Politik

Klima-Aktivistin Thunberg in Brüssel

Greta redet, Juncker antwortet nicht

Greta Thunberg trifft auf Jean-Claude Juncker - doch die junge Klimaschutzaktivistin und der EU-Kommissionspräsident haben sich wenig zu sagen. Die Episode zeigt, wie unbeholfen die Politik auf Proteste von Schülern reagiert.

REUTERS

Jean-Claude Juncker, Greta Thunberg

Von , Brüssel
Donnerstag, 21.02.2019   18:44 Uhr

Es gibt nicht viele Menschen, die bei einem Kongress des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses den Saal füllen, bis er kurz vor dem Bersten steht. Am Mittwoch aber ist Greta Thunberg im Charlemagne-Gebäude der EU-Kommission in Brüssel. Und wo die junge schwedische Klimaschutzaktivistin dieser Tage ist, drängen sich meist auch Ansammlungen von Politikern, Funktionären, Lobbyisten und Journalisten.

Auch Jean-Claude Juncker ist da. Weit hatte er es nicht, das Berlaymont - die mächtige Zentrale der Kommission - steht gleich auf der anderen Straßenseite. Kaum hat der Kommissionspräsident den Saal betreten, schüttelt er Hände und verteilt Wangenküsse, sein Markenzeichen. Greta Thunberg bekommt einen Handkuss. Als Juncker seinen Platz auf dem Podium erreicht, hat sich Thunberg schon an einem Stehpult vor der Bühne in Position gebracht.

"Ich bin Greta Thunberg, ich bin eine Klima-Aktivistin aus Schweden", sagt die Schülerin mit leiser Stimme ins Publikum, ganz so, als ob sie sich noch vorstellen müsste. Sie ist 16, wirkt aber um Jahre jünger. Einige ihrer Mitstreiter, die während ihrer Rede hinter ihr stehen, überragen sie um Kopfeslänge. Hinter einer Wand aus Fotografen ist die Schwedin in ihrem hellen Hemd zeitweise kaum noch zu sehen. In der Totalen des mächtigen Saals wirkt sie winzig.

Ratlosigkeit, Unbeholfenheit, Herablassung

Dann sagt Greta Thunberg, was Greta Thunberg schon oft gesagt hat. "Wir können nicht mehr warten, bis wir erwachsen sind und das Sagen haben." Es müsse etwas geschehen, und zwar jetzt. "Wir wissen, dass die meisten Politiker nicht mit uns reden wollen. Gut. Wir wollen auch nicht mit ihnen reden", sagt Thunberg. Es gibt einige Lacher und Applaus. "Wir wollen, dass sie stattdessen mit den Wissenschaftlern reden und ihnen zuhören."

Foto: DPA

Politiker müssten darüber eigentlich erleichtert sein. Denn wenn Thunbergs Auftritt in Brüssel eines erneut zeigt, dann dies: Protestierende Schüler sind der Politik zutiefst unheimlich. Niemand scheint so recht zu wissen, was man mit ihnen anfangen soll. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Ratlosigkeit, Unbeholfenheit und einer Portion gönnerhafter Herablassung.

Das beginnt schon mit der Frage, wie ernst man die Bewegung nehmen soll. Wissen Jugendliche überhaupt, wovon sie reden, wenn sie auf Plakaten strengere CO2-Vorgaben fordern? Oder sind die Proteste für sie nur eine Gelegenheit, auf der Straße Spaß zu haben, statt zur Schule zu gehen? Ist Greta Thunberg am Ende nur eine Marionette von PR-Strategen, wie ihre Gegner behaupten? Selbst Kanzlerin Angela Merkel gab derartigen Gerüchten Nahrung, als sie die Schülerproteste in einen Zusammenhang mit Desinformationskampagnen der russischen Regierung stellte.

Juncker muss sich von Theresa May erholen

Während Thunberg also in Brüssel über negative Emissionen, Treibhausgasreduktionsziele und das 1,5-Grad-Ziel referiert, schaut Juncker mal auf den Rücken der jungen Schwedin, mal auf den Boden, mal schweift sein Blick in die Ferne. "Wie immer kehren sie ihren Mist unter den Teppich und überlassen das Aufräumen unserer Generation", sagt Thunberg. Sie spricht nicht aus, wer "sie" sind. Junckers Blick wandert von einem Punkt irgendwo im Saal auf die Tischplatte vor ihm.

Nach neun Minuten ist die Rede vorbei. Applaus kommt auf, Juncker rührt keine Hand. Dann klatscht er doch noch, genau viermal. Er pausiert. Als der Applaus der anderen anhält, klatscht er zwei weitere Male. "Danke, Greta!", ruft die Moderatorin Thunberg hinterher, die sich bereits auf den Weg nach draußen gemacht hat. "Viele, viele Erwachsene in diesem Raum sind bewegt und gerührt von deiner leidenschaftlichen Rede!"

Juncker, das zumindest vermittelt seine Körpersprache, gehört nicht dazu. Vielleicht aber war er auch einfach nicht ganz bei der Sache. Er müsse sich erst noch vom Gespräch mit der britischen Premierministerin Theresa May am Abend vorher erholen, sagt Juncker. "Insofern muss ich mich wirklich darauf konzentrieren, was heute Morgen hier stattfindet." Er finde es gut, dass junge Menschen sich für Veränderungen einsetzen. Er selbst habe das als Jugendlicher auch getan. "Ich habe allerdings immer samstagnachmittags demonstriert und nicht während der Schulzeit", meint Juncker. "Das ist der Unterschied zu heute."

Video: Greta Thunberg im Porträt

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es folgt eine Rede, in der Juncker auf den Klimaschutz, auf Afrika, die Schönheit Europas, die Aggressionen Russlands, die Finanzprobleme Griechenlands und US-Präsident Donald Trump zu sprechen kommt. Zwischendurch geht es um Verordnungen für Toilettenspülungen und den Schutz der Bienen - alles in weniger als 15 Minuten.

Am Ende wirkt seine Rede eher wie eine Erfolgsbilanz Junckers über seine zur Neige gehende Amtszeit. Und weniger als eine Reaktion auf die Worte einer schwedischen Schülerin, deren Namen Juncker nach seinen Begrüßungsworten nicht mehr in den Mund nimmt.

Luca Jahier, Präsident des EU-Wirtschafts- und Sozialausschusses und damit Gastgeber beim Kongress, nutzt die eigentlich für Fragen und Antworten vorgesehenen Minuten nach Junckers Rede für ein Loblied auf den Kommissionspräsidenten. Er sei kein Historiker, sagt Jahier. "Aber du und deine Kommission haben viel für Europa getan." Außerdem gebe es ohne Bienen keinen Honig, weshalb man Bienen schützen müsse.

"Ich habe es für dich getan", gibt Juncker zurück, dem die Sache jetzt sichtlich unangenehm wird. Er wendet sich ans Publikum. "Es hat mich ein Vermögen gekostet, ihn dazu zu bringen, das alles über mich zu sagen."

insgesamt 34 Beiträge
sametime 21.02.2019
1. Ab aufs Altenteil
Wenn Herr Juncker sich noch vom Gespräch mit Frau May am Vorabend erholen muss, dann ist er eindeutig zu alt für die Politik. Aber vielleicht war es auch nur eine dumme Ausrede.
Wenn Herr Juncker sich noch vom Gespräch mit Frau May am Vorabend erholen muss, dann ist er eindeutig zu alt für die Politik. Aber vielleicht war es auch nur eine dumme Ausrede.
falkner 21.02.2019
2. Von "Klimaschutz" zu reden ist Ablenkung und Verdummung
Meine Enkelin ist beim Hambacher Forst dabei. Sie findet Greta Thunberg gut, sie hätte allerdings in Davos nicht gesagt: "W I R haben versagt". Sie sagt: Bei den Nürnberger Prozessen 1945 ff. sind hochrangige Nazis gehängt [...]
Meine Enkelin ist beim Hambacher Forst dabei. Sie findet Greta Thunberg gut, sie hätte allerdings in Davos nicht gesagt: "W I R haben versagt". Sie sagt: Bei den Nürnberger Prozessen 1945 ff. sind hochrangige Nazis gehängt worden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die durch Untätigkeit und Blockierung in Sachen Klimaschutz begangenen Verbrechen gegen die Menschheit überstiegen die Verbrechen der Nazis schon längst um Megapotenzen. Allerdings sei nicht zu erwarten, dass die Mächtigen sich selbst bestrafen… . Von "Umweltschutz" und "Klimawandel" zu reden hält meine Enkelin für falsch, weil verdummend und ablenkend. Es geht um eine Produktionsweise, die über Leichen geht und unseren Planeten opfert (Kapitalismus). Die einen haben das Recht, Millionen zu machen und die Millionen Ausgebeuteten haben das Recht dafür zu sterben und krank gemacht zu werden. Hiergegen gibt es keine Therapie, es sei denn, man bezeichne die Revolution als eine solche. Diese Revolution müsste mit Krankheit zu tun haben als ihrem Umwälzungsgrund, Startpunkt und Motor. Unter dem Gesichtspunkt Krankheit, d.h. der millionenfachen Vergiftung, Verkrüppelung und Schädigung bekommt die Frage nach der Verantwortlichkeit noch ein ganz anderes Gewicht. Ich bin froh, dass ich meine Enkelin unterstützen kann und habe sie auf das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) verwiesen.
diderius 21.02.2019
3. Klimawandel
Im Physikbuch, Chemiebuch, Biobuch, Erdkundebuch findet man das Märchen von der Erde als Treibhaus. Die Erde ist kein Treibhaus, weil ständig frische Luft nachströmen kann. Wer solche Lügen verbreitet ist einfach nur dumm [...]
Im Physikbuch, Chemiebuch, Biobuch, Erdkundebuch findet man das Märchen von der Erde als Treibhaus. Die Erde ist kein Treibhaus, weil ständig frische Luft nachströmen kann. Wer solche Lügen verbreitet ist einfach nur dumm oder ein Verbrecher. Wood zeigte 1909 in einem Treibhaus aus Glas im Vergleich zu einem Treibhaus aus Kochsalz, dass die Temperatur nicht von dem verwendeten Fenstermaterial abhängt. Temperaturmessungen am Südpol über 100 Jahre (keine Pflanzen) ergeben, dass die Temperatur bei Verdoppelung der jetzigen C02 Konzentration in der Luft von 0,038 % zu einem Temperaturrückgang von ca. 1 Grad Celsius führen. Die ich rief die unschuldigen Geister, werd ich nun nicht los Dietmar Stölting Diplomphysiker
Das dazu 21.02.2019
4. Was soll das Gehype?
Wieso wird Greta von den Medien so gehyped? Ist sie jetzt die neue moralische Weltinstanz? Wieso sollte Junker mehr tun, als er machte? Soll er auf sie hören? Soll er auf meine 13jährige Tochter hören? Junker macht [...]
Wieso wird Greta von den Medien so gehyped? Ist sie jetzt die neue moralische Weltinstanz? Wieso sollte Junker mehr tun, als er machte? Soll er auf sie hören? Soll er auf meine 13jährige Tochter hören? Junker macht vielleicht nicht alles richtig, das wird man in Jahren dann aber auch von Greta schreiben. Nur weil sie einen Nerv trifft, macht sie das noch nicht zur Ansprechperson. Es mag in die Agenda der Klimaschützer passen, aber Politiker sind für alle Menschen gewählt worden. Auch die, die noch Jobs haben, die, die welche haben möchten. Nun kann man argumentieren, wenn wir nicht auf sie hören, gibt es kein Morgen mehr. Ich erninnere mich, das die schon mehrere Generationen von jungen Menschen vor Greta sagten. Ich wache trotzdem noch jeden Morgen auf.
grotefend 21.02.2019
5. Wichtig!
Es ist sehr zu begrüßen, dass sich die junge Generation politisch engagiert, wurde ihr doch immer vorgeworfen, unpolitisch und lethargisch zu sein. Große Teile der jungen Leute zeigen, dass sie interessiert, was um sie herum [...]
Es ist sehr zu begrüßen, dass sich die junge Generation politisch engagiert, wurde ihr doch immer vorgeworfen, unpolitisch und lethargisch zu sein. Große Teile der jungen Leute zeigen, dass sie interessiert, was um sie herum passiert und dass sie das Geschehen auch beeinflussen wollen. Von daher ist diese Entwicklung äußerst wichtig. Man kann natürlich darüber streiten, ob es von Organisatorenseite sinnvoll ist, die Schüler in die Bredouille zu bringen entweder für das Klima zu demonstrieren und Schule schwänzen zu müssen oder die Füße stillzuhalten. Ich finde auch, dass sich die Diskussion auch vom eigentlichen Thema entfernt, wenn darüber diskutiert wird, was mir den Schülern, die demonstrieren gehen, passieren soll. Das haben aber die Organisatoren zu verantworten. Wenn eine Demonstration am Samstagvormittag stattfindet in allen größeren Städten in Deutschland mit mehreren tausend Teilnehmern, dann kann doch kein Mensch annehmen, dass das ignoriert wird. Ich bin also der Meinung, dass das Ganze nicht während der Schulzeit stattfinden muss. Einen Punkt möchte ich aber auch noch anmerken. Zu der Sorge um das Klima muss aber auch dringend angefangen werden, das eigene (Konsum-)Verhalten zu hinterfragen: Lasse ich mich morgens in die Schule fahren oder nehme ich den Bus (oder noch besser: das Fahrrad)? Wie oft fliege ich mit meinen Eltern im Jahr in den Urlaub? Wo kommen meine Klamotten her? Wo meine Lebensmittel? Welche neuen technischen Geräte brauche ich und in welchen Zeitabständen? usw. Die Politik kann und muss natürlich vieles richten. Sie fängt auch langsam an, was zu tun - insbesondere in Deutschland. Aber vieles hat die Gesellschaft auch selbst in der Hand. Klimaschutz ist wichtig, man muss aber auch verstehen, dass nicht nur andere dafür verantwortlich sind.
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