Politik

Jemenkrieg

Die Emirate treten den Rückzug an (es soll nur niemand merken)

Heimlich, still und leise haben die Vereinigten Arabischen Emirate einen Großteil ihrer Truppen aus dem Jemen abgezogen. Um Saudi-Arabien nicht zu brüskieren, findet die Aktion diskret statt.

REUTERS/Fawaz Salman/File Photo

Emiratische Soldaten auf dem Flughafen von Aden (2015): "Wir werden kein Vakuum hinterlassen"

Von
Mittwoch, 03.07.2019   22:00 Uhr

Es gibt für Regierungen zwei Wege, sich aus Kriegen im Ausland herauszuziehen. Wladimir Putin und Donald Trump haben sich für maximale Aufmerksamkeit entschieden.

Der Kreml-Chef hat schon mehrfach öffentlichkeitswirksam den Abzug eines Großteils der russischen Truppen aus Syrien angekündigt. Der US-Präsident kündigte seinerseits Ende 2018 an, die rund 2000 amerikanischen Soldaten aus Syrien abzuziehen. Passiert ist in beiden Fällen wenig. Noch immer sind Tausende russische und amerikanische Soldaten in dem Bürgerkriegsland stationiert.

Das Herrscherhaus der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) geht den umgekehrten Weg: In den vergangenen Wochen und Monaten haben die Emirate einen Großteil ihrer Truppen aus dem Jemen abgezogen, ohne darüber öffentlich ein Wort zu verlieren.

"Wir werden kein Vakuum hinterlassen"

Erst auf Nachfrage der Nachrichtenagentur Reuters räumte ein Regierungsbeamter in Abu Dhabi ein, dass es "einige Truppenbewegungen" der VAE im Jemen gegeben habe. Er stellte aber zugleich klar: "Wir werden kein Vakuum hinterlassen."

Seit März 2015 bemüht sich ein Bündnis mehrerer arabischer Staaten - angeführt von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten -, die von Iran protegierten Huthi-Milizen aus der Machtposition zu vertreiben. Der Krieg hat seither Zehntausende Zivilisten das Leben gekostet. Sie sind entweder durch Kampfhandlungen gestorben oder an unmittelbaren Kriegsfolgen wie Mangelernährung und Seuchen.

Elana DeLozier, Golfstaaten-Spezialistin am Washington Institute for Near East Policy, schreibt unter Berufung auf mehrere Quellen in den Emiraten, dass sich die VAE-Truppen gänzlich aus der Provinz Marib östlich von Sanaa zurückgezogen hätten. Auch aus der Provinz Hudaida am Roten Meer seien 80 Prozent der emiratischen Einheiten abgezogen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung der Emirate

Nach DeLoziers Erkenntnissen hat der Abzug schon vor Monaten begonnen. Der Rückzug ist demnach eine Folge des Stockholmer Abkommens vom Dezember vergangenen Jahres, das eine Feuerpause in der Provinz Hudaida vorsieht. Bis dahin hatte sich die Militäroffensive der Emirate auf genau jenes Gebiet am Roten Meer konzentriert.

AFP

Marine-Einheiten der VAE vor der Küsten Jemens

Mit der Waffenruhe sei nun die Stunde der Verhandler und der Vereinten Nationen gekommen, daher habe sich Abu Dhabi bis auf seine Anti-Terroreinheiten aus der Region zurückgezogen.

Westliche Diplomaten vermuten andere Motive: Nach Einschätzung von US-Experten habe sich in den Emiraten schlicht die Erkenntnis durchgesetzt, dass die militärischen, finanziellen und politischen Kosten der Jemen-Offensive den tatsächlichen Nutzen nicht mehr aufwiegen. Schließlich habe der Krieg bisher zu einer Pattsituation geführt, die das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis nicht zu seinen Gunsten wenden könnte.

AFP

Hilfslieferung im Hafen von Hudaida: Seit Dezember gilt am Roten Meer eine Waffenruhe

Andere Diplomaten sehen in dem Abzug eine Reaktion auf die jüngsten Spannungen in der Irankrise und die Attacken auf Tanker vor der Küste der Emirate. Aus Sorge vor einer weiteren Eskalation habe sich das Herrscherhaus entschieden, seine Truppen zurückzuholen, damit sie im Ernstfall rasch bei der Landesverteidigung eingesetzt werden können.

