Politik

Hillary Clinton zurück im Wahlkampf

Sie ist wieder da

Trump, Trump, Trump: Während seine Konkurrentin krank zu Hause saß, beherrschte der republikanische Kandidat den US-Wahlkampf. Drei Tage lang. Doch jetzt meldet sich Hillary Clinton zurück. Kann sie punkten?

Foto: AP
Von , Washington
Freitag, 16.09.2016   10:16 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Kann sie es noch?

Drei Tage lang musste Hillary Clinton, durch eine Lungenentzündung vorübergehend schachmatt gesetzt, ihrem Rivalen Donald Trump das Feld überlassen. Nur drei Tage - doch in der Endphase des US-Präsidentschaftswahlkampfs ist das eine Ewigkeit.

Die Aufregung ist entsprechend groß, als sich die 68-Jährige am Donnerstag erstmals wieder in der Öffentlichkeit präsentiert. Wie geht es ihr? Ist sie fit? Wie klingt ihre Stimme, wie sieht sie aus? Erholt, frisch oder müde und kaputt?

Ganz Amerika, so hat es den Anschein, hat in diesen Stunden seine Finger am Puls der Kandidatin.

Erste Tonschnipsel erhalten die Amerikaner zum Frühstück: Clinton telefoniert mit einem Radiosender, sie verdammt russische Hackerattacken auf US-Politiker, sie klingt angriffslustig, gut aufgelegt.

Wenige Stunden später, zur Mittagszeit, gibt es erste Bilder von Clinton an Bord des Flugzeugs, das sie an diesem Tag nach North Carolina und dann weiter zu einem Abendtermin nach Washington bringen soll. Mitreisende Journalisten senden aus dem Flieger verwackelte Handyaufnahmen an ihre Heimatsender: Clinton sieht erholt aus, aufgekratzt, sie sagt ein paar Sätze, verschwindet dann im privaten Bereich der Maschine.

AP

Clinton an Bord ihres Wahlkampffliegers

Der Druck auf die Demokratin ist wieder einmal immens: Clinton muss jetzt kontern, sie muss im Wahlkampf wieder die Themen setzen, sie muss Trump angreifen.

Denn der hat in den vergangenen Tagen die halbleere Wahlkampfbühne virtuos genutzt, er hat sich dort breitgemacht - und hat Gehör gefunden.

Am Montag schürt Trump die Empörung über Clintons Äußerung, die Hälfte aller Trump-Anhänger seien "deplorables", erbärmliche Leute. Zigmal wiederholt der Milliardär, der in jüngster Vergangenheit selber Mexikaner, Schwarze und Muslime verhöhnte, Clinton habe hart arbeitende Amerikaner verunglimpft. Erste Trump-Anhänger posieren in T-Shirts mit dem Aufdruck "Deplorable".

REUTERS

Trump-Unterstützer

Am Dienstag stellt Trump, begleitet von Tochter Ivanka, die Eckpunkte seiner Familienpolitik vor, in Pennsylvania, einem der wichtigen "Swing States". Die Trumps stellen, und das ist ungewöhnlich für republikanische Politik, bezahlte Elternzeit für berufstätige Frauen in Aussicht. Das Ziel ist klar: Trump will und muss bei weiblichen Wählern endlich punkten. Die Antwort darauf, wie sie dieses Milliardenprogramm bei gleichzeitig versprochenen Steuerentlastungen finanzieren wollen, bleiben die Trumps zwar schuldig - aber sie beherrschen die Schlagzeilen.

Am Mittwoch zeigt eine neue Umfrage, dass Trump in Ohio und Florida in Führung liegt. Beide Staaten gelten als "Swing States", das heißt es gibt keine Wählermehrheit mit traditioneller Bindung an eine der beiden großen Parteien. Wenn hier das Pendel für einen der beiden Kandidaten ausschlägt, gilt das als Indikator dafür, wie die Wahl ausgeht. Ebenfalls am Mittwoch zelebriert Trump die große "Ich bin kerngesund"-Show. Er erscheint zur Sendungsaufzeichnung bei einem beliebten Fernseharzt, Dr. Oz, und zeigt dem die Ergebnisse seines letzten medizinischen Checks. Befund: Der Kandidat hat Übergewicht und nimmt ein Cholesterin senkendes Mittel, davon abgesehen ist sein Zustand "exzellent". Wenn er in den Spiegel schaue, sehe er einen Mann von 35 Jahren, "das ist verrückt", jubelt Trump. Botschaft angekommen.

AP

Donald Trump im Economic Club, New York

Am Donnerstag präsentiert Donald Trump das Herzstück von "Make Amerika great again". Trump erklärt, wie er Wirtschaftspolitik machen will: Er peilt ein Wachstum von vier Prozent an, will Steuersätze senken, Regulierungen kappen und verspricht 25 Millionen neue Arbeitsplätze binnen zehn Jahren. Steuern runter, Wachstum rauf? Dass diese Rechnung nicht rasant und automatisch zu blühenden Landschaften führt, hat zuletzt der republikanische Präsident George W. Bush zu spüren bekommen. Egal, Trump hat sein Heilsversprechen platziert.

Am Donnerstagnachmittag aber ist es dann soweit: Hillary Clinton betritt wieder die Wahlkampfbühne.

AP

Clintons Publikum in Greensboro

"Zu Hause rumzusitzen war das Letzte, was ich wollte", sagt sie bei ihrem Auftritt in Greensboro in North Carolina. "Aber es tut auch mal ganz gut, mit seinen Gedanken allein zu sein." Sie spricht betont gelassen, will reflektiert wirken, ein bewusster Gegenentwurf zu Trump. Dann versucht sie, ihre Krankengeschichte umzudeuten - sie macht eine politische Botschaft, eine "Message" daraus. Sie wolle kämpfen für all jene US-Bürger, die es sich eben nicht leisten könnten, bei Krankheit zu Hause zu bleiben. Für all jene, die "am Boden liegen und doch wieder aufstehen". Das Publikum in Greensboro jubelt.

Clinton weiß, dass dieser spontane Applaus nicht reicht: Ihr muss es gelingen, die große Zahl noch unentschlossener Wähler zu gewinnen, und nicht nur das. Sie muss auch die Leute in ihrem eigenen Lager erreichen. Denn selbst bei denen, die jahrelang demokratisch wählten, sitzt das Misstrauen gegen die Kandidatin Clinton tief. Wenn sie nicht noch deutlich mehr Anhänger ihrer eigenen Partei motiviert, wird sie verlieren.

Trump konnte in den vergangenen Tagen viel Boden gutmachen, das weiß Clinton auch. Sie versucht, seine Versprechen als hastig zusammengeschusterte Pläne zu entlarven, alles nur Theater. "Ich werde nie so ein Showman sein wie mein Konkurrent", sagt sie zum Schluss, "aber wenn es darauf ankommt, werde ich liefern."

Zusammengefasst: Nach drei Tagen krankheitsbedingter Abwesenheit hat Hillary Clinton wieder einen Wahlkampfauftritt absolviert. Sie trat reflektiert auf, betonte ihre sozialpolitische Agenda. Sie weiß, dass sie kontern muss, denn Donald Trump hat jetzt tagelang allein die politische Bühne beherrscht: Er hat Pläne zu Sozial- und Wirtschaftspolitik vorgestellt, liegt bei den Umfragen in wichtigen Bundesstaaten vorn und hat die Schlagzeilen beherrscht, Wähler erreicht. Clinton dagegen tut sich momentan schwer, ihre eigenen Anhänger ausreichend zu motivieren.

Clinton vs. Trump - Wer liegt in den Umfragen vorn?

insgesamt 52 Beiträge
blaubärt 16.09.2016
1. etwas mehr Recherche?
Etwas mehr Recherche stünde Spiegel nicht schlecht zu Gesicht. Die Videos aus New York zeigen zum einen, dass Hillary Clinton nicht kollabiert, wie bei einem Hitzschlag oder bei einer Lungenentzündung zu erwarten, sondern ganz [...]
Etwas mehr Recherche stünde Spiegel nicht schlecht zu Gesicht. Die Videos aus New York zeigen zum einen, dass Hillary Clinton nicht kollabiert, wie bei einem Hitzschlag oder bei einer Lungenentzündung zu erwarten, sondern ganz steif ist (aufrechter Kopf, steifes Bein). Zum anderen gab es allein in diesem Jahr eine ganze Reihe weiterer seltsamer Szenen mit Clinton: zB stocksteifer Aussetzer mitten in einer Rede, bizarres Kopfschütteln in einem Interview, wiederholtes Grimassenschneiden, andauerndes Kopfnicken während einer Anhörung und noch mehr. Ich habe mir auf www.vidzette.com die detaillierten Analysen von Dr. Noel angesehen, das ist inzwischen weit über irgendwelches Verschwörungsgeraune hinaus.
BlueMeister 16.09.2016
2. Clinton hat schon verloren
Das ist so, denn einige werden einfach garnicht wählen, statt eine angeschlagene, in dubiose Waffengeschäfte vertrickte Clinton. Trump muss seine Wähler einfach nur bei Laune halten. Der Rest erledigt sich von selbst. Pech für [...]
Das ist so, denn einige werden einfach garnicht wählen, statt eine angeschlagene, in dubiose Waffengeschäfte vertrickte Clinton. Trump muss seine Wähler einfach nur bei Laune halten. Der Rest erledigt sich von selbst. Pech für Amerika. Pech für Europa. Pech für die Welt.
Thomas Kossatz 16.09.2016
3. Recherche
Leider wird auch diese Diskussion wieder von Verschwörungstheoretikern dominiert. Die "Diagnose" stammt von einer Person, die Clinton nie untersucht hat, keine neurologische Erfahrung hat, als Verschwörungstheoretiker [...]
Leider wird auch diese Diskussion wieder von Verschwörungstheoretikern dominiert. Die "Diagnose" stammt von einer Person, die Clinton nie untersucht hat, keine neurologische Erfahrung hat, als Verschwörungstheoretiker bekannt ist und als Sprahrohr "Infowars" benutzt, eine Desinformations-Dreckschleuder, die von der angeblich erfundenen Mondlandung bis zu bizarren 9/11-Unsinn jede noch so abseitige VTidiotie unter das Volk bringt und damit reichlich Kohle macht. Das unreflektierte widerkäuen dieses Mülls als "Recherche" zu bezeichnen, ist ein Witz: Es ist eine Märchenstunde. Gegen die Behauptungen, die sich auf willkürliche Interpetationen stützen, stehen solide medizinische Untersuchungen, und man mag es nicht glauben, aber diese Ärzte haben die Patientin sogar untersucht - live und in Farbe.
niklot1147 16.09.2016
4. Donnerwetter
So eine stabile Gesundheit wünscht man sich. In drei Tagen eine Lungenentzündung kurieren, Hut ab. das kriegt der "Normalo" nicht hin. Der liegt drei Wochen im Bett. Wenn es nach der Gesundheit geht, ist sie die [...]
So eine stabile Gesundheit wünscht man sich. In drei Tagen eine Lungenentzündung kurieren, Hut ab. das kriegt der "Normalo" nicht hin. Der liegt drei Wochen im Bett. Wenn es nach der Gesundheit geht, ist sie die richtige Kandidatin.
ihawk 16.09.2016
5. Lungenentzündung in 3 Tagen geheilt?
Eine Führung von 1,5% liegt innerhalb des statistischen Fehlerbereichs von 3% und heißt nichts anderes als Hillary Clinton ist nicht in der Lage Donald Trump zu verhindern. Da über ihren Gesundheitszustand ganz offensichtlich [...]
Eine Führung von 1,5% liegt innerhalb des statistischen Fehlerbereichs von 3% und heißt nichts anderes als Hillary Clinton ist nicht in der Lage Donald Trump zu verhindern. Da über ihren Gesundheitszustand ganz offensichtlich auch nicht die Wahrheit gesagt wird, wird den Demokraten gar nichts anderes übrig bleiben, Hillary Clinton zum Rücktritt von der Kandidatur zu bewegen, denn Hillary Clinton ist inzwischen so ungeliebt wie kein anderer Präsidentschaftskandidat in der Geschichte der USA - allerdings knapp gefolgt von Donald Trump. Die US Wahl 2016 ist in meinen Augen das Verrückteste was die westliche Welt zu bieten hat. Der Rest der Welt verfällt in eine Art Angststarre ...
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