Politik

Gewalt bei Massendemos im Irak

Kopfschüsse gegen die Wütenden

In nur sieben Tagen haben irakische Sicherheitskräfte mehr als 100 Menschen erschossen. Hinter dem brutalen Vorgehen bei den Demonstrationen stehen offenbar Milizen. Selbst Präsident Barham Salih ist empört.

Hadi Mizban/ AP/ DPA

Der Sarg eines Demonstranten, der bei einer Anti-Regierungs-Demonstration in Bagdad getötet wurde

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Mittwoch, 09.10.2019   13:02 Uhr

Nun, da das Internet nach rund einer Woche im Irak wieder zurück ist, zirkulieren erschütternde Aufnahmen in den sozialen Medien:

Solch Terror auf den Straßen von Bagdad oder Basra ist auch im Irak nicht an der Tagesordnung. Mehr als 100 Menschen wurden nach Angaben des irakischen Militärs in Bagdad und Städten im Südirak von den Sicherheitskräften erschossen, seit die Proteste am 1. Oktober losgingen. Mehr als 6000 Menschen wurden verletzt.

"Übertriebene Gewalt jenseits der Einsatzregeln"

Der irakische Präsident Barham Salih sprach in einer Fernsehansprache von "inakzeptablen" Attacken. Das irakische Militär schrieb in einer Stellungnahme von "übertriebener Gewalt jenseits der Einsatzregeln", man wolle die befehlshabenden Offiziere, die diese "falschen Handlungen" durchgeführt hätten, zur Verantwortung ziehen.

Hadi Mizban/ AP/ DPA

Regierungsgegner haben in Bagdad eine Barrikade errichtet

"Es wird nun untersucht, wer hinter dieser Gewalt steckt, denn der Verteidigungsminister und der Innenminister wissen es nicht", sagt Renad Mansour, Irak-Experte des Thinktanks Chatam House in London. "Viele sagen, dass es sich um kriminelle Elemente handelt. Aber es ist wichtig, festzuhalten, dass es sich um Bewaffnete handelt, die mit großer Präzision Kopfschüsse oder Brustschüsse abgeben - es handelt sich um sehr gut ausgebildete bewaffnete Gruppen, die nicht unter der Kontrolle des Staates stehen."

Es klingt unglaublich, dass selbst der Verteidigungsminister, zuständig für das Militär, oder der Innenminister, zuständig für die Polizei, nicht wissen könnten, wer hinter der brutalen Repression steckt. Doch tatsächlich sind die staatlichen Strukturen im Irak schwach; paramilitärische Gruppen sind oft stärker.

Milizen setzen auf Brutalität und Einschüchterung

Seit dem Einmarsch der USA 2003 in den Irak und der Auflösung der irakischen Armee ist es nicht wirklich gelungen, den Staat wiederherzustellen. "Zum Teil liegt dies auch daran, dass internationale Akteure lieber mit nichtstaatlichen Gruppen zusammenarbeiten", sagt Irak-Experte Mansour.

Er meint damit Irans Unterstützung für irakisch-schiitische Milizen, aber auch die deutsche Hilfe für die irakisch-kurdischen Peschmerga im Nordirak. "All diese bewaffneten Gruppen unterstehen nicht dem Staat, sondern einer politischen Partei. Sie stehen über dem Staat und über dem Gesetz", sagt Mansour. Die Milizen würden derzeit auf Brutalität und Einschüchterung gegen die Demonstranten setzen, um das bestehende System zu verteidigen.

Noch haben die Proteste zwar nicht aufgehört, allerdings erzählen einige junge Iraker aus Bagdad am Telefon, dass sie nun Angst haben. Fast jeder scheint jemanden zu kennen, der verhaftet wurde - oft nicht auf der Straße, sondern in den eigenen vier Wänden.

Hadi Mizban/ AP/ DPA

Ein verletzter Mann in Bagdad - die Einsatzkräfte gehen brutal vor

Die Proteste haben bisher keine erkennbaren Anführer. Sie entstanden aus einem gemeinsamen Gefühl der Wut. Viele junge Iraker sind es leid, in einem Land zu leben, wo vieles nicht funktioniert - keine zuverlässige Strom- und Wasserversorgung, keine Jobs, keine Perspektive, stattdessen Korruption, Misswirtschaft und die unheimliche Macht der Milizen.

Der Irak ist ein sehr junges Land, zwei Drittel der rund 40 Millionen Iraker sind unter 30 Jahre alt. Jedes Jahr drängen Hunderttausende Uni-Absolventen auf den Arbeitsmarkt, doch es gibt für sie kaum Jobs.