Die Emirate haben noch immer 10.000 Söldner aus dem Sudan im Einsatz

Mohammed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi und mächtigster Mann des Herrscherhauses, hat gute Gründe dafür, seine Truppenverlegung nicht öffentlich zu machen:

Wenn nun auch noch die Emirate ihre Beteiligung offiziell zurückfahren, würde das für Kronprinz Mohammed bin Salman, den Architekten der Jemen-Offensive, einen Gesichtsverlust bedeuten.

AFP

Verbündete Mohammed bin Zayed und Mohammed bin Salman: MBZ und MBS

Es gibt aber noch immer rund 10.000 Söldner aus dem Sudan, die von den Emiraten eingekauft wurden. Sie sollen im Jemen bleiben - und nun sicherstellen, dass die von der Militärkoalition unterstützten einheimischen Kräfte nicht wieder von den Huthis überrannt werden.

insgesamt 12 Beiträge
freidenker! 03.07.2019
1. Anwendung geschichtlicher Erkenntnisse
Ein Blick in die Geschichtsbücher läßt erkennen, dass die aus machtpolitischen/wirtschaftlichen Gründen geführten Kriege, - auch wenn man sie gewinnt -, letzten Endes nur zum Verdruß führen. Nur Verluste an Menschenleben, [...]
Ein Blick in die Geschichtsbücher läßt erkennen, dass die aus machtpolitischen/wirtschaftlichen Gründen geführten Kriege, - auch wenn man sie gewinnt -, letzten Endes nur zum Verdruß führen. Nur Verluste an Menschenleben, Finanzverluste, Materialverluste und Umweltschäden. Und moralisch gesehen ist dies sowieso ein Defizit, schon vom Grundsatz her gesehen. Und wie oft hat man vor Beginn des Kriegskonfliktes gesagt, dass dies eine leichte Angelegenheit sei und die Truppen innerhalb kürzester Zeit wieder zuhause seien. Was für ein Trugschluss und Trugbild. Wie oft ist das Gegenteil eingetreten. Und wie oft wurde eine Armee, die mit gewaltiger Übermacht in ein Land einfiel von einer kleinen Truppe mit tausenden Nadelstichen in die Knie gezwungen. Und kann man mit Waffengewalt die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen? Die Fragen sollten sich die Eliten stellen. Davon abgesehen werden Kriege auch deswegen geführt um nur an der Macht zu bleiben. Aber was ist Macht, wenn man noch nicht einmal die Macht hat beispielsweise der eigenen Krankheit oder gar dem Tod zu entkommen. Auch der Reichtum ist nur eine Chimäre, etwas vergängliches. Man fragt sich was der ganze Blödsinn eigentlich soll. Man sollte die Lehren aus den geschichtlichen Erkenntnissen ziehen und die Menschen in anderen Ländern nicht mit Gewalt und Terror drangsalieren. Man sollte an der eigenen Persönlichkeit arbeiten und die Gier in einem selbst überwinden und Fanatismus jedlicher Art vermeiden. Das ist der bessere Weg.
Daniel B. aus KL 04.07.2019
2. Regierung?
Es geht also weiterhin darum, "die international anerkannte Regierung von Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi" (Merke: das sind die Guten!, sonst würde bei dem völlig demokratiefrei von Saudi Arabien an die Macht gebrachten Hadi [...]
Es geht also weiterhin darum, "die international anerkannte Regierung von Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi" (Merke: das sind die Guten!, sonst würde bei dem völlig demokratiefrei von Saudi Arabien an die Macht gebrachten Hadi "Regime" und "Diktator" stehen müssen!) gegen die von Iran protegierten Huthis (Merke: die Bösen! allein schon wegen des Bezugs zum Iran!) zurück an die Macht zu bringen.
eizboks 04.07.2019
3. es ist richtig...
... dass der Einsatz im Jemen teuer ist. Genauso richtig ist aber auch, dass die VAE ihr Ziel erreicht haben: die wirtschafts-strategische Kontrolle über die jemenitischen Häfen und die Insel Sokotra. Mehr ist dort nicht zu [...]
... dass der Einsatz im Jemen teuer ist. Genauso richtig ist aber auch, dass die VAE ihr Ziel erreicht haben: die wirtschafts-strategische Kontrolle über die jemenitischen Häfen und die Insel Sokotra. Mehr ist dort nicht zu holen.
motoko_kusanagi 04.07.2019
4. Schande
Das die Bundesregierung - allen voran unser Werte-Außenminister - die Allianz des Kriegstreibers Saudi-Arabien diplomatisch und mit Waffenlieferung unterstützt; die barabarischen Zustände im Land und deren Untersützung [...]
Das die Bundesregierung - allen voran unser Werte-Außenminister - die Allianz des Kriegstreibers Saudi-Arabien diplomatisch und mit Waffenlieferung unterstützt; die barabarischen Zustände im Land und deren Untersützung schiitischer terroristische Gruppen nicht kritisiert, ist eine Schande. Andererseits einen "Stellvertreterkrieg" gegen Iran zu akzeptieren (die wahrlich auch nicht zimperlich sind) und gleichzeitig ebenfalls "Deals" (Atomabkommen) halten wollen ist an Heuchlerei nicht zu überbieten. Weil also offenkundig die Welt komplex ist und weder dies noch das mit glorreichen Ruhm zu händeln ist, wäre zumindest für mich der "Werte"-Maßstab, dass es unakzeptabel ist vier Jahre Krieg eines (zumindest formal) größten arabischen Militärbündnis mit gigantischen finanziellen und militärischen Mitteln ("Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt" kommt einem doch irgendwie bekannt vor) zu unterstützen gegn einer der ärmsten Länder der Welt. Nach meiner Meinung macht sich die Bundesrepublik mitschuldig am ständigen Versuch des Völkermords!
Klaus David 04.07.2019
5. Anmerkung
Sie wissen aber schon, das Schiiten und Sunniten gegensätzlich sind. Saudi-Arabien ist sunnitisch, akzeptiert keine anderen Religionen = IS = Al Quaida usw. Iran ist schiitisch = etwas moderater im Umgang mit Glaubensfragen [...]
Zitat von motoko_kusanagiDas die Bundesregierung - allen voran unser Werte-Außenminister - die Allianz des Kriegstreibers Saudi-Arabien diplomatisch und mit Waffenlieferung unterstützt; die barabarischen Zustände im Land und deren Untersützung schiitischer terroristische Gruppen nicht kritisiert, ist eine Schande. Andererseits einen "Stellvertreterkrieg" gegen Iran zu akzeptieren (die wahrlich auch nicht zimperlich sind) und gleichzeitig ebenfalls "Deals" (Atomabkommen) halten wollen ist an Heuchlerei nicht zu überbieten. Weil also offenkundig die Welt komplex ist und weder dies noch das mit glorreichen Ruhm zu händeln ist, wäre zumindest für mich der "Werte"-Maßstab, dass es unakzeptabel ist vier Jahre Krieg eines (zumindest formal) größten arabischen Militärbündnis mit gigantischen finanziellen und militärischen Mitteln ("Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt" kommt einem doch irgendwie bekannt vor) zu unterstützen gegn einer der ärmsten Länder der Welt. Nach meiner Meinung macht sich die Bundesrepublik mitschuldig am ständigen Versuch des Völkermords!
Sie wissen aber schon, das Schiiten und Sunniten gegensätzlich sind. Saudi-Arabien ist sunnitisch, akzeptiert keine anderen Religionen = IS = Al Quaida usw. Iran ist schiitisch = etwas moderater im Umgang mit Glaubensfragen und eigentlich kein Terrorunterstützer, nur weil er die Hisbollah im Libanon unterstützt. Da geht´s vorrangig eher um die Umsetzung beschlossener Vereinbarungen. Wenn Israel die Zweistaatenlösung umsetzen würde, dann könnte schon lange Ruhe da unten sein. Aber unsere Hardcore-Ami-Weltbeherrscher-Unterstützer hier sind ja auf dem Auge gerne blind!

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