Politik

Kandidatenmisere der US-Republikaner

Newt Gingrich stolpert in den Kampf

Wer nimmt es 2012 mit Barack Obama auf? Noch hat bei den Republikanern niemand offiziell seinen Anspruch angemeldet. Allein Skandalnudel Newt Gingrich wagt sich einen halben Schritt vor - und setzt Konkurrenten wie Sarah Palin unter Zugzwang.

REUTERS/ Atlanta Journal-Constitution
Von , New York
Freitag, 04.03.2011   12:21 Uhr

Die Erklärung kommt zwischen Tür und Angel. Newt Gingrich tritt im Kapitol von Georgia an ein schmales Pult, flankiert von Flaggen und einem Gummibaum. Gerade hat er mit Gouverneur Nathan Deal konferiert, es ging um die Unabhängigkeit der US-Bundesstaaten von Washington, doch "ich weiß, dass einige von Ihnen wegen eines zweitrangigen Themas hier sind", grummelt Gingrich.

Das "zweitrangige" Thema ist natürlich das wichtige - die Polit-Ambitionen Gingrichs. Die gibt der Ex-Sprecher des US-Repräsentantenhauses allerdings erst nach einem länglichen Vortrag über die Verfassungsrechte der Staaten bekannt und nur auf Nachhaken einer Reporterin: "Werden Sie für das Präsidentenamt kandidieren?"

Gingrich antwortet mit einem endlos scheinenden Satzlabyrinth (die Konjunktur, der Haushalt, der Zustand der Nation) und schließt dann, gemünzt auf die Frage nach der Kandidatur: "Wir werden uns das sehr ernsthaft anschauen, und wir werden das Gerüst für das, was wir als nächstes tun werden, methodisch anlegen." Sprach's - und entschwand.

Mit diesem seltsamen Auftritt ist das Rennen eröffnet. Gingrich ist der erste Republikaner, der sein tatsächliches Interesse an einer Kandidatur bekundet. Seit Monaten laviert die Konkurrenz herum, immer wieder gibt es Gerüchte und Spekulationen um Sarah Palin, Mike Huckabee, Mitt Romney & Co. - doch es ist Gingrich, der fast vergessene alte Hase, der sich nun ins Rampenlicht wagt, während die anderen noch hadern. Lange können sie das nun nicht mehr.

Die Szene am Donnerstag in Atlanta war typisch Gingrich: bierernst, kryptisch und "bizarr", wie das Online-Magazin "Politico" fand - "willkommen zurück in Newts Welt". Andere starten in den Wahlkampf mit Blasmusik und Claqueuren. Gingrich startet, nun ja, wie Gingrich eben: unkoordiniert, undiszipliniert, beinahe barsch.

Parallel geht Gingrichs neue Web-Seite online: NewtExplore2012.com. Dort präsentiert er sich nebst Gattin Callista mit der Ankündigung: "Wir freuen uns darauf herauszufinden, ob es genügend Unterstützung für meine potentielle Kandidatur als Präsident dieses außergewöhnlichen Landes gibt." Ein Button führt zum Spendenzentrum, das eine gestaffelte Teilhabe an dieser Kandidatur offeriert: 25, 50, 100 , 250, 1000 oder 2500 Dollar (die gesetzliche Höchstsumme).

Scheidungen, Affären - und starke Fangemeinde an der Basis

Die kommenden Wochen dürften eine Welle weiterer Absichtserklärungen bringen. Die US-Republikaner dürsten nach Kandidaten. Nicht zwingend nach guten Kandidaten, sondern überhaupt nach Kandidaten: Keiner in der Runde der möglichen Herausforderer kann US-Präsident Barack Obama bisher das Wasser reichen. Viel Zeit bleibt nicht mehr: Die erste Fernsehdebatte des Vorwahlkampfes ist auf den 2. Mai terminiert.