Einige der jungen Universitätsabsolventen hängen nun auf Plakaten in Bagdad; neben ihren Namen steht, was sie studierten. Es sind die Porträts getöteter Demonstranten.

insgesamt 8 Beiträge
syracusa 09.10.2019
1. bin empört
Zitat: "In nur sieben Tagen haben irakische Sicherheitskräfte mehr als 100 Menschen erschossen" Dieser unglaubliche Euphemismus der Medien empört mich immer wieder. Warum werden Mörder als [...]
Zitat: "In nur sieben Tagen haben irakische Sicherheitskräfte mehr als 100 Menschen erschossen" Dieser unglaubliche Euphemismus der Medien empört mich immer wieder. Warum werden Mörder als "Sicherheitskräfte" bezeichnet? Welche Sicherheit bieten diese denn, und für wen?
bestregards 09.10.2019
2. Und wenn der Milizionär keine Lust mehr hat ...
... kommt er als Migrant zu uns, und unsere Gesellschaft wundert sich über deren Gewaltbereitschaft. Unserer Regierung war offenbar nicht klar, daß wir - bei aller Hilfsbereitschaft, die ich (auch aktiv) unterstütze - in der [...]
... kommt er als Migrant zu uns, und unsere Gesellschaft wundert sich über deren Gewaltbereitschaft. Unserer Regierung war offenbar nicht klar, daß wir - bei aller Hilfsbereitschaft, die ich (auch aktiv) unterstütze - in der Hauptsache Menschen aufnehmen, deren ganzes bisheriges Leben aus Gewalt bestand. Hier ist mehr gefordert als nur die Unterstützung beim Erlernen von Sprachkenntnissen und die Gewährung eines Dachs über dem Kopf. Wir haben nur kaum Kräfte bzw. Organisationen die wirklich Nötiges leisten können.
AndreasKurtz 09.10.2019
3. Lybien, Irak, Syrien...
alles Länder, in denen der 'Westen' Freiheit und Demokratie durchsetzen wollten. Und zwar mit Kriegen, die mit Lügen begründet und angeheizt wurden. Das sagt eigentlich alles. Jeder kann sehen, was dabei herauskommt, jeder [...]
alles Länder, in denen der 'Westen' Freiheit und Demokratie durchsetzen wollten. Und zwar mit Kriegen, die mit Lügen begründet und angeheizt wurden. Das sagt eigentlich alles. Jeder kann sehen, was dabei herauskommt, jeder hätte es vorher wissen können. Deutschland hat immer mitgemacht, auch im Irak, nur damals noch heimlicher. Es ist ganz einfach: Profit und Macht, auch Imperialismus genannt.
Palmstroem 09.10.2019
4. Streit unter schiitischen Parteien
Hinter dem brutalen Vorgehen bei den Demonstrationen stehen offenbar Milizen. Um es genau zu sagen - schiitische Milizen. Im Irak versucht die iranischen Ajatollahs schon lange, ihren religiösen Fundamentalismus gegen [...]
Hinter dem brutalen Vorgehen bei den Demonstrationen stehen offenbar Milizen. Um es genau zu sagen - schiitische Milizen. Im Irak versucht die iranischen Ajatollahs schon lange, ihren religiösen Fundamentalismus gegen säkularere schiitische Parteien durchzusetzen.
HeisseLuft 09.10.2019
5. Das ist irre
Ach du meine Güte, wieder dieser Mist. Die USA und ihre Koalition sind auch verantwortlich. Aber keineswegs allein. Die anderen im Artikel genannten übersehen sie großzügig? "Auch wenn Saddam oder Gaddafi extrem waren [...]
Ach du meine Güte, wieder dieser Mist. Die USA und ihre Koalition sind auch verantwortlich. Aber keineswegs allein. Die anderen im Artikel genannten übersehen sie großzügig? "Auch wenn Saddam oder Gaddafi extrem waren - die Länder waren ruhig und ein Leben dort war möglich." Solche Statements mit dem einzigen Ziel den USA eins auszuwischen sind einfach gruselig. Zum Vergleich und zur werten Erinnerung: "Anfal-Operation (arabisch حملة الأنفال, DMG Ḥamlat al-Anfāl) ist der vom Irak verwendete Name für die zwischen 1988 und 1989 in acht Phasen durchgeführten genozidalen Maßnahmen des irakischen Baath-Regimes unter Saddam Hussein gegen die kurdische Bevölkerung und andere Minderheiten wie die Assyrer, und Chaldäer im Nordirak. ... Der Name Anfal gründet sich auf die Bezeichnung der achten Sure des Korans und bedeutet "Beute". Die Wahl einer religiösen Bezeichnung sollte die Zustimmung religiöser Sunniten fördern. ... Kurdische Quellen[4], internationale Beobachter so wie die UNESCO bezifferten die Zahl *der in der Anfal-Operation Ermordeten mit 180.000. Das damalige irakische Regime Saddam Husseins hielt die Zahl für übertrieben und setzte 100.000 Opfer als Höchstzahl fest, von Human Rights Watch/Middle East wird die Zahl auf 50.000 – 100.000 geschätzt.*" Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Anfal-Operation Forist Frankfurtbeat, es ist idiotisch und kontraproduktiv sich die Saddam-Diktatur und ähnliche Fälle in der Gegend schönzureden. Es ist richtig, dass die USA nicht deshalb gegen den Irak vorgegangen sind. Es ist aber ebenso richtig, dass die Verwerfungen all dieser Gesellschaften dort zum geringsten Teil an der Politik der USA liegen. Sie haben ihre Ursache viel mehr in der jahrzehntelangen Diktatur.

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