Politik

Ausschreitungen in Hongkong

Tag des Zorns

Mit einer machtvollen Demonstration wollte die Protestbewegung die Bilder von Pekings Militärparade kontern. Doch der Tag, der friedlich begann, endet erneut mit Gewalt - und das könnte Folgen haben.

Chris McGrath/ Getty Images
Von , Hongkong
Dienstag, 01.10.2019   16:30 Uhr

Ein paar Minuten lang schaut Herr Wong in Hongkong zu, als am Morgen die ersten Bilder von der Militärparade in Peking laufen. Dann schaltet er den Fernseher in seinem Gemüseladen ab, geht auf die Lockhard Road hinaus und zündet sich eine Zigarette an. "Sowieso keine Kundschaft heute", sagt er. "In spätestens zwei Stunden schließe ich das Geschäft und fahre den Rollladen herunter."

Denn zwei Stunden später kommen sie, wie inzwischen fast jede Woche einmal seit Beginn der Proteste Anfang Juni. Zuerst hören wie immer die Dingdings auf zu fahren, die alten Hongkonger Tramway-Wagen, dann bleiben auch die Autos aus, und dann gehört die Straße den Demonstranten. Sie marschieren durch die Hennessy und die Lockhart Road Richtung Westen, vorbei an den Hotels und Dimsum-Restaurants, am Hauptquartier der Polizei, am alles überragenden roten Turm der Bank of China. Das Ziel ist, wie immer, der Sitz der Stadtregierung.

Foto: Vincent Thian/AP/dpa

Doch heute, am 70. Jahrestag der Volksrepublik, liegt von Anfang an eine andere Angespanntheit über dem Protest. Ganz vorn, vor den Zehntausenden, die sich hinter ihm drängen, marschiert Leung Kwok-hung los, wegen seiner inzwischen grauen langen Haare unter dem Namen "Long Hair" bekannt. Begonnen hat Long Hair als Maoist, dann war er Trotzkist, inzwischen ist er einer der schärfsten Chinakritiker Hongkongs. Wenn Long Hairs Handy läutet, erklingt die Internationale.

"Fünf Forderungen!", ruft er durch das Megafon. "Und keine weniger!", antworten Hunderte Demonstranten. "Kämpft für Freiheit!", ruft er. "Haltet zu Hongkong!", antworten sie. So geht es anderthalb Stunden lang, über zwei Kilometer durch die Stadt.

Die Polizei hat den Marsch verboten, weil "extreme Handlungen" drohen würden. Die Bürgerrechtsbewegung, die den Marsch angemeldet hatte, zog ihren Antrag zurück. Long Hair und drei andere namhafte Aktivisten sprangen ein und riefen in ihrem Namen zum Protest auf, darunter der Anwalt Albert Ho, der einst den US-Whistleblower Edward Snowden beriet.

Sich an diesem Tag an die Spitze der Bewegung zu stellen, war riskant. "Es ist nicht auszuschließen, dass einer der vier rechtlich zur Verantwortung gezogen wird für Dinge, die heute noch passieren könnten", sagt einer von Long Hairs Begleitern. Aufrufe zu "unautorisierten Versammlungen" werden vergleichsweise milde bestraft. Sollte der Protest am Dienstag am Ende aber als "Aufruhr" eingestuft werden, läge die Strafe deutlich höher. "Bislang habe ich immer nur kurze Haftstrafen abgesessen", sagt Long Hair, als er im Zentrum der Stadt schließlich das Mikro aus der Hand legt. "Für mehrere Jahre ins Gefängnis zu gehen, macht mir Sorgen. Ich bin 63 Jahre alt."

In den Seitenstraßen formiert sich der harte Kern des Protests

Doch Long Hair, der lange als der radikalste unter Hongkongs Aktivisten galt, zählt seit Beginn der neuen Protestbewegung eher zum Lager der Gemäßigten. Als der Marsch, den er angeführt hat, am Nachmittag endet und die Mehrzahl der friedlichen Demonstranten sich zerstreuen, formiert sich in den Seitenstraßen erneut der harte Kern des Protests: die sogenannten Frontliners, die mit Helmen und Gasmasken ausgerüsteten jungen Leute, die den Konflikt mit der Polizei suchen.

Barrikaden werden errichtet und angezündet, Molotowcocktails geworfen. Die Polizei schlägt zurück, mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen. Helikopter kreisen über dem Regierungsviertel, und Stunde um Stunde werden jetzt auch aus anderen Stadtteilen gewalttätige Auseinandersetzungen gemeldet. Im Distrikt Tsuen Wan, berichtet am frühen Abend die "South China Morning Post", sei scharfe Munition eingesetzt und ein Demonstrant angeschossen worden.

Dutzende Einkaufscenter und Hunderte Geschäfte sind bereits seit dem Morgen verriegelt. Auch drei U-Bahn-Stationen sind geschlossen, im Lauf des Nachmittags kommen erst drei, dann fünf, dann neun weitere dazu. "Es wird erneut mit schweren Ausschreitungen enden", sagt resigniert ein anderer von Long Hairs Begleitern. "Ja, wir wollen, dass die Menschen auf die Straße kommen. Aber das wollen wir nicht."

In Gewalt und Gegengewalt liegt eine Gefahr

Denn in der Gewalt und massiven Gegengewalt, die für diesen Tag befürchtet worden war, liegt eine Gefahr, die über die Eskalation der vergangenen Wochen hinausgeht: Am Montag hatte die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Diplomaten berichtet, dass Chinas Führung die Zahl ihrer Truppen in Hongkong von bislang etwa 6000 mehr als verdoppelt habe.

Peking hatte bereits Mitte August Einheiten der Bewaffneten Volkspolizei an der Grenze zu Hongkong konzentriert und sie, weithin sichtbar, den Einsatz gegen Aufständische trainieren lassen. Danach sah es zunächst so aus, als belasse es Peking bei dieser drohenden Geste. Eine drastische Verschlechterung der Sicherheitslage in Hongkong aber könnte einen Eingriff Pekings wieder wahrscheinlicher machen.

Geplant war der Protest am chinesischen Nationalfeiertag als ein "Tag der Trauer" - so, wie ihn Hongkonger Aktivisten um Long Hair schon seit vielen Jahren begehen: Während Peking feiert, tragen sie an diesem Tag symbolisch die Freiheit zu Grabe. Zu enden droht er in diesem Jahr als "Tag des Zorns", zuerst der Protestierenden, und dann der Polizei.

insgesamt 67 Beiträge
senapis 01.10.2019
1. Masterfrage
Wie macht man Xi und den anderen Parteibonzen klar, dass nicht das Volk der Partei gehört? Zu lange hat die Mao-Nachfolgepartei das Volk unterdrückt und über Generationen hinweg zu braven und folgsamen "Arbeitsbienen" [...]
Wie macht man Xi und den anderen Parteibonzen klar, dass nicht das Volk der Partei gehört? Zu lange hat die Mao-Nachfolgepartei das Volk unterdrückt und über Generationen hinweg zu braven und folgsamen "Arbeitsbienen" degeneriert.
melnibone 01.10.2019
2. Falsche Fragestellungen ...
für Meinungen. Ich bewundere die Protestbewegung in Hongkong sehr und Danke allen, die sich gegen Obrigkeit dort und überall wehren; es wäre absolut für den angeblich ´freiheitsliebenden´´Westen´ wichtig, wie sich [...]
für Meinungen. Ich bewundere die Protestbewegung in Hongkong sehr und Danke allen, die sich gegen Obrigkeit dort und überall wehren; es wäre absolut für den angeblich ´freiheitsliebenden´´Westen´ wichtig, wie sich Regierungen positionieren ... und ab wann sie eingreifen würden. Mehr zu schreiben lohnt noch nicht Oder hat niemand auf dieser Welt diesen einen Satz zum 70-zigsten Staatsjubiläum Chinas vernommen ... die öffentlich/rechtlichen senden sowas ja immer brühwarm im Gegensatz zu anderen Medien ... Xi Jinping war der Meinung China ´lässt´ sich nicht mehr aufhalten ...
seneca55 01.10.2019
3. Die Zeit friedlicher Demos in HK sind anscheinend vorbei...
Die Provokationen gegen Beijing am Tag der Staatsgündung: "70 Jahre Volksrepublik" und 35 Jahre nach Abschluss der Verhandlungen über die Rückgabe an VRChina mit der UK-Regierung Meggy Thatcher's ist Bambule wie in HH [...]
Die Provokationen gegen Beijing am Tag der Staatsgündung: "70 Jahre Volksrepublik" und 35 Jahre nach Abschluss der Verhandlungen über die Rückgabe an VRChina mit der UK-Regierung Meggy Thatcher's ist Bambule wie in HH während der G-20-Krawalle 2017 "in der Schanze" angesagt. Das kann böse schon morgen enden. Also Hongkongs-Regenschirm-Bewegung-2019 wird bestimmt bald als "staatsfeindlich" deklariert und dann??
Europa! 01.10.2019
4. Es geht nicht um "Demokratie"
Die von Taiwan inspirierten und unterstützten Gewalttäter wollen ganz offensichtlich die Trennung Hongkongs von China. Angesichts der Geschichte ist das für Peking vollkommen unakzeptabel. Wer "kein Chinese" sein [...]
Die von Taiwan inspirierten und unterstützten Gewalttäter wollen ganz offensichtlich die Trennung Hongkongs von China. Angesichts der Geschichte ist das für Peking vollkommen unakzeptabel. Wer "kein Chinese" sein will, wird auswandern müssen. Ein Asylgrund sind die Gewalttätigkeiten allerdings nicht, und so werden die Täter allenfalls in Taiwan und vielleicht in den USA Unterschlupf finden.
aschu0959 01.10.2019
5. Gewalttätige Proteste in Hongkong sind kontraproduktiv
denn sie ermöglichen es der KP sie mit Gewalt zu beenden, und dabei nicht als Aggressor aufzutreten. Ich könnte mir auch ohne weiteres vorstellen, daß zumindest einige der "Aufrührer" von der Partei gezielt dafür [...]
denn sie ermöglichen es der KP sie mit Gewalt zu beenden, und dabei nicht als Aggressor aufzutreten. Ich könnte mir auch ohne weiteres vorstellen, daß zumindest einige der "Aufrührer" von der Partei gezielt dafür eingesetzt werden,für möglichst viel Bambule zu sorgen um ebendiese Reaktion der KP über- haupt erst zu ermöglichen.

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