Politik

Abgang von Ex-FPÖ-Chef Strache

Aufstieg und Fall eines Populisten

Heinz-Christian Strache hat die rechte FPÖ aus dem Nichts zur drittstärksten Partei Österreichs gemacht. Dann folgten Ibiza-Affäre, Veruntreuungsvorwürfe und eine deftige Wahlschlappe. Jetzt zieht er die Konsequenzen.

Foto: CHRISTIAN BRUNA/ EPA-EFE/ REX
Von , Wien
Dienstag, 01.10.2019   14:43 Uhr

Für seinen letzten großen Auftritt hat sich Heinz-Christian Strache die passende Bühne ausgesucht. Das Lokal Vino Wien liegt nahe der Parteizentrale und ist bekannt als Bastion der von Strache angeführten Gegner eines Rauchverbots in der Gastronomie.

Eine halbe Stunde bevor das Restaurant offiziell öffnet, ist es drinnen bereits "bummvoll", wie die Wiener sagen - Kameraleute, Fotografen und Redakteure drängen sich um den Mann, der 14 Jahre lang Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) war und 17 Monate lang Vizekanzler. Strache hat seine Partei nach der Spaltung und dem Abgang Jörg Haiders quasi aus dem Nichts wieder nach oben geführt und 2017 mit 26 Prozent der Stimmen zur drittstärksten Partei im Land gemacht.

Im Mai 2019 aber enthüllten SPIEGEL und "Süddeutsche Zeitung" das sogenannte Ibiza-Video. Wer die Bilder des kräftig rauchenden und trinkenden Strache in Freizeitkleidung sah, wer studieren konnte, wie Strache einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte Staatsaufträge in Aussicht stellt für den Fall, dass sie im Gegenzug der FPÖ publizistischen Rückenwind mithilfe der Kronen-Zeitung garantiert - der war wie vom Donner gerührt. Die Frau war in Wahrheit keine Oligarchennichte und die als Treffpunkt ausgesuchte Villa auf Ibiza war verwanzt. Strache und sein Fraktionschef, Johann Gudenus, hatten sich in eine Falle locken lassen - und um Kopf und Kragen geredet.

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An diesem Dienstag nun, um kurz nach halb elf, zieht der ehemals mächtigste Mann der FPÖ die Konsequenzen und verkündet im Vino Wien sichtlich angegriffen, er lasse seine Parteimitgliedschaft ab sofort ruhen: Er wolle sich nun auf seine Familie konzentrieren. Strache kommt so einem Parteiausschluss zuvor, den die FPÖ-Gremien an diesem Dienstagnachmittag diskutieren wollten.

Hätte der frühere Parteiobmann seine Entscheidung Wochen früher getroffen, der FPÖ wäre möglicherweise eine derart deftige Wahlschlappe wie am Sonntag erspart geblieben: Ein Minus von fast zehn Prozent stand für die Freiheitlichen zu Buche. Eine Neuauflage der Koalition mit der ÖVP unter Sebastian Kurz gilt nach jetzigem Stand als unwahrscheinlich.

Es war nicht nur die "b'soffene G'schicht" auf Ibiza, wie Strache seinen peinlichen Auftritt in der Finca schönzureden versuchte. Es waren auch die immer neuen Vorwürfe gegen den langjährigen FPÖ-Spitzenmann, die in den vergangenen Monaten laut wurden und die inzwischen die Staatsanwaltschaft beschäftigen: der selbst ernannte Saubermann soll sich üppige Spesenkonten genehmigt haben, dazu eine von der Partei (und somit indirekt vom Wahlvolk) finanzierte Nobelwohnung und weitere Extras. Die offenkundig mit reichlich Belegen unterfütterten Anschuldigungen werden von Strache bestritten.

