiko Zugang zu Informationen erhalte, die aus den Untersuchungen in den USA resultieren". So lasse sich herausfinden, ob es weitere "potenzielle Beteiligte" gebe, die das Leben der Mexikaner in den USA bedrohten. Mexikos Regierung sorgt sich offenbar, dass das Massaker von El Paso der Auftakt zu einer Serie von Attentaten gegen Lateinamerikaner in den USA sein könnte.

MARIO GUZMAN/EPA-EFE/REX

Mexikos Außenminister Marcelo Ebrard: "Erste Forderung dieser Art in der Geschichte"

Mit Kritik an US-Präsident Donald Trump, der die Latinos oft mit rassistischen Sprüchen verunglimpft hat, hielten sich Ebrard und Mexikos linkspopulistischer Präsident Andrés Manuel López Obrador dagegen zurück. "Sie vergessen den Diskurs des antimexikanischen Hasses und seinen wichtigsten Verkünder", kritisierte der ehemalige mexikanische Außenminister Jorge G. Castañeda in seiner Kolumne in der Zeitung "El Financiero".

López Obrador bleibt damit der Linie treu, die er bereits im Wahlkampf und während der Migrationskrise praktizierte: Er vermeidet jegliche direkte Konfrontation mit Trump, auch wenn er dafür im eigenen Land kritisiert wird. Es ist seine Überzeugung, dass Mexiko zu abhängig von den USA sei, es könne im Konflikt mit dem mächtigen Nachbarn nicht gewinnen. Nur an den lockeren Waffengesetzen in den USA übte er Kritik: Das Attentat solle zu "einer Reflexion" anregen, ob der Waffenverkauf nicht stärker kontrolliert werden sollte.

80 Prozent der Einwohner von El Paso sind mexikanischer Abstammung

Mexiko wolle "Umarmungen, keine Schießereien", sagte López Obrador am Sonntag. "Uns einen viele historische Bande", erläuterte er während seiner morgendlichen Pressekonferenz am Montag. Die Grenzorte El Paso und Ciudad Juárez seien "Bruderstädte", Mexikaner und US-Amerikaner würden seit Jahrhunderten zusammenleben: "Wir sind keine fernen Nachbarn".

López Obrador spielte damit auf den Titel eines bekannten Buchs des US-amerikanischen Journalisten Alan Riding aus den Achtzigerjahren an. Riding schrieb, dass die Beziehung zwischen Mexiko und den USA von tiefem Unverständnis geprägt sei.

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El Paso: Massaker im Supermarkt

Dieses Unverständnis sei unter Trump bei vielen US-Amerikanern in tiefen Hass umgeschlagen, glaubt der mexikanische Historiker Lorenzo Meyer: "Trump ist Rassist", sagte Meyer am Montagmorgen im Radioprogramm der prominenten mexikanischen Journalistin Carmen Aristegui. "Er hat den Hass auf die Mexikaner angeheizt".

Dieser Hass, den der Todesschütze von El Paso in seinem Internetmanifest zum Ausdruck gebracht hat, habe historische Wurzeln, so Meyer: "Der Rassismus hat die Kolonisierung Amerikas durch die Europäer geprägt". Anders als die europäischen Einwanderer in den USA hätten die mexikanischen Migranten nie ihre Verbindungen in die Heimat gekappt. "Sie sprechen weiter Spanisch und vertreten ihre eigenen Werte. Mexiko liegt schließlich nebenan."

Rechtsextreme US-Amerikaner glaubten deshalb, dass sie durch die Migration der Hispanics "ihre Identität verlieren", so Meyer. Das sei "nicht nur ein Problem für Psychiater und Politiker", sondern betreffe "alle gesellschaftlichen Schichten in den USA".

Video aus El Paso: "Das Land hat eigentlich gar keine Zeit zu trauern"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Hinzu kommt, dass Mexiko wegen des Drogenhandels und der überbordenden Gewalt in den vergangenen Jahren in den USA zu einem dystopischen Gegenbild zur angeblich heilen Welt in den USA geworden ist. Vor allem El Pasos mexikanische Schwesterstadt Ciudad Juárez wurde zu einem Sinnbild als Hochburg von "Bad Hombres", wie Trump pauschal die Mexikaner im Wahlkampf verunglimpfte. Eine rätselhafte Serie von Frauenmorden und die blutigen Kämpfe der Drogenkartelle inspirierten Filme, Bücher und Fernsehserien, sie trugen zu diesem Image bei.

Mehrere Jahre lang führte die Stadt weltweit die Mordstatistik an, während das gegenüberliegende El Paso als eine der sichersten Städte der USA galt. 80 Prozent der Einwohner von El Paso sind mexikanischer Abstammung, die Stadt wird wie viele Grenzgemeinden der USA von Demokraten regiert. An der ethnischen Zusammensetzung kann es also nicht liegen, dass es auf der einen Seite der Grenze zu weniger Verbrechen kommt als auf der anderen.

Doch gegen solche Einsichten sind die Rechtsextremen in den USA offenbar immun. Der Attentäter von El Paso fuhr mehr als neun Stunden mit dem Auto zum Ort seines Verbrechens. Er hatte es offenbar gezielt auf eine Stadt mit einem hohen Anteil an Mexikanern abgesehen.

insgesamt 21 Beiträge
eagle2014 05.08.2019
1. Aha
Jeden Tag Anti-Amerikanismus und Antisemitismus hier, wann werden wir wieder mal journalistisch neutrale Berichte zu lesen bekommen?
Jeden Tag Anti-Amerikanismus und Antisemitismus hier, wann werden wir wieder mal journalistisch neutrale Berichte zu lesen bekommen?
johannmeier 05.08.2019
2. Ausgerechnet der shithole Staat Mexico
Heimat von Geaklt und Drogenverbrechen und unglaublicher Bestechlichkeit der Regierung. Dieser miese Gewaltstaat hat keinerlei moralische Berechtigung das Maul aufzumachen.
Heimat von Geaklt und Drogenverbrechen und unglaublicher Bestechlichkeit der Regierung. Dieser miese Gewaltstaat hat keinerlei moralische Berechtigung das Maul aufzumachen.
Der Pragmatist 05.08.2019
3. Verständlich
Natuerlich ist Mexiko empörest ueber die Mordtaten in El Paso. Jeder anständige Mensch ist empört darueber. ABER, was nicht unterschlagen werden darf, ist dass Mexiko eines der moerderischsten Laender der Welt ist. Die Mordrate [...]
Natuerlich ist Mexiko empörest ueber die Mordtaten in El Paso. Jeder anständige Mensch ist empört darueber. ABER, was nicht unterschlagen werden darf, ist dass Mexiko eines der moerderischsten Laender der Welt ist. Die Mordrate in Mexiko ist ein Vielfaches der Mordrate in den USA. Die mexikanische Regierung hat allen Grund, sich ueber die Morde in El Paso zu empören. ABER, die mexikanische Regierung sollte wirklich einmal im eigenen Land aufraeumen
Beagle-Fan 05.08.2019
4. Wer oder Was
Wer ist ein Rassist? Was ist Rassismus. Da sind die Deutschen Politiker gleich mit dabei, wenn jemand gegen den Mainstream redet. Ist das dann ansteckend oder eine Pflicht zu morden. Ist ja so einfach.Wenn bei diesem Massaker 29 [...]
Wer ist ein Rassist? Was ist Rassismus. Da sind die Deutschen Politiker gleich mit dabei, wenn jemand gegen den Mainstream redet. Ist das dann ansteckend oder eine Pflicht zu morden. Ist ja so einfach.Wenn bei diesem Massaker 29 Menschen getötet werden und Merkel tief betroffen, bestürzt ist und kondoliert, ist das richtig und GUT. Wenn aber in Frankfurt ein kleiner Bub in den Gleisen stirbt, höre ich keinen Ton von Merkel, und das ist nicht GUT!!!
kalim.karemi 06.08.2019
5. Mexiko der Hort des Friedens
Wie wäre es damit or der eigenen Haustür zu kehren, bevor man im Brustton der Empörung auf andere zeigt.
Wie wäre es damit or der eigenen Haustür zu kehren, bevor man im Brustton der Empörung auf andere zeigt.

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