Politik

Rücktritt des britischen Botschafters in Washington

Beschleunigter Abgang

Londons US-Botschafter kritisierte Donald Trump - und verlor seinen Job. Der diplomatische Skandal zeigt, dass selbst die "special relationship" der USA mit Großbritannien derzeit nur noch ein beliebiger Deal ist.

SAUL LOEB/AFP

Eingang der britischen Botschaft in Washington

Von , New York
Mittwoch, 10.07.2019   20:46 Uhr

Der wichtigste Job von Diplomaten ist es, ihrer Regierung unverblümt die Wahrheit zu sagen über das Land, in dem sie stationiert sind - aber auf dem geheimen Dienstweg. Als Gérard Araud, Frankreichs letzter Botschafter in Washington, Donald Trump zum Abschied im April offen als "etwas primitiv" bezeichnete, war allein das ungewöhnlich riskant.

Auch Londons US-Botschafter Kim Darroch beherrschte die perfekte Diskretion. Die Gartenpartys in seiner historischen Residenz waren bei Trump-Leuten beliebt, und Darroch selbst wahrte stets die höfliche Maske, hofierte Trump in Interviews sogar als "absolut charmant".

Dagegen sprach er in seinen internen Memos an die Heimat immer schon das aus, was selbst manche US-Republikaner denken: Trump sei "inkompetent" und das Weiße Haus "einzigartig dysfunktional".

Nicht Neues. Doch dann lancierte jemand diese Depeschen gezielt an die britische Presse. Trump reagierte mit der erwarteten Twitter-Tirade - und jetzt ist Darroch seinen Topjob los. Am Mittwoch trat der altgediente Diplomat zurück, nachdem er beidseits des Atlantiks keinen Rückhalt mehr sah: "Die momentane Situation macht es mir unmöglich, meine Rolle so zu erfüllen, wie ich es mir wünsche."

Paul Morigi/AFP

Kim Darroch

Darroch, 66, wäre zum Jahresende sowieso zurückgegangen. Sein beschleunigter Abzug illustriert, wie fragil selbst die einst so brüderlichen Beziehungen zwischen Washington und London geworden sind. Unter Trump ist alles, selbst die "special relationship", nur noch ein Deal, eine Transaktion: Versprechen, Verträge, Personen und, ja, Staaten sind über Nacht kündbar - Hauptsache, Trump bekommt seinen Willen.

Schmeicheleien beim Staatsbesuch

Vor allem, wenn sein künftiger Gegenpart Boris Johnson, der britische Premier in spe, ihm ideologisch nahesteht - und außerdem weiß, dass Großbritannien nach einem Brexit auf Trumps Gunst angewiesen ist.

So wird Darroch zum prominentesten Bauernopfer beim Versuch, Trump bei Laune zu halten. Wie sehr das die Briten spaltet, zeigte sich schon bei Trumps Staatsbesuch im Juni: Da schmeichelten die Queen und die scheidende Premierministerin Theresa May dem Gast gequält. Trump gab sich beeindruckt vom protokollarischen Pomp - aber selbst das war nur von kurzer Dauer, wie das Darroch-Drama nun klarmacht.

Dieses Drama offenbart sich schon jetzt als abgekartetes Spiel. Denn vorher war alles im Reinen gewesen. Noch am 4. Juli, dem US-Nationalfeiertag, hatte Londons US-Botschaft augenzwinkernde Glückwünsche zur Unabhängigkeit der Ex-Kolonie ausgerichtet: "Wir lieben dich wirklich, Amerika!", twitterten die Diplomaten.

Zwei Tage später veröffentlichte das britische Boulevardblatt "Mail on Sunday" eine Auswahl der Darroch-Depeschen. Sie waren, wie sie sein sollten - schonungslos: Trump schlittere in einen Krieg mit Iran, stehe womöglich in der Schuld "dubioser Russen", dürfte "in Schande" abdanken. "Wir erwarten nicht, dass diese Regierung nennenswert normaler wird, weniger funktionsunfähig, weniger unberechenbar, weniger zerrissen, weniger diplomatisch plump und unfähig", schrieb Darroch. Er gab aber auch zu bedenken: "Schreibt ihn nicht ab" - Trump könnte "aus den Flammen wiederauferstehen" wie Arnold Schwarzeneggers Killer-Androide am Ende vom "Terminator".

"Eine ehrliche, ungeschminkte Einschätzung der Politik"

Der Leak ist in der Tat ein Skandal, der Inhalt weniger. Wer sich in Washington umhört, bekommt immer wieder Ähnliches zu hören. Viele Insider haben es beschrieben, oft unter Berufung auf Trump-Berater, allen voran Michael Wolff in seinem Skandalbuch "Feuer und Zorn".

Weshalb London zunächst mit den Schultern zuckte: "Die britische Öffentlichkeit erwartet, dass unsere Botschafter den Ministern eine ehrliche, ungeschminkte Einschätzung der Politik in ihrem Land geben", erklärte das Foreign Office anfangs. "Wir bezahlen sie dafür."

Doch in Washington regiert dieser Tage nicht die Wahrheit, sondern deren Vertuschung. Der selbst bekanntlich wenig diplomatische Trump - der Kritik gern austeilt, aber ungern einsteckt - explodierte: Er kenne Darroch nicht, twitterte er (eine Lüge), nannte den Botschafter aber trotzdem "sehr dämlich", "bekloppt" und "aufgeblasen". Und: "Wir werden uns nicht länger mit ihm abgeben."

