Politik

Hillary Clintons Wahlkampf-Glück

Skandale ohne Wirkung

Ihr schlechtes Image schadet Hillary Clinton im Wahlkampf kaum, Rivale Donald Trump stellt alle ihre Skandale in den Schatten. In letzter Verzweiflung versuchen die Republikaner es jetzt mit Gerüchten über Clintons Gesundheit.

AP

Hillary Clinton

Von , New York
Samstag, 20.08.2016   11:55 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ist Hillary Clinton unheilbar krank? Das jedenfalls behaupten ihre Gegner: konservative Websites, Verschwörungsfanatiker, der TV-Sender Fox News. Dessen Kommentator Sean Hannity widmete der Frage jetzt eine ganze Themenwoche. Sein Attest: "Medizinisch untauglich fürs Präsidentenamt."

Glaubt man dem Gerede, leidet die 68-jährige Demokratin, die die erste US-Präsidentin werden könnte, an allen möglichen Gebrechen: Parkinson, Epilepsie, Hirnschäden. Ihr Gegner Donald Trump, 70, nutzt diese Hirngespinste für seinen Wahlkampf: Clinton mangele es an "psychischer und physischer Ausdauer".

Clintons Gesundheit ist plötzlich auch in den Mainstream-Medien der USA ein Thema - ein Un-Thema freilich, zumindest nach jetzigem Wissensstand, forciert von interessierten Kreisen wie der konservativen Website "Breitbart", die Donald Trumps neuem Wahlkampfmanager Stephen Bannon untersteht.

Es ist die letzte Hoffnung der Trump-Anhänger im Kampf gegen Clinton.

Denn die frühere Außenministerin hat ja echte, viel brisantere Probleme. Gesund oder krank, Clinton ist eine von Skepsis und Skandalen verfolgte Kandidatin. Der endlose E-Mail-Skandal. Die Interessenkonflikte der Clinton Foundation. Die von der Wall Street bezahlten Vorträge. Die negativen Sympathiewerte: Mehr als die Hälfte der Amerikaner haben eine "unvorteilhafte" Meinung von Clinton - nach 40 Jahren im öffentlichen Rampenlicht. Sie gilt als "nicht vertrauenswürdig", als "unehrlich", als "gefühllos".

Nur einer schneidet in diesen Umfragen noch schlechter ab: Donald Trump. Der Republikaner scheint es geradezu darauf anzulegen, mit seinen unsäglichen Äußerungen jeden Clinton-Skandal zu überschatten. So viel Glück muss man haben: Gegen einen anderen Rivalen hätte Clinton zweifellos einen viel schwereren Stand.

Und darum geht es bei den Problemfällen:

Als Außenministerin ließ sich Hillary Clinton einen privaten E-Mail-Server einrichten - in ihrem Haus in Chappaqua bei New York. Von 2009 bis 2013 wurden rund 60.000 E-Mails darüber verschickt oder empfangen. Etwa 32.000 ließ Clinton als "privat" löschen.

Das FBI, das die ungewöhnliche Vorgehensweise überprüfte, sah keinen Rechtsbruch. Doch dessen Direktor James Comey warf Clinton vor, "extrem leichtsinnig" mit "streng geheimen Informationen" umgegangen zu sein.

Clintons Erklärungen wechselten: Erst dementierte sie, dass über ihren Server Geheiminformationen gelaufen seien. Dann räumte sie es ein und entschuldigte sich. Kniffliger ist die Frage der politischen Verantwortung: Darf jemandem Präsidentin werden, der so lax mit Staatsgeheimnissen umgeht? Auch wurde Clintons Privatserver womöglich gehackt.

Am Freitag entschied ein Richter in Washington, dass Clinton zu dem Thema eine schriftliche Erklärung unter Eid abgeben muss. Sie kommt aber um eine mündliche Aussage herum.

Die von Bill Clinton gegründete Stiftung sammelt im Jahr mehr als 330 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke in aller Welt. Ihre Spender bilden eine enge Clique globaler Wirtschafts- und Finanzbosse. Der Mauschelei-Vorwurf kam automatisch: Die Geldgeber hätten sich politische Gefallen erkauft.

Mit der Freigabe Zehntausender Clinton-E-Mails bekam diese Kritik Substanz: Denn manche ließen sich so deuten, als hätten Clinton-Vertraute versucht, Deals für Spender zu arrangieren - Jobs, Termine, Geschäfte. Ins Kreuzfeuer kamen Doug Band, der die Foundation lange managte, Clintons Top-Beraterin Cheryl Mills sowie Huma Abedin, Clintons Wahlkampf-Vizechefin und Ehefrau des skandalumwitterten Ex-Abgeordneten Anthony Weiner.

Als Schaltstelle zwischen allen Akteuren kassierte Abedin nach Medienberichten mehrfach ab: Das Ministerium zahlte ihr eine Pension, die Clinton-Stiftung ein Gehalt - und die von Doug Band gegründete Consulting-Firma Teneo ein weiteres. "Abedin ist zur Personifizierung der Debatte geworden, ob die Foundation Interessenkonflikte schaffen wird, sollte Clinton das Weiße Haus gewinnen", schreibt die Agentur Bloomberg.

Hinzu kommen Mini-Skandale wie ihre lukrativen Wall-Street-Reden, deren Transkripte Hillary Clinton partout nicht freigeben will. Es ist ein altbekanntes Manöver, das angeblich aus ihrem überhöhten Sinn für Privatsphäre rührt: Verheimlichen um jeden Preis, auch wenn dahinter nichts Schlimmes steckt.

Kein Wunder, dass ihr so viele nicht glauben, auch wenn sie die Wahrheit sagt. Zumal sich das Bild ihres unter Eid in die Kamera lügenden Gatten ins US-Bewusstsein geprägt hat: "Ich hatte keine sexuelle Beziehung mit dieser Frau", bestritt er 1998 seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky.

Die jetzigen Skandale dagegen sind staubtrocken - weshalb sie sich gegen Trumps saftige Dramen in den Medien auch kaum durchsetzen. Dessen neuer Wahlkampfchef Bannon verspricht nun bessere Storys. Schon kam der nächste Versuch: "Drogenpapst" und TV-Reality-Star Dr. Drew Pinsky, meldete "Breitbart" diese Woche, sei "zutiefst besorgt um Clintons Gesundheit".


Zusammenfassung: Gegen jeden anderen Gegner hätte es Hillary Clinton schwer. Denn mehrere Probleme und die Skepsis der Amerikaner gegen ihre Person begleiten den Wahlkampf der früheren Außenministerin. Doch Gegenkandidat Donald Trump kann wegen eigener Unzulänglichkeiten nicht davon profitieren. Jetzt soll ein fiktiver Skandal doch noch für die Wende sorgen.

Clinton vs. Trump - Wer liegt in den Umfragen vorn?

insgesamt 207 Beiträge
blurps11 20.08.2016
1.
Benghazi fehlt noch. Diese Dinge sind schon seit Jahren in den Medien dauerpräsent, deswegen längst "eingepreist".
Benghazi fehlt noch. Diese Dinge sind schon seit Jahren in den Medien dauerpräsent, deswegen längst "eingepreist".
hjcatlaw 20.08.2016
2. Bei aller Skepsis betreffend
Hillary Clinton - selbst wenn die Dame Fort Knox ausgeraubt hätte, wäre sie für mich immer noch die bessere Alternative als ein Donald Trump am berühmten roten Knopf ....
Hillary Clinton - selbst wenn die Dame Fort Knox ausgeraubt hätte, wäre sie für mich immer noch die bessere Alternative als ein Donald Trump am berühmten roten Knopf ....
to78ha 20.08.2016
3. Bitte nicht Trump!
Ich seh das auch so. Wenn ich mich zwischen Pest (Trump) und Cholera (Clinton) entscheiden müsste, dann würde ich Cholera wählen. Und unsere Angela ist ja ehrlich gesagt auch nicht schlecht auch wenns ihr viele vorhalten. [...]
Ich seh das auch so. Wenn ich mich zwischen Pest (Trump) und Cholera (Clinton) entscheiden müsste, dann würde ich Cholera wählen. Und unsere Angela ist ja ehrlich gesagt auch nicht schlecht auch wenns ihr viele vorhalten. Frauen neigen auch im Allgemeinen nicht so stark zu Kurzschlussreaktionen wie Männer. Und Trump ist ein gefährlicher Cocktail von verschiedenen negativen Eigenschaften, bitte nicht den Verrückten. ...Ich muss bei ihm immer so an Cartman von Southpark denken, das macht mir irgendwie Angst.
Art. 5 20.08.2016
4. Clinton Foundation
Die Skandale um die Clinton Foundation sind aber erheblich mehr als nur Interessenkonflikte! Als Außenministerin hat Clinton Waffenlieferungen an 20 Staaten im Wert von 165 Milliarden Dollar zugestimmt, die der Clinton Foundation [...]
Die Skandale um die Clinton Foundation sind aber erheblich mehr als nur Interessenkonflikte! Als Außenministerin hat Clinton Waffenlieferungen an 20 Staaten im Wert von 165 Milliarden Dollar zugestimmt, die der Clinton Foundation Geld gespendet haben. Dieser Wert war doppelt so hoch, wie der Wert der Waffenverkäufe an diese Staaten, dem das Außenministerium unter Präsident George W. Bush zugestimmt hatte. Außerdem machten amerikanische Rüstungsfirmen Spenden an die Clinton Foundation, als Hillary Außenministerin war. Diese Firmen machten Geschäfte für 163 Milliarden Dollar mit Rüstungsexporten, die von Hillary Clinton authorisiert wurden. In einigen Fällen zahlten sie auch hohe Honorare an Bill Clinton für Reden. Weitere Einzelheiten: http://www.ibtimes.com/clinton-foundation-donors-got-weapons-deals-hillary-clintons-state-department-1934187
Mac_Beth 20.08.2016
5. Da liegt der Hund begraben
Hillary Clinton genießt bei einer deutlichen Mehrheit der US-Bürger keinen sehr guten Ruf. Nicht vertrauensvoll, Korruption, Lügen, "Kandidaten der Wallstreet", usw... Sie wird aber praktisch durch die Bank weg von [...]
Hillary Clinton genießt bei einer deutlichen Mehrheit der US-Bürger keinen sehr guten Ruf. Nicht vertrauensvoll, Korruption, Lügen, "Kandidaten der Wallstreet", usw... Sie wird aber praktisch durch die Bank weg von den Medien hochgehalten, alleine das sollte die Alarmglocken klingen lassen. Für sehr viele Amerikaner kommt sie eigentlich nur in Frage, weil in der Tat es die einzige Möglichkeit wäre einen Präsident Trump zu verhindern. Wenn ich mir ansehe wie Trump teilweise rumwütet frage ich mich doch ob da nicht zumindest ein klein wenig Kalkül dahintersteckt. Trump sollte nicht US-Präsident werden, aber wer meint Hillary wäre sehr viel besser wird am Ende des Tages wahrscheinlich ein böses Erwachen erleben.
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