Schneidiger Auftritt, stahlblaue Augen, beißender Witz

Unstrittig hingegen ist: Der von seinen Anhängern nur "HC" gerufene Strache war bis zum Aufstieg von Sebastian Kurz der populärste Politiker Österreichs. Noch Ende 2016 lag seine Partei in allen Umfragen vorn. Mehr als 800.000 Menschen verfolgten auf Facebook, was der Social-Media-Profi Strache zu sagen hatte. Wer ihn traf, am Sitz der Partei hoch über den Dächern Wiens, der erlebte einen entschlossenen Macher: schneidiger Auftritt, stahlblaue Augen, bisweilen auch beißender Witz. Die ÖVP verspottete er als "schwarze Witwe", weil sie auf Dauer jeden Koalitionspartner umbringe; dem fülligen SPÖ-Kanzler und Weinliebhaber Alfred Gusenbauer widmete er zum Abschied das Prädikat "schwer im Abgang".

Dass Strache in jungen Jahren der Neonaziszene nahestand und an Wehrsportübungen teilnahm, wurde erst spät bekannt. Der gelernte Zahntechniker, zu diesem Zeitpunkt bereits aufgestiegen zum FPÖ-Parteichef, versicherte daraufhin, er habe sich geläutert. Als Männer fürs Grobe hielt er sich seinen Generalsekretär Herbert Kickl und seinen Adlatus Johann "Joschi" Gudenus. Strache selbst arbeitete zielstrebig daraufhin, sich einen seriöseren, staatsmännischeren Anstrich zu verleihen.

Die Krönung seiner Karriere erfolgte schließlich am 19. Dezember 2017, am Tag, an dem Strache, dunkler Anzug, dunkelblaue Krawatte, in der Wiener Hofburg als Vizekanzler vereidigt wurde vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen - einem ehemals erbitterten politischen Gegner. Strache glaubte sich am Ziel und ließ sich das in den folgenden Monaten auch anmerken - der giftige Oppositionsführer von einst hatte unverkennbar Geschmack an der Macht und ihren Insignien gefunden. Das Ibiza-Video zerstörte die Fassade des Staatsmanns mit einem Schlag.

Ob die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Freiheitlichen Heinz-Christian Strache mit dem Kapitel von diesem Dienstag wirklich endet, ist noch offen. Für seine Partei wird es darauf ankommen, ob der tief Gekränkte der Versuchung widersteht, seinen persönlichen Giftschrank zu öffnen: Geballtes Wissen aus jenen knapp drei Jahrzehnten, die Strache in der FPÖ war, darf dort vermutet werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die FPÖ sei bei der Wahl 2017 zweitstärkste Kraft geworden. Tatsächlich lag sie auf dem dritten Platz. Wir haben die Passage korrigiert.

insgesamt 19 Beiträge
claus7447 01.10.2019
1. Strache ist nur ein kleiner Teil der FPÖ....
Die FPÖ war mit Haider rechtsnational und wird es auch ohne Strache sein. Da gibt es noch genügend Kickls und hofers die dafür sorgen. Denn ohne diesen Anstrich...
Die FPÖ war mit Haider rechtsnational und wird es auch ohne Strache sein. Da gibt es noch genügend Kickls und hofers die dafür sorgen. Denn ohne diesen Anstrich...
turadot 01.10.2019
2. Wahrscheinlich ...
... kommen hier gleich wieder Straches Gesinnungsgenossen aus den Löchern und lamentieren ein weiteres mal, dass dem armen Kerl eine Falle gestellt wurde, und die wahren Schuldigen sind demzufolge die Fallensteller. Für mich [...]
... kommen hier gleich wieder Straches Gesinnungsgenossen aus den Löchern und lamentieren ein weiteres mal, dass dem armen Kerl eine Falle gestellt wurde, und die wahren Schuldigen sind demzufolge die Fallensteller. Für mich verdienen die Fallensteller den höchsten österreichischen Orden, der zur Verfügung steht, wie immer der auch heißen mag, denn nur so kann man diese selbsternannten Saubermänner entlarven in ihrem ganzen Dreck, den sie am Stecken haben. Nochmals ein herzliches Dankeschön für diese Aktion.
Gluehweintrinker 01.10.2019
3. Soviel zum Thema "Partei für den Kleinen Mann"
Man kassiert 10.000 EUR im Monat zum Verballern, man residiert in einer noblen Unterkunft, auf Kosten der Partei. Man ist bereit, die Interesse des Landes für den Zuwachs der eigenen Macht zu verhökern. Selten wurde so [...]
Man kassiert 10.000 EUR im Monat zum Verballern, man residiert in einer noblen Unterkunft, auf Kosten der Partei. Man ist bereit, die Interesse des Landes für den Zuwachs der eigenen Macht zu verhökern. Selten wurde so offensichtlich, wie Rechtspopulisten wirklich ticken. Das Volk, die einfachen Leute, sie sind denen scheißegal, es kommt nur darauf an mit Mächtigen zu paktieren, recht und Gesetz soweit zu beugen bis es ausgehebelt ist und politische Gegner mundtot zu machen. So tickt kein Demokrat, so ticken Faschisten. Wie titelte heute die TAZ? Solche Parteien seien für "Dummies", und sie haben so Recht. Wer Rechtspopulisten wählt, sägt an dem Ast, auf dem er selbst sitzt. Dass es aber so weit gekommen ist, hat sicher damit zu tun, dass weite Teile der Bevölkerung sich nicht mehr repräsentiert sehen. Das wundert nicht, denn in Parlamenten sind fast nur noch Juristen und sonstige Akademiker. Arbeiter oder Handwerker finden sich dort kaum. Die wenigen Parlamentarier, die "von unten" kamen, werden beäugt wie exotische Aliens. Fast schon ist es ein Sakrileg, dass sie es wagten, in die heiligen Hallen der Politik vorzustoßen. Politisch ist Deutschland längst an Konzerne verkauft worden. Der Privatisierungsplan hat dazu geführt, dass kaum noch hoheitliche Aufgaben wirklich vom Staat verwaltet werden. Das rächt sich nun. Wagt mehr Rechtsstaat, wagt mehr Sozialstaadt, wagt mehr Demokratie und Teilhabe, oder Ihr verliert weiter den Rückhalt in der Bevölkerung. Wer das riskiert, der spielt mit dem Feuer und fördert Rechtsextremismus.
adal_ 01.10.2019
4. "Dieser Anstrich" diskreter Korruption :-)
Strache inszenierte sich als "Anwalt der kleinen Leute", der seine Partei vom Selbstbedienungssumpf der FPÖ-Granden Haider, Rumpold, Westenthaler, Grasser, Gorbach [...]
Zitat von claus7447Die FPÖ war mit Haider rechtsnational und wird es auch ohne Strache sein. Da gibt es noch genügend Kickls und hofers die dafür sorgen. Denn ohne diesen Anstrich...
Strache inszenierte sich als "Anwalt der kleinen Leute", der seine Partei vom Selbstbedienungssumpf der FPÖ-Granden Haider, Rumpold, Westenthaler, Grasser, Gorbach (https://www.derstandard.de/story/2000107484353/die-hand-weit-offen-warum-die-fpoe-so-oft-im) säuberte. Jetzt wurde er als der wahrscheinlich unverschämteste aller FPÖ-Selbstbediener entlarvt. Und er ist derzeit auch nicht der einzige. Auch Hofer und andere stehen im Verdacht, sich auf Kosten der Partei bereichert zu haben. Bis sich die FPÖ von dem wiederholten Rufschaden als Partei der dreisten Selbstbediener erholt, wird noch eine Menge Wasser die Donau hinabfließen.
charlybird 01.10.2019
5. Der Typ
war ein unseriöser und verlogener Rabauke, der auf Ibiza seine/n Meister*In gefunden hat. Es ist gut, dass er aus dem politischen Bild verschwindet, leider wachsen in der heutigen Zeit jede Menge Straches nach.
war ein unseriöser und verlogener Rabauke, der auf Ibiza seine/n Meister*In gefunden hat. Es ist gut, dass er aus dem politischen Bild verschwindet, leider wachsen in der heutigen Zeit jede Menge Straches nach.

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