Politik

Gefechte zwischen Israel und Hisbollah

Ein Kriegsschauspiel

Israels Militär und die Hisbollah-Miliz liefern sich eines der schwersten Gefechte seit mehr als einem Jahrzehnt. Beide setzen auf eine sehr riskante Taktik mit kalkulierter Eskalation - und Theater.

ATEF SAFADI/EPA-EFE/REX

Israeli beobachtet Rauch nach Hisbollah-Angriff: Eine der schwersten Zwischenfälle seit 2006

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Montag, 02.09.2019   18:05 Uhr

Die Bilder sind dramatisch: Ein Militärhubschrauber landet auf einer israelischen Armeebasis wenige Hundert Meter von der libanesischen Grenze entfernt. Auf Tragen werden zwei Soldaten in den Helikopter geschoben. Der Hubschrauber hebt ab und landet später auf dem Gelände des Rambam-Krankenhauses in Haifa. Blutverschmiert und bandagiert werden die Soldaten aus dem Armeehelikopter gebracht und in einen Krankenwagen geschoben. Und wenig später schon wieder entlassen.

Denn die Soldaten waren überhaupt nicht verletzt. Sie wurden geschminkt und verbunden, sie spielten mit in einer Scharade. Ziel war es, die libanesische Hisbollah-Miliz zu täuschen. Und das ist gelungen.

Gil NEHUSHTAN / AFP

Vermeintlich verletzter Soldat in Haifa: Schauspiel zur Täuschung der Hisbollah

Die Hisbollah hatte am Sonntagnachmittag mindestens drei Antipanzerraketen vom Typ Kornet auf einen israelischen Militärposten sowie Armeefahrzeuge in der Nähe der Ortschaft Avivim abgefeuert. Die israelischen Streitkräfte reagierten, indem sie rund hundert Artilleriegranaten auf das libanesische Gebiet nahe der Kleinstadt Maroun al-Ras abfeuerten, von dem aus die Kornet-Raketen abgefeuert worden sein sollen.

Eine Eskalation mit Ansage

Die Hisbollah behauptete, sie habe bei ihrem Angriff mehrere israelische Soldaten getötet und verletzt. Der Fernsehsender der Miliz, al-Manar, strahlte die Bilder der vermeintlich verletzten israelischen Soldaten aus. Doch nachdem sich die Lage im Grenzgebiet beruhigt hatte, stellte das israelische Militär klar, dass es weder Verletzte noch Tote in den eigenen Reihen gegeben habe. Eine weitere Eskalation hänge allein von der Hisbollah ab. Die libanesische Miliz teilte ihrerseits mit, dass der Zwischenfall aus ihrer Sicht beendet sei und der Ball nun im israelischen Feld liege.

Die Eskalation am Wochenende - einer der schwersten Zwischenfälle seit dem Zweiten Libanonkrieg 2006 - hatte sich seit Tagen abgezeichnet.

ANWAR AMRO / AFP

Trümmer nach Drohnenangriff südlich von Beirut: Erste israelische Attacke seit 2006?

Noch am selben Abend drohte Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah mit Vergeltung: "Ich sage allen Bewohnern des besetzten Palästinas (Nasrallah meint Israel, Anmerkung der Redaktion): Lebt nicht normal! Fühlt euch nicht sicher und glaubt nicht eine Sekunde daran, dass die Hisbollah so eine Aggression hinnehmen wird."

Sein Stellvertreter Naim Qassem kündigte kurz darauf für die nächsten Tage eine "überraschende Antwort" auf den mutmaßlich israelischen Drohnenangriff an. Diese werde man so kalkulieren, dass sie nicht zu einem neuen Krieg mit Israel führe. "Ich schließe aus, dass es eine Kriegsatmosphäre gibt", sagte Qassem dem russischen Staatssender RT. "Es geht um eine Antwort auf einen Angriff."

Die Taktik der vermeintlich kalkulierten Eskalation ist höchst riskant

Dies ist nun am Sonntagnachmittag erfolgt. Und zwar so, dass sowohl Nasrallah als auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu damit leben können. Die Hisbollah hatte der israelischen Armee eine Woche Zeit gegeben, sich auf einen Angriff vorzubereiten. Das Militär nutzte die Zeit, um die Scharade mit den vermeintlich verletzten Soldaten vorzubereiten. Das gab der Hisbollah auch die TV-Bilder, die sie braucht, um bei der eigenen Basis zu punkten. Israels Armee kann sich wiederum damit brüsten, den Feind mit dem Schauspiel getäuscht zu haben.

REUTERS/Stringer

Libanesische Feuerwehr am Grenzzaun: Israelische Granaten lösten Brände aus

Und doch ist diese Taktik der vermeintlich kalkulierten Eskalation auf beiden Seiten höchst riskant. Hätte die Hisbollah bei ihrem Angriff am Sonntag einen israelischen Soldaten getötet, wäre Netanyahu zwei Wochen vor der Parlamentswahl kaum um eine breit angelegte Militäroffensive gegen die Miliz im Libanon herumgekommen. Hätte eines der israelischen Artilleriegeschosse einen Menschen auf libanesischer Seite getötet, wäre die Hisbollah nach der selben Logik fast schon gezwungen gewesen, weitere Ziele in Israel anzugreifen, um nicht vor den eigenen Anhängern als Verlierer dazustehen.

Diese Eskalationsrunde ist glimpflich ausgegangen. Dass muss aber längst nicht für die nächste gelten.

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