Politik

Antwort auf Irans Raketentest

Israel probt den Kriegsfall auf der Bäreninsel

Iran und der Westen belauern sich im Persischen Golf. Nun hat das Regime in Teheran eine Mittelstreckenrakete getestet. Israel und die USA antworten mit einer militärischen Machtdemonstration - in Alaska.

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Abwehrtests in Alaska: Eine Rakete des "Arrow-3"-Systems startet auf Kodiak

Von und
Dienstag, 30.07.2019   22:10 Uhr

Nach Kodiak verirren sich nur selten Politiker. Die US-Pazifikinsel vor der Südküste Alaskas ist die Heimat der braunen, bis zu 700 Kilo schweren Kodiakbären. Auch ein orthodoxes Priesterseminar befindet sich auf der abgeschiedenen Insel, die in etwa so groß ist wie Zypern, aber nur rund 13.000 Einwohner hat - zum Vergleich: In Berlin-Kreuzberg leben elfmal so viele Menschen.

Am vergangenen Wochenende reiste indes Ron Dermer nach Kodiak, Israels Botschafter in den USA. Das Ziel des Diplomaten: der Pacific Spaceport Complex, ein Raketenstartplatz an der Ostküste des Eilands.

Dort testeten Militärs beider Länder im Beisein von Dermer erfolgreich das gemeinsam entwickelte Raketenabwehrsystem "Arrow-3", auf Deutsch: Pfeil. Seit 2017 ist es Teil eines mehrstufigen Abwehrsystems des jüdischen Staats und kann ballistische Interkontinentalraketen außerhalb der Atmosphäre mit Hyperschallgeschwindigkeit abfangen.

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Raketenstart auf Kodiak: Die Insel ist Heimat von Bären, Mönchen und Militärs

Israels Premier Benjamin Netanyahu, der gegenwärtig auch Verteidigungsminister ist, verfolgte die drei Tests von Jerusalem aus. Kostenpunkt der Übung: geschätzt 80 Millionen Dollar. Den Großteil des Geldes sollen die Vereinigten Staaten übernommen haben, die neben dem Startplatz zu Testzwecken auch ein Radarsystem zur Erfassung ballistischer Raketen stellten, das in Israel stationiert ist. Bei der israelischen Kabinettssitzung anwesend war auch David Friedman, US-Botschafter in Israel.

Dass die Testreihe in Alaska stattfand und nicht in Israel, hat offiziellen Angaben zufolge den Grund, dass der Luftraum in dieser entlegenen Region weniger frequentiert ist als im Mittelmeerraum. Zudem seien in Alaska Funktionen des "Arrow-3"-Systems getestet worden, "die in Israel nicht getestet werden können", so das israelische Verteidigungsministerium vage.

Netanyahu bezeichnete die Tests, bei denen nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums mehrere Raketen oberhalb der Erdatmosphäre abgefangen wurden, als strategischen Erfolg. Sein Land sei nun in der Lage, "gegen ballistische Raketen vorzugehen, die aus Iran oder von einem anderen Ort aus auf uns abgefeuert werden", so der Premier.

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"Arrow-3" auf dem Schirm: Israels Premier Netanyahu und US-Botschafter Friedman in Israel

"Alle unsere Feinde sollten wissen, dass wir sie sowohl in der Verteidigung als auch im Angriff schlagen werden", fügte Netanyahu hinzu. Eine deutliche Warnung an den Erzfeind Iran.

Der Konflikt mit dem Regime in Teheran eskaliert seit Wochen - parallel zur Debatte über das umstrittene Atomprogramm Irans und zur angespannten Lage am Persischen Golf, wo sich Großbritannien, die USA und die Islamische Republik in der strategisch wichtigen Straße von Hormus belauern.

Erst in der vergangenen Woche attackierte Israels Luftwaffe Stellungen proiranischer Milizen in Syrien. Die Regierung in Jerusalem will mit diesen Angriffen verhindern, dass sich Iran im Grenzgebiet des Bürgerkriegslandes weiter festsetzt.

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Belauern am Golf: US-Marinesoldaten in der Straße von Hormus

Teheran zeigt sich davon öffentlich unbeeindruckt. Wie zum Beweis testete Iran ebenfalls in den vergangenen Tagen seine eigene Mittelstreckenrakete "Shahab 3", auf Deutsch: Meteor. Nach Erkenntnissen der US-Regierung feuerte das Militär eine Rakete aus dem Küstengebiet am Golf von Oman im Südwesten des Landes ab. Die Rakete ging demnach rund tausend Kilometer entfernt, nördlich von Teheran nieder.

Die "Shahab 3" kann mit Atomsprengköpfen bestückt werden, hat eine Reichweite von rund 1200 Kilometern und soll Israel nach rund zehn Minuten Flugzeit treffen können. Sie gehört damit zu den Waffen, vor denen das "Arrow-3"-System schützen soll. Nicht nur Israel, auch Saudi-Arabien verstärkt deshalb seine Raketenabwehr massiv. Vor zwei Jahren schloss Riad mit Washington einen Deal über die Lieferung des amerikanischen Thaad-Systems in Höhe von rund 15 Milliarden US-Dollar.

Die iranische Nachrichtenagentur Fars News zitierte einen Regierungsvertreter nun mit den Worten: "Das Raketenprogramm der Islamischen Republik ist rein defensiv und nicht gegen irgendein Land gerichtet." Es gehe nur darum, im Verteidigungsfall auf eine mögliche Aggression zu reagieren.

Donald Trump hat für Irans Verhalten nur mahnenden Spott übrig. Der US-Präsident twitterte am Montag: "Die Iraner haben noch nie einen Krieg gewonnen, aber noch nie eine Verhandlung verloren!"

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