Gingrich ist der Erste - und er braucht den Vorsprung. Schließlich schleppt er weit mehr Ballast mit sich herum als seine Rivalen, ein gefundenes Fressen für die Recherche-Teams der Konkurrenz, erst recht die in der eigenen Partei.

Newton Leroy Gingrich begann seine politische Karriere in den siebziger Jahren, bis er schließlich 1989 Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus wurde. Aus dem aktiven Geschäft Washingtons ist Gingrich seit 1998 verschwunden, als er in Ungnade abdankte. Für viele Amerikaner steht er aber nach wie vor für wenig rühmliche Kapitel der Washingtoner Politik, wegen seiner Beteiligung am Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton etwa und an der extrem polarisierenden Politik der Republikaner damals. Außerdem hängen dem selbsternannten Moralapostel etliche Frauengeschichten nach, darunter zwei Scheidungen und Affären mit jüngeren Damen.

Gingrichs Halbbekenntnis zur Kandidatur verschafft ihm nun einen Zeitvorteil und vermutlich auch einen finanziellen. Denn der Schritt hat formale Konsequenzen: Gingrich darf jetzt Spenden sammeln, ein Wahlkampfteam anheuern und Meinungsumfragen in Auftrag geben. Die Namen seiner Unterstützer braucht er aber erst zu offenbaren, wenn er die Kandidatur wirklich offiziell macht. Da Gingrich ein komplexes Netz aus Firmen und privaten Umsatzquellen unterhält, muss er dieses erst entwirren und sich notfalls davon lösen - daher die etwas verquaste Ankündigung in kleinen Schritten.

Seit seinem Rückzug aus Washington hat sich Gingrich mehrfach neu zu erfinden versucht, als Autor, Aktivist, TV-Kommentator und Thesenpapst. Er kennt sein Publikum, weiß, welche Maske er aufsetzen muss - was zu einem chaotischen Sammelsurium an Standpunkten geführt hat.

Gingrich hat eine starke Fangemeinde an der Basis und die goldene Gabe, Spendengelder zu sammeln - ein Talent, das so außer ihm in den Reihen der Republikaner nur Alaskas Ex-Gouverneurin Palin besitzt. Doch den schwersten Stand hat Gingrich, glaubt man dem Flurfunk, bei den Parteifreunden: Sie sehen seine Widersprüche als unüberwindbares Hindernis im Image-Krieg eines Vorwahlkampfes. Mehrere Kommentatoren verglichen ihn am Donnerstag mit Charlie Sheen, dem Absturzstar aus Hollywood.

Wo ist Sarah Palin?

Wahlkämpfe bringen das Beste eines Kandidaten ebenso ans Licht wie das Schlechteste. Bei Gingrich ist das meiste bekannt: die Affären, seine oft obskuren Ideologien, seine schwergängigen Romane, sein Faible für Religion in der Politik, seine Autorenschaft des "Contract with America", dem republikanischer Fanal der neunziger Jahre, das die Partei ins Abseits schoss. Gingrich ist, wie Korrespondent Kilgore schreibt, "das Gegenteil von einem frischen Gesicht" - profillos, chamäleonhaft und zugleich ein "Mikrokosmos der modernen Republikanischen Partei, personifiziert in einem komplizierten Mann". Es wird schwer werden, den US-Wählern das zu verkaufen.

Die Rivalen ließen sich bisher Zeit. Attraktive Namen wie Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, und Jeb Bush, der Ex-Gouverneur von Florida und Bruder der früheren Präsidenten George W. Bush, sitzen das Rennen vorerst noch aus. Um Sarah Palin - ebenfalls eine auf der Lohnliste von Fox News - ist es seit ihrem PR-Debakel nach dem Attentat von Arizona auffallend still geworden.

Nur Mike Huckabee, schon 2008 ein letztendlich erfolgloser Bewerber, tingelt unermüdlich durch die Lande und die Presse - schließlich ist er auf Lesereise für sein neues Buch mit dem Bandwurmtitel: "A Simple Government: Twelve Things We Really Need from Washington (and a Trillion That We Don't!)." Mal dementiert er: "Wenn ich antrete, würde ich ein ziemlich gutes Einkommen aufgeben." Mal kokettiert er: "Ich ziehe es sehr ernsthaft in Betracht."

In den meisten Umfragen liegt Huckabee vorne, um die Plätze danach zanken sich, in stets wechselnder Rangfolge, Palin, Romney, Ron Paul, Tim Pawlenty, Donald Trump, Mitch Daniels, Rick Santorum, Haley Barbour und andere. Kaum einer kommt über 20 Prozent.

In der jüngsten Umfrage landete Newt Gingrich hinter Huckabee und Romney auf dem dritten Platz - mit 13 Prozent.

insgesamt 31 Beiträge
Lichtenbruch 04.03.2011
1. Bloß nicht die Palin!
Wer weiß, wie viele Irre die Republikaner bzw. die Heinis von der Tea Party ins Rennen werfen? Bislang habe ich aber nur die Sorge, dass diese völlig durchgeknallte Sarah Palin Präsidentin werden könnte. Hilfe! Newt [...]
Zitat von sysopWer nimmt es 2012 mit Barack Obama auf? Noch hat bei den Republikanern niemand offiziell seinen Anspruch angemeldet. Allein Skandalnudel Newt Gingrich wagt sich einen halben Schritt vor - und setzt Konkurrenten wie Sarah Palin unter Zugzwang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,748962,00.html
Wer weiß, wie viele Irre die Republikaner bzw. die Heinis von der Tea Party ins Rennen werfen? Bislang habe ich aber nur die Sorge, dass diese völlig durchgeknallte Sarah Palin Präsidentin werden könnte. Hilfe! Newt Gingrich halte ich da für sehr viel angenehmer, obwohl ich nicht denke, dass er eine Chance hat!
Tristan Steiner 04.03.2011
2. Ron Paul
Mein Wunschkandidat wäre Ron Paul. http://bavaria-for-ron-paul.blogspot.com/2011/03/ron-paul-to-ben-bernanke-i-want.html
Mein Wunschkandidat wäre Ron Paul. http://bavaria-for-ron-paul.blogspot.com/2011/03/ron-paul-to-ben-bernanke-i-want.html
hippo-jk 04.03.2011
3.
Die Fahrt in der Geisterbahn ist eröffnet. Und wir in Europa werden staunend zuschauen über soviel geballte Dummheit und Perfidität und hoffen, daß die Gespenster aus dem letzten Kreuzzug nicht an die Schaltstellen der Macht [...]
Die Fahrt in der Geisterbahn ist eröffnet. Und wir in Europa werden staunend zuschauen über soviel geballte Dummheit und Perfidität und hoffen, daß die Gespenster aus dem letzten Kreuzzug nicht an die Schaltstellen der Macht im 21. Jahrhundert kommen...
axelkli 04.03.2011
4. ,.,.,.
interessant und beängstigend. Aber der Link zu Gingrichs Seite ist fehlerhaft. Ein /com zuviel.
interessant und beängstigend. Aber der Link zu Gingrichs Seite ist fehlerhaft. Ein /com zuviel.
Tengoinfo 04.03.2011
5. Obama vs. ?
Ist schon erstaunlich, da wiederholen die Konservativen in einer Endlosschleife das Obama den Kontakt zum Volk verloren hat, ja sogar gegen den Willen des Volkes regiert, aber gegen ihn antreten traut sich so wirklich niemand ^^ [...]
Ist schon erstaunlich, da wiederholen die Konservativen in einer Endlosschleife das Obama den Kontakt zum Volk verloren hat, ja sogar gegen den Willen des Volkes regiert, aber gegen ihn antreten traut sich so wirklich niemand ^^ Dazu kommt, wie will sie diese nach rechtsaußen gerutschte Partei auch auf einen Kandidaten einigen der für auch den Rest des Wählervolkes einigermaßen attraktiv ist?

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