Die Empörung war natürlich gespielt. Man denke nur an Trumps Hin und Her mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un, der ihn einst noch böser beschimpft hatte, als "dementen Greis" und "ängstlichen Hund" - bevor sie sich, so Trump, ineinander "verliebten".

Ein US-Botschafter Nigel Farage?

Mit Darroch verfolgte Trump eine spezifische Agenda: Er setzt auf den Europa-Spalter Boris Johnson als Mays Nachfolger und hätte dann am liebsten den Rechtspopulisten Nigel Farage als US-Botschafter - eine fixe Idee, die Trumps Haussender Fox News am Mittwoch prompt propagierte.

Auch Johnson las das zwischen den Zeilen der Trump-Tweets. Der Tory-Politiker weiß, dass Großbritannien die USA nach einem Brexit bitter braucht, dass es dann ein hartes Ringen um einen lebenswichtigen Handelspakt geben wird. Wie schnell das schiefgehen kann, hat die ganze Welt mit Trumps jüngsten Handelskriegen erleben dürfen.

Also weigerte sich Johnson in der TV-Debatte mit seinem Parteirivalen Jeremy Hunt am Dienstagabend, Darroch in Schutz zu nehmen. Der Botschafter habe daraufhin erkannt, dass Johnson ohne Not "Zivilbeamte opfern" würde und für ihn somit "das Spiel aus ist", berichtete die "Financial Times".

Da half es nichts, dass viele in London die Scharade durchschauten. Theresa May äußerte ihr "tiefes Bedauern" und lobte Darrochs lebenslangen "Dienst" am Vaterland. Ex-Botschafter Christopher Meyer nannte den Leak "schändlich" und Trumps Reaktion "gehässig". Er resümierte: "Ein schlechter Tag für die britische Diplomatie."

"Verräter Boris stützt Trump, nicht Großbritannien", schlagzeilte der "Daily Mirror".

insgesamt 41 Beiträge
Gluehweintrinker 10.07.2019
1. Kritik am US-König ist unerwünscht
Und so sorgt der amerikanische Autokrat weit über seine Landesgrenzen hinaus dafür, dass nur Bewunderung und Schmeicheleien sein geneigtes Ohr erreichen. Man wird sich ja wohl noch gegen Majestätsbeleidigung wehren dürfen! [...]
Und so sorgt der amerikanische Autokrat weit über seine Landesgrenzen hinaus dafür, dass nur Bewunderung und Schmeicheleien sein geneigtes Ohr erreichen. Man wird sich ja wohl noch gegen Majestätsbeleidigung wehren dürfen! Selbstkritik? Doch nicht bei Donald Trump The Greatest.
corvey 10.07.2019
2.
Hier haben die Amis wohl die Briten besiegt ....
Hier haben die Amis wohl die Briten besiegt ....
christofermer 10.07.2019
3. Wahrheit versus Meinung
Ist eigentlich die unverblümte Wahrheit noch von Interesse? geht es um Meinungen? Geht es um Trumps Meinung? Ein Narzisst mit mäßiger Intelligenz und Satzstrukturen eines 5 Jährigen........Also ich komme da auch auf Sätze [...]
Ist eigentlich die unverblümte Wahrheit noch von Interesse? geht es um Meinungen? Geht es um Trumps Meinung? Ein Narzisst mit mäßiger Intelligenz und Satzstrukturen eines 5 Jährigen........Also ich komme da auch auf Sätze wie: Trump sei "inkompetent" und das Weiße Haus "einzigartig dysfunktional". Es wird Zeit, dass Wahrheit auch ausgesprochen wird. Auch wenn es die narzisstische Eitelkeit dieses peinlichen Präsidenten verletz. Dieser Präsident schert sich auch ein Dreck um die Verletzungen, die er Anderen zufügt. Und die Würde seines Amtes ist auch schon lange ein Konjunktiv
Peter201 10.07.2019
4. Boris...
...ist der eigentliche Skandal. Seine eigene Mannschaft nicht zu unterstützen ist doch der eigentliche Verrat. Trumps Reaktion ûberrascht nicht und auch das Skandälchen, dass Informationen der Presse zugespielt wurden, ist im [...]
...ist der eigentliche Skandal. Seine eigene Mannschaft nicht zu unterstützen ist doch der eigentliche Verrat. Trumps Reaktion ûberrascht nicht und auch das Skandälchen, dass Informationen der Presse zugespielt wurden, ist im Vergleich zu Boris' Reaktion zu vernachlässigen. Das fängt ja gut an mit ihm...
raoul2 10.07.2019
5. Man hätte dem britischen Kim
mehr Unterstützung durch die eigenen Leute gewünscht - aber das sollte wohl nicht sein. Schade, denn er war einer der wenigen, die geschrieben haben, was sie sehen. Aber die Trump-Anhänger wollen's partout nicht sehen, was [...]
mehr Unterstützung durch die eigenen Leute gewünscht - aber das sollte wohl nicht sein. Schade, denn er war einer der wenigen, die geschrieben haben, was sie sehen. Aber die Trump-Anhänger wollen's partout nicht sehen, was Sache ist mit ihrem Präsidenten. Dann wird's wohl dem nordkoreanischen Kim überlassen bleiben, dem Riesenbaby die Maske vom Gesicht zu ziehen - es ist schon ein Treppenwitz der Geschichte, was hier passiert.

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