Politik

Brief an Clinton

Wie George Bush seinen Nachfolger als US-Präsident begrüßte

Als Bill Clinton 1993 die US-Präsidentschaft von George Bush übernahm, fand er ein Schreiben seines Amtsvorgängers vor. Es sagt viel darüber aus, mit welcher Würde Bush sein Amt ausübte.

AP

Bill Clinton, George Bush (1992)

Samstag, 01.12.2018   23:37 Uhr

Die Note ist handgeschrieben, verfasst auf Briefpapier des Weißen Hauses, datiert auf den 20. Januar 1993: George Bush (1924-2018 - Lesen Sie hier den Nachruf) war nur eine Amtsperiode lang Präsident, ehe ihn Bill Clinton bei der Wahl im November 1992 besiegte. Als Clinton ins Oval Office zieht, findet er Grußworte seine Vorgängers vor, die einiges aussagen über die Art und Weise, mit der Bush sein Amt ausführte.

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George H.W. Bush: US-Präsident in turbulenten Zeiten

Der US-Sender CNN nannte den kurzen Brief eine Lektion darin, wie man würdevoll verlieren kann. Die politischen Kontrahenten blieben sich in der Folge freundschaftlich verbunden. Noch im Juni dieses Jahres besuchte Clinton den 94-jährigen Bush auf dessen Familiensitz im US-Bundesstaat Maine.

In seinem Brief richtete Bush folgende Worte an Clinton:

"Lieber Bill,

als ich gerade dieses Büro betrat, empfand ich das gleiche Gefühl des Staunens und des Respekts, das ich vor vier Jahren empfand. Ich weiß, dass Sie das auch empfinden werden.

Ich wünsche Ihnen viel Glück hier. Ich habe nie die Einsamkeit gespürt, die einige Präsidenten beschrieben haben.

Es wird sehr harte Zeiten geben, die durch Kritik, die Sie vielleicht nicht für fair halten, noch schwieriger werden. Ich bin nicht sehr gut darin, Rat zu geben; aber lassen Sie sich nicht von den Kritikern entmutigen oder vom Kurs abbringen.

Sie werden unser Präsident sein, wenn Sie diese Notiz lesen. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich wünsche Ihrer Familie alles Gute.

Ihr Erfolg ist jetzt der Erfolg unseres Landes. Ich drücke Ihnen fest die Daumen.

Viel Glück -

George"

mkl/dpa

insgesamt 7 Beiträge
meister_proper 02.12.2018
1. Das waren Zeiten
Als Politiker mit unterschiedlichen politischen Ansichten sich mit gegenseitigem Respekt und Anstand begegnet sind. Nicht alle - aber viele von den großen. Heute ist das für einige Lager vollkommen undenkbar. Insbesondere die [...]
Als Politiker mit unterschiedlichen politischen Ansichten sich mit gegenseitigem Respekt und Anstand begegnet sind. Nicht alle - aber viele von den großen. Heute ist das für einige Lager vollkommen undenkbar. Insbesondere die Politiker auf der Rechten scheinen sich um so wohler zu fühlen, je härter sie anderen (auch anderen Rechten) gegen das Schienbein treten können. Menschliche Größe und Anstand werden in diesen Kreisen gerne als Gutmenschentum verächtlich gemacht.
chlorid 02.12.2018
2. Vorbild
So handelt ein Präsident! Das strahlt aus auf die Bevölkerung. Und es zeigt, dass es Georg Bush wirklich um das Land ging. Er wusste, was es bedeutet, Präsident zu sein.Ganz im Gegensatz zu Trump, der das Amt nur für sich [...]
So handelt ein Präsident! Das strahlt aus auf die Bevölkerung. Und es zeigt, dass es Georg Bush wirklich um das Land ging. Er wusste, was es bedeutet, Präsident zu sein.Ganz im Gegensatz zu Trump, der das Amt nur für sich selbst benutzt.
tizian 02.12.2018
3.
Diese Zeilen bewegen mich sehr und nötigen mir Respekt ab. Es zeigt eine Zeit, in der noch mit Würde verloren wurde und nicht davor und danach auf Teufel komm raus das Land gespalten wurde. Und dieser Mann war offenbar ein ganz [...]
Diese Zeilen bewegen mich sehr und nötigen mir Respekt ab. Es zeigt eine Zeit, in der noch mit Würde verloren wurde und nicht davor und danach auf Teufel komm raus das Land gespalten wurde. Und dieser Mann war offenbar ein ganz Grosser, gerade so eine Kleinigkeit wie dieser Brief zeigt das. R.I.P. Mr. President
stefan taschkent 02.12.2018
4. Das hat Größe
Das hat Größe. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Vielleicht nur, dass es leider auch jede Menge Gernegröße in der Politik gibt, bei denen man sich oft wundert, wie sie sich trotz oft überschaubarer Vita bestimmte [...]
Das hat Größe. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Vielleicht nur, dass es leider auch jede Menge Gernegröße in der Politik gibt, bei denen man sich oft wundert, wie sie sich trotz oft überschaubarer Vita bestimmte Führungspositionen in der Demokratie zutrauen - dem Parteienfilz und Kungel sei dank. Aber das ist sie dann eben auch wieder, die Demokratie.
friedrich_eckard 02.12.2018
5.
Man mag zum politischen Wirken dieses Präsidenten stehen wie man will: vor der Haltung, vor der Noblesse - ich wähle diesen etwas antiquierten Ausdruck mit Bedacht - die in diesem Brief zum Ausdruck kommen hat man über [...]
Man mag zum politischen Wirken dieses Präsidenten stehen wie man will: vor der Haltung, vor der Noblesse - ich wähle diesen etwas antiquierten Ausdruck mit Bedacht - die in diesem Brief zum Ausdruck kommen hat man über sämtliche denkbaren Parteizäune hinweg den Hut zu ziehen.

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