Politik

Die Skandale des Boris Johnson

Seriously?

Nur einen Rivalen muss er noch ausstechen, dann ist Boris Johnson Chef der britischen Tories und neuer Premierminister. Doch für jemanden, der so favorisiert ist, laufen die Dinge gerade verheerend.

REUTERS

Boris Johnson, der große Dinge verspricht, aber im Vagen bleibt, wenn er etwas erklären soll

Von , London
Mittwoch, 26.06.2019   14:44 Uhr

Boris Johnson will in diesem Sommer zwei Ziele erreichen: erst Chef der konservativen Tories werden, dann britischer Premier. Momentan bemüht er sich aber vor allem um Schadensbegrenzung. Er hat eine Medienoffensive gestartet, um den Negativschlagzeilen der vergangenen Tage etwas entgegenzusetzen. Denn die häufen sich gerade.

Für viel Aufsehen sorgten in Großbritannien Berichte darüber , dass in der Nacht auf Freitag Polizisten zur Wohnung von Johnsons Freundin Carrie Symonds ausrücken mussten, nachdem Nachbarn Schreie und Lärm gehört hatten.

Ein Nachbar sagte dem "Guardian", Symonds habe während des Streits gerufen, Johnson solle von ihr ablassen und ihre Wohnung verlassen. Dann seien weitere Schreie und ein lautes Krachen zu hören gewesen.

Streit daheim, Spott im Netz

Er habe drei Mal an der Tür zu ihrer Wohnung geklopft, sagte der Nachbar weiter. Das Ergebnis: Keine Reaktion. Daraufhin habe er die Polizei gerufen. Die erklärte nach dem Einsatz, dass niemand zu Schaden gekommen sei.

Die Meldung dominierte am gesamten Wochenende die britische Berichterstattung. Doch Johnson ignorierte zunächst alle Nachfragen. Am Montag dann tauchte ein Foto auf - das Motiv: Johnson und Symonds, händchenhaltend in einem Garten. Die Folge: Wilde Spekulationen. Viele Kommentatoren wiesen darauf hin, dass Johnson auf dem Foto längere Haare habe, als er sie gerade trage. Das gestellt wirkende Foto sorgte schnell für viel Spott im Netz.

Johnson selbst weigerte sich auch in einem Radiointerview am Montag, Fragen zu dem Streit zu beantworten. Er finde es "nicht fair", wenn Angehörige "in die Öffentlichkeit gezogen" würden, sagte Johnson. Zudem wisse er nicht, wer das Foto veröffentlicht habe. Wann es gemacht wurde? Kein Kommentar von Johnson.

Routiniert, wortgewaltig, vage

Am Dienstag war er dann gesprächiger. Zum ersten Mal seit Beginn seiner Kampagne vor vier Wochen gab der 55-Jährige der BBC ein Interview:

Johnson gab zu, dass die Grenzfrage wohl erst in der Übergangszeit geklärt werden könne, die nach dem EU-Austritt des Landes in Kraft treten soll. Als die Reporterin nachfragte und von Johnson Details wissen wollte, geriet er ins Wanken. Er sprach über "vielfältige technische Lösungen", die es gebe. Und gab zu Protokoll, er verspüre "eine wirklich positive Energie", das Problem zu lösen.

Mehr zum Thema bei SPIEGEL+

Es war der klassische Johnson, wie man ihn seit seiner Zeit als Bürgermeister von London und als britischer Außenminister kennt: Er ist routiniert darin, wortgewaltige Ankündigungen zu machen, die sich allerdings oft in Luft auflösen, wenn es um Details geht.

Es sind Situationen wie diese, die Johnsons Team ganz offensichtlich zu vermeiden sucht: Momente, die Johnson ahnungslos und desinteressiert erscheinen lassen. Daher war es keine Überraschung, als Johnson ein für diese Woche angedachtes TV-Duell mit seinem letzten verbliebenem Widersacher, Außenminister Jeremy Hunt, ablehnte.

Tolga Akmen/AFP

Er will Boris Johnson besiegen: Jeremy Hunt

Der nutzte Johnsons Probleme und ging rhetorisch zum Angriff über. Er bezeichnete Johnsons Ankündigung, das Land in jedem Fall am 31. Oktober aus der EU zu führen, als "Fake-Frist", die zu vorgezogenen Neuwahlen führen könnte.

"Ich war Boris Johnsons Chef. Er ist zum Premier äußerst ungeeignet"

Auch mehrere frühere Vertraute Johnsons haben sich mittlerweile an die Öffentlichkeit gewandt, um Zweifel an seiner Eignung für den Posten des Premiers anzumelden. Unter ihnen: Johnsons langjähriger Chefredakteur beim "Daily Telegraph", Max Hastings. Hastings schrieb in einer wenig schmeichelhaften Kolumne im "Guardian": "Ich war Boris Johnsons Chef. Er ist äußerst ungeeignet, Premierminister zu sein."

Hastings schreibt über Johnsons "moralischen Bankrott, der seine Wurzeln in seiner Verachtung für die Wahrheit hat". Er kümmere sich um nichts anderes als "um Ruhm und Befriedigung". In seinem Beitrag lässt Hastings nur eine Frage offen: Wieso hat er Johnson, wenn er seine Persönlichkeit so problematisch findet, über so viele Jahre beschäftigt und ihm damit dabei geholfen, seinen Weg in die Politik zu finden?

Klar ist: Die Strategie der Johnson-Widersacher zeigt allmählich Wirkung. Laut einer Umfrage hält nun die Mehrzahl der Briten Hunt für den besseren Premier.

Die Tory-Basis: Männlich, vermögend, alt

Trotzdem hat Johnson auch weiterhin sehr gute Aussichten darauf, am Ende der Sieger zu sein. Denn darüber, wer Theresa May beerbt, entscheidet nicht die britische Öffentlichkeit. Es sind die 160.000 Mitglieder der konservativen Partei.

Und auf die dürfte sich Johnson mit seinen harten Brexit-Ansagen verlassen können. Die Tory-Parteimitglieder sind zu mehr als zwei Dritteln männlich, vermögend und im Schnitt 57 Jahre alt. Sie leben vorwiegend in den ländlichen Teilen Südenglands - und sind fanatische Brexit-Unterstützer. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage hat diese Gruppe unlängst befragt. Das Resultat:

Nicht ohne Grund kommt der Soziologe William Davies vom Goldsmiths-College der University of London in einem "New York Times"-Artikel zu dem Schluss: "Eine fanatische Sekte hat die britische Politik entführt." Und die könnte schon bald Boris Johnson zu ihrem neuen Anführer und Zerstörer machen.

insgesamt 93 Beiträge
kuac 26.06.2019
1.
Der ehemalige Arbeitgeber und Chef von BoJo sagt: "Ich war Boris Johnsons Chef. Er ist äußerst ungeeignet, Premierminister zu sein." Mehr ist dem nichts hinzuzufügen.
Der ehemalige Arbeitgeber und Chef von BoJo sagt: "Ich war Boris Johnsons Chef. Er ist äußerst ungeeignet, Premierminister zu sein." Mehr ist dem nichts hinzuzufügen.
s.l.bln 26.06.2019
2. Nicht mehr lange...
...und die Briten haben amerikanische Verhältnisse. Mich erstaunt allerdings, daß die Nachfolge des Parteivorsitzes zwangsläufig den Premierministerposten regelt. Müßte der nicht vom Parlament bestätigt werden? Ich [...]
...und die Briten haben amerikanische Verhältnisse. Mich erstaunt allerdings, daß die Nachfolge des Parteivorsitzes zwangsläufig den Premierministerposten regelt. Müßte der nicht vom Parlament bestätigt werden? Ich stelle mir vor, Frau Merkel tritt zurück und die Union entscheidet Frau Steinbach zur Kanzlerin zu küren (ja, sehr hypothetisch). Die wäre nie mehrheitsfähig und ich bezweifle, daß Johnson das wär.
SonstNichts 26.06.2019
3. Wie ein zweiter Trump nicht wahr?
Und wieder könnt ihr nur darüber herziehen, während die Briten ihn wählen und dann noch dazu unter ihm aus eurer geliebten EU austreten werden. Und was sagt uns Deutschen das? Genau, nichts, weil wir da drüben so wenig, wie [...]
Und wieder könnt ihr nur darüber herziehen, während die Briten ihn wählen und dann noch dazu unter ihm aus eurer geliebten EU austreten werden. Und was sagt uns Deutschen das? Genau, nichts, weil wir da drüben so wenig, wie in den USA wählen. Und lesen die Briten das hier? Nein, auch nicht. Was ist also der Zweck solcher Artikel? Dampf ablassen? Ich sage mal so, so verheerend die Dinge gerade für Johnson laufen und so, wie Trump nie Präsident werden konnte, stehen die Dinge für Johnson danach wohl gar nicht so schlecht.
M. Vikings 26.06.2019
4. Das nennt sich zurückrudern.
Das Versprechen mit den Neuverhandlungen kann er wenn überhaupt nur bedingt halten, da zu Verhandlungen immer mindestens zwei gehören. Was immer er verhandeln will, der rechtliche Teil des Austrittsabkommens ist mit der EU [...]
Das Versprechen mit den Neuverhandlungen kann er wenn überhaupt nur bedingt halten, da zu Verhandlungen immer mindestens zwei gehören. Was immer er verhandeln will, der rechtliche Teil des Austrittsabkommens ist mit der EU nicht mehr verhandelbar. Er kann versuchen den politischen Teil neu zu verhandeln, der die Grundlage der Beziehungen nach dem Brexit zwischen der EU und dem U.K. sein sollte, auf den die EU auf Wunsch Mays schon im März bereit war zu verzichten. Und dann kann er Anfang Oktober erklären, er braucht mehr Zeit. Dann gibt es möglicherweise die nächste Fristverlängerung zu den Bedingungen der EU. Die Hürde für eine Fristverlängerung war, vor der Teilnahme an den EU-Wahlen, deutlich höher als jetzt. Meine Glaskugel hat mir Mitte März schon aufgezeigt, dass Johnson möglicherweise Premier wird und mich damals zu einem entsprechenden Kommentar verleitet. Mal sehen ob meine Glaskugel erneut die Zukunft aufzeigt.
archfiend 26.06.2019
5. Treffender Kommentar
"Eine fanatische Sekte hat die britische Politik entführt." Besser kann man den Brexit und die Tories nicht beschreiben, wenn man sich diese Umfragen ansieht und wozu sie bereit wären den Brexit zu akzeptieren. Von [...]
"Eine fanatische Sekte hat die britische Politik entführt." Besser kann man den Brexit und die Tories nicht beschreiben, wenn man sich diese Umfragen ansieht und wozu sie bereit wären den Brexit zu akzeptieren. Von solchen Ewiggestrigen, die die neue Realität des 21. Jahrhunderts nicht anerkennen wollen und die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder willentlich in kauf nehmen wird Großbritannien gesteuert. Dass dies nicht gutgehen kann ist schon lange aufgezeigt gekommen. Der Brexit verkommt zur Tragödie (oder Komödie je nachdem man es von der welcher Seite betrachtet) und niemand kann und will dies stoppen. Selbst Johnson gibt zu dass er die Quadratur des Kreises will und dass dies nicht in der verbliebenen Zeit geht. Aber warum sollte man Mitleid haben mit solchen Leuten? Wer sich von solchen Leuten blenden lässt hat nichts anderes verdient.